»Vielleicht sollten wir den nächsten dir überlassen, Enkelin.«
Ich war zu aufgebracht und wütend, um den Hass, den mein Gesicht zeigte, unter Kontrolle zu bringen. »Wie viel Stärke braucht man, um einen unbewaffneten Mann zu töten? Um jemand anderem den Befehl dazu zu erteilen? Und dann noch auf die Art ...« Ich schüttelte den Kopf. Der Schrei hallte immer noch in meinen Ohren wider. »Das war Grausamkeit und keine Gerechtigkeit!«
»War es das?« Zu meiner Überraschung sah Dekarta tatsächlich nachdenklich aus. »Diese Welt gehört dem Elysiumvater. Das ist unbestritten. Der Mann wurde dabei erwischt, wie er verbotene Bücher verteilte, Bücher, die diese Wirklichkeit leugnen. Und jeder Leser dieser Bücher — jeder gute Bürger, der Zeuge dieser Blasphemie wurde und sie nicht angezeigt hat — ist nun auch diesem Irrglauben verfallen, seinem Bemühen, Irrsinn zu verbreiten. Sie sind alle Kriminelle, die in unserer Mitte leben, die nicht die Absicht haben, Gold zu stehlen oder Leben, sondern Herzen. Gemüter. Vernunft und Frieden.« Dekarta seufzte. »Wahre Gerechtigkeit wäre es, die gesamte Nation auszulöschen; diesen Makel auszubrennen, bevor er sich weiter verbreiten kann. Stattdessen habe ich die Todesstrafe nur für alle in dieser Splittergruppe angeordnet und ihre Ehepartner und Kinder. Nur für diejenigen, die nicht mehr zu retten sind.«
Ich starrte Dekarta an und war zu entsetzt, um noch Worte zu finden. Jetzt wusste ich, warum der Mann sich umgedreht hatte, um sich selber aufzuspießen. Jetzt wusste ich, wohin Zhakkarn verschwunden war.
»Lord Dekarta hat ihm die Wahl gelassen«, fügte Viraine hinzu. »Springen wäre der einfachere Tod gewesen. Die Winde wirbeln sie normalerweise gegen den Stützpfeiler des Palastes, sie kommen nicht unten auf. Es ist ... schnell.«
»Ihr ...« Ich wollte meine Ohren wieder mit meinen Händen bedecken. »Ihr nennt Euch Diener von Itempas? Ihr seid tollwütige Untiere. Dämonen!«
Dekarta schüttelte den Kopf. »Ich bin ein Narr, immer noch etwas von ihr in dir zu suchen.« Er wandte sich ab und ging durch die Halle davon; sogar mit dem Stock war er langsam. Viraine begab sich an seine Seite, um ihm zu helfen, falls er stolperte. Er sah sich noch einmal zu mir um — Dekarta nicht.
Ich stieß mich von der Wand ab. »Meine Mutter lebte mehr in Brights Sinne, als Ihr es je könntet!«
Dekarta blieb stehen, und einen Herzschlag lang hatte ich Angst, weil mir klar wurde, dass ich zu weit gegangen war. Aber er drehte sich nicht um.
»Das ist wahr«, sagte Dekarta, seine Stimme war sehr leise. »Deine Mutter hätte überhaupt keine Gnade gezeigt.«
Er ging weiter. Ich lehnte mich wieder gegen die Wand und hörte lange nicht auf zu zittern.
An dem Tag blieb ich dem Salon fern. Ich hätte nicht dort neben Dekarta sitzen und Gleichgültigkeit heucheln können, während meine Gedanken immer noch von dem Schrei des Ketzers erfüllt waren. Ich war keine Arameri und würde nie eine sein, also warum sollte ich so tun als ob? Und für den Moment hatte ich andere Sorgen.
T’vril füllte Papiere aus, als ich sein Büro betrat. Bevor er aufstehen und mich begrüßen konnte, legte ich eine Hand auf seinen Schreibtisch. »Die Habseligkeiten meiner Mutter. Wo sind sie?«
Er machte seinen Mund zu und öffnete ihn wieder, um zu sprechen. »Ihre Wohnung ist in Turm Sieben.«
Nun war es an mir, zu zögern. »Ihre Wohnung ist unversehrt?«
»Als sie ging, ordnete Dekarta an, dass die Wohnung so bleiben soll, wie sie ist. Nachdem klar war, dass sie nicht zurückkehren würde ...« Er spreizte seine Finger. »Mein Vorgänger hing an seinem Leben und schlug deshalb nicht vor, die Wohnung auszuräumen. Mir geht es genauso.«
Dann fügte er, diplomatisch wie immer, hinzu: »Ich sorge dafür, dass Euch jemand den Weg zeigt.«
Das Zimmer meiner Mutter.
Der Diener hatte mich auf meinen unausgesprochenen Befehl hin allein gelassen. Als die Tür sich schloss, wurde es still. Ovale Sonnenlichtflecken bedeckten den Boden. Die Vorhänge waren schwer und hatten sich bei meinem Eintreten nicht bewegt. T’vrils Leute hatten das Zimmer sauber gehalten, und so tanzten nicht einmal ein paar Staubkörner im Licht. Wenn ich den Atem anhielt, kam ich mir vor wie in einem Porträt und nicht wie in einem Ort des Hier und Jetzt.
Ich machte einen Schritt vorwärts. Dies war das Empfangszimmer. Sekretär, Sofa, Tisch zum Teetrinken oder Arbeiten. Ein paar persönliche Noten hier und da — Bilder an der Wand, Skulpturen auf schmalen Regalbrettern, ein wunderschön geschnitzter Altar im Senmiten-Stil. Alles sehr elegant.
Nichts davon passte zu ihr.
Ich ging durch die Wohnung. Links war das Badezimmer. Größer als meins, aber meine Mutter hatte Baden immer geliebt. Ich erinnerte mich daran, wie ich in einem Schaumbad mit ihr gesessen und gekichert hatte, als sie ihre Haare auf ihrem Kopf auftürmte und dabei Grimassen schnitt ...
Nein. Ich musste damit aufhören, oder ich war bald zu nichts mehr zu gebrauchen.
Das Schlafgemach. Das Bett war oval und riesig, zweimal so groß wie meins, weiß, tief und mit Kopfkissen. Kommoden, ein Frisiertisch, eine Feuerstelle mit Kaminsims — reine Dekoration, da in Elysium keine Notwendigkeit für Feuer bestand —, ein weiterer Tisch. Auch hier gab es persönliche Gegenstände: Flaschen, die sorgfältig auf dem Frisiertisch angeordnet waren; die Favoriten meiner Mutter standen vorne. Einige Topfpflanzen, die nach so vielen Jahren übermäßig groß und von kräftigem Grün waren. Porträts an den Wänden.
Diese erregten meine Aufmerksamkeit. Ich ging zu dem Kaminsims, um mir das größte genauer ansehen zu können: die eingerahmte Darstellung einer gutaussehenden, blonden Amn-Frau. Sie war prächtig gekleidet, und ihre Haltung ließ darauf schließen, dass sie in einer wesentlich edleren Umgebung aufgewachsen war als ich. Irgendetwas an ihrem Ausdruck faszinierte mich. Ihr Lächeln kräuselte nur andeutungsweise ihre Lippen, und obwohl sie den Betrachter anschaute, war ihr Blick vage, nicht fokussiert. Tagträume? Sorgen? Der Künstler war ein Meister, dies einzufangen.
Die Ähnlichkeit zwischen ihr und meiner Mutter war auffallend. Es musste sich um meine Großmutter handeln, Dekartas tragisch verstorbene Frau. Kein Wunder, dass sie beunruhigt aussah: Sie hatte in diese Familie eingeheiratet.
Ich drehte mich um, um das ganze Zimmer auf mich wirken zu lassen. »Was warst du hier, Mutter?«, flüsterte ich. Meine Stimme durchbrach die Stille nicht. Hier, in diesem in sich geschlossenen, eingefrorenen Zeitausschnitt des Zimmers war ich nur eine Beobachterin. »Warst du die Mutter, an die ich mich erinnere, oder warst du eine Arameri?«
Dies hatte nichts mit ihrem Tod zu tun. Es war nur etwas, das ich unbedingt wissen musste.
Ich begann, die Wohnung zu durchsuchen. Das ging nur langsam vonstatten, weil ich es nicht über mich brachte, diesen Ort zu durchwühlen. Ich würde nicht nur die Bediensteten beleidigen, wenn ich das tat, sondern ich fand es auch meiner Mutter gegenüber respektlos. Sie hatte Ordnung immer geliebt.
Deshalb war die Sonne bereits untergegangen, als ich schließlich ein Kästchen in einem Fach im Kopfteil des Bettes fand. Mir war nicht einmal bewusst gewesen, dass sich dort ein Fach befand, bis ich meine Hand darauf abstützte und die Kante bemerkte. Ein Versteck? In das offene Kästchen war ein Bündel gefaltete und zusammengerollte Papiere hineingestopft. Ich streckte schon meine Hand danach aus, als ich auf einer Schriftrolle die Handschrift meines Vaters entdeckte.
Meine Hände zitterten, als ich das Kästchen aus dem Fach zog. Es hinterließ ein sauberes Viereck in der dicken Staubschicht in der Mitte des Fachs — die Diener hatten darin offensichtlich nicht saubergemacht. Vielleicht war ihnen genau wie mir nicht bewusst gewesen, dass sich das Kopfteil öffnen ließ. Ich pustete den Staub von der obersten Schicht Papiere und nahm das erste gefaltete Blatt hoch.