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Ein Liebesbrief von meinem Vater an meine Mutter.

Ich zog jedes einzelne Papier heraus, begutachtete es und sortierte dann nach Datum. Es waren alles Liebesbriefe von ihm an sie und von ihr an ihn, geschrieben innerhalb eines Zeitraums von einem Jahr. Ich schluckte schwer, wappnete mich geistig und begann, zu lesen.

Eine Stunde später hörte ich auf, legte mich auf das Bett und weinte mich in den Schlaf.

Als ich aufwachte, war das Zimmer dunkel.

Und ich hatte keine Angst. Ein schlechtes Zeichen.

»Du solltest nicht allein im Palast herumlaufen«, sagte der Lord der Finsternis.

Ich setzte mich auf. Er saß neben mir auf dem Bett und schaute zum Fenster. Der Mond stand hoch und war halb von einem Wolkenfetzen bedeckt; ich musste Stunden geschlafen haben. Ich rieb mein Gesicht und sagte ziemlich kühn: »Ich dachte, wir hätten eine Abmachung, Lord Nahadoth.«

Sein Lächeln war meine Belohnung, obwohl er mich immer noch nicht ansah. »Respekt, ja. Aber es gibt noch mehr Gefahren in Elysium außer mir.«

»Einige Dinge sind ein Risiko wert.« Ich schaute das Bett an.

Der Stapel Briefe lag dort mit anderen Kleinigkeiten, die ich aus dem Kästchen genommen hatte: ein Tütchen mit getrockneten Blumen, eine Locke schwarzes Haar, die wohl von meinem Vater stammte, ein aufgerolltes Stück Papier, auf dem ein paar durchgestrichene Zeilen eines Gedichts in der Handschrift meiner Mutter standen, und ein winziger silberner Anhänger an einem dünnen Lederband. Ich hob den Anhänger auf und versuchte erneut erfolglos herauszubekommen, um was es sich handelte. Er sah aus wie ein roher, platt geschlagener Klumpen, länglich mit spitzen Enden. Irgendwie kam er mir bekannt vor.

»Der Stein einer Frucht«, murmelte Nahadoth. Er beobachtete mich nun von der Seite.

Ja, so sah es aus — Aprikose vielleicht oder Ginkgo. Mir fiel ein, wo ich etwas Ähnliches gesehen hatte: aus Gold, um Ras Onchis Hals. »Warum ...?«

»Die Frucht stirbt, aber sie trägt den Funken neuen Lebens in sich. Enefa hatte die Macht über Tod und Leben.«

Ich runzelte verwirrt die Stirn. Vielleicht war der silberne Obstkern das Symbol Enefas, so wie Itempas weißer Jadering. Aber warum sollte meine Mutter ein Symbol Enefas besitzen? Oder besser gesagt — warum sollte mein Vater es ihr gegeben haben?

»Sie war die Stärkste von uns.« Nahadoth sah wieder hinaus zum Nachthimmel, obwohl es offensichtlich war, dass seine Gedanken ganz woanders weilten. »Wenn Itempas kein Gift benutzt hätte, hätte er sie niemals sofort töten können. Aber sie vertraute ihm. Liebte ihn.«

Er senkte seinen Blick, lächelte sanft, reuevoll zu sich selbst. »Andererseits ... ich ja auch.«

Ich ließ den Anhänger beinahe fallen.

Dies ist es, was die Priester mir beibrachten.

Es waren einmal drei große Götter. Bright Itempas, Lord des Tages, war der vom Schicksal oder vom Mahlstrom oder irgendeinem unergründlichen Plan zum Regieren bestimmte. Alles war in Ordnung, bis Enefa, seine Schwester — der Emporkömmling — beschloss, dass sie an Bright Itempas Stelle regieren wollte. Sie überzeugte ihren Bruder Nahadoth, ihr zu helfen, und zusammen mit einigen ihrer Gottkinder versuchten sie einen Handstreich. Itempas, mächtiger als beide Geschwister zusammen, schlug sie vernichtend. Er tötete Enefa, bestrafte Nahadoth und die Aufständischen und begründete einen noch größeren Frieden — denn ohne seinen dunklen Bruder und seine wilde Schwester, die es zu beschwichtigen galt, hatte er die Freiheit, der gesamten Schöpfung wahres Licht und Ordnung zu bringen.

Aber ...

»G-gift?«

Nahadoth seufzte. Hinter ihm bewegte sich unruhig sein Haar, wie Vorhänge, die in der nächtlichen Brise flatterten. »Wir haben die Waffe durch unsere Tändeleien mit den Menschen selber geschaffen, obwohl uns das lange nicht klar war.«

Der Lord der Finsternis begab sich auf die Erde und suchte Unterhaltung … »Die Dämonen«, flüsterte ich.

»Die Menschen machten aus diesem Wort ein Schimpfwort. Die Dämonen waren einst so schön und vollkommen wie unsere gottgeborenen Kinder — aber sterblich. Als sie in unsere Körper gesteckt wurden, lehrte ihr Blut unser Fleisch, wie man stirbt. Es war das einzige Gift, das uns etwas anhaben konnte.«

Aber die Geliebte des Lords der Finsternis konnte ihm nicht vergeben … »Ihr habt sie zur Strecke gebracht.«

»Sie hätten sich sonst mit Sterblichen vermischt und den Makel an ihre Nachkommen weitergereicht, bis die gesamte menschliche Rasse für uns tödlich gewesen wäre. Es schien damals eine weise Entscheidung zu sein. Aber Itempas ließ eine am Leben, in einem Versteck.«

Seine eigenen Kinder ermorden ... Ich schauderte. Also war die Geschichte der Priester wahr. Und trotzdem konnte ich die Scham in Nahadoth spüren, den fortwährenden Schmerz. Das bedeutete, dass auch die Version meiner Großmutter stimmte.

»Also benutzte Lord Itempas dieses ... Gift, um Enefa zu beruhigen, als sie ihn angriff.«

»Sie griff ihn nicht an.«

Übelkeit. Die Welt kippte im Inneren meines Kopfes um. »Dann ... Warum ... ?«

Er senkte den Blick. Sein Haar fiel nach vorne und verdeckte sein Gesicht, und ich wurde drei Nächte zurückversetzt, zu unserem ersten Treffen. Das Lächeln, das seine Lippen jetzt zeigten, war voller Bitterkeit.

»Sie stritten«, sagte er, »meinetwegen.«

Für einen kurzen Moment veränderte sich etwas in mir. Ich sah Nahadoth an und sah in ihm nicht das mächtige, unberechenbare, tödliche Wesen, das er war.

Ich wollte ihn. Wollte ihn anlocken. Ihn kontrollieren. Ich sah mich selbst nackt auf grünem Gras, meine Arme und Beine umschlangen Nahadoth, der auf mir erbebte — gefangen und hilflos in meiner Fleischeslust. Er war mein. Ich sah mir zu, wie ich sein mitternachtschwarzes Haar liebkoste, dann, wie ich hochschaute, damit er mir in die Augen sah, und wie ich aus selbstgefälliger, besitzergreifender Befriedigung lächelte.

Ich wies das Bild und das Gefühl von mir, sobald sie mir in den Sinn gekommen waren. Aber beides war eine weitere Warnung.

»Der Mahlstrom, der uns zeugte, war langsam«, sagte Nahadoth. Wenn er mein plötzliches Unbehagen spürte, so ließ er es sich nicht anmerken. »Ich war der Erstgeborene, dann kam Itempas. Für unzählbare Ewigkeiten waren wir alleine im Universum — zuerst Feinde, dann Geliebte. Er mochte es so.«

Ich versuchte, nicht an die Geschichten der Priester zu denken. Versuchte, mich nicht zu fragen, ob Nahadoth auch log — obwohl in seinen Worten Wahrhaftigkeit mitschwang, wie mir beinahe instinktiv bewusst wurde. Die Drei waren mehr als nur Geschwister, sie waren Naturgewalten, gegensätzlich, aber untrennbar miteinander verbunden. Ich, ein Einzelkind und Sterbliche, die noch nie einen Geliebten gehabt hatte, konnte nicht einmal ansatzweise ihre Beziehung verstehen. Aber ich fühlte mich verpflichtet, es zu versuchen.

»Als Enefa kam ... Lord Itempas sah sie als einen Eindringling?«

»Ja. Obwohl ... bevor sie kam, fühlten wir uns unvollständig. Wir waren geschaffen worden, um zu dritt zu sein, nicht zu zweit. Itempas störte auch das.«

Dann warf Nahadoth mir einen Seitenblick zu. Im Schatten meines Körpers, für einen kurzen Moment, wurde durch die unsichere Bewegung sein Gesicht zu einer einzigen Vollkommenheit der Linien und Konturen, die mich atemlos machte. Ich hatte noch nie so etwas Schönes gesehen. Sofort begriff ich, warum Itempas Enefa umbrachte, um ihn zu bekommen.

»Amüsiert es dich, zu hören, dass wir genauso egoistisch und stolz sein können wie die Menschen?« In Nahadoths Stimme war eine gewisse Schärfe zu hören, die ich kaum bemerkte. Ich konnte mich nicht von seinem Gesicht losreißen. »Wir haben euch nach unserem Vorbild erschaffen, denk daran. All unsere Fehler sind eure.«

»Nein«, sagte ich. »D-das Einzige, das mich überrascht, sind ... die Lügen, die man mir aufgetischt hat.«