»Weil ich dachte, dass Ihr mir mehr sagen würdet als ein Diener«, antwortete ich. Ich hatte Schwierigkeiten, meiner Stimme einen gleichmäßigen Klang zu verleihen, damit er nicht hinter meinen Verdacht kam. »Sofern ich Euch entsprechend motivieren konnte.«
»Habt Ihr mich deswegen provoziert?« Er schüttelte seinen Kopf und seufzte. »Nun ja. Gut zu wissen, dass Ihr wenigstens ein paar Eigenschaften der Arameri geerbt habt.«
»Die scheinen hier nützlich zu sein.«
Er neigte sarkastisch seinen Kopf. »Sonst noch etwas?«
Ich brannte darauf, noch mehr zu erfahren, aber nicht von ihm. Trotzdem würde es mir nicht gut zu Gesicht stehen, einen eiligen Eindruck zu machen.
»Stimmt Ihr Dekarta zu?«, fragte ich, um die Unterhaltung in Gang zu halten. »Dass meine Mutter diesen Ketzer härter behandelt hätte?«
»O ja.« Ich blinzelte überrascht, und er lächelte. »Kinneth war wie Dekarta, eine der wenigen Arameri, die unsere Rolle als Auserwählte von Itempas ernst genommen hat. Sie brachte Ungläubigen den Tod. Sie brachte jedem den Tod, der den Frieden bedrohte — oder ihre Macht.« Er schüttelte seinen Kopf, und sein Lächeln war wehmütig. »Ihr denkt, dass Scimina böse ist? Sci- mina hat keinen Weitblick, keine Vorstellungskraft. Eure Mutter war die leibhaftige Zielgerichtetheit.«
Er hatte wieder seinen Spaß, als er das Unbehagen sah, das wie ein Siegel auf meinem Gesicht stand. Es mag ja sein, dass ich jung genug war, um sie durch die verehrenden Augen der Kindheit zu sehen, aber so, wie man meine Mutter seit meiner Ankunft in Elysium beschrieben hatte, passte das nicht zu meinen Erinrierungen. Ich erinnerte mich an eine sanfte, warme Frau mit trockenem Humor. Sie konnte unbarmherzig sein, das schon — aber das stand der Gemahlin eines Herrschers auch zu, besonders, wenn man die Umstände in Darr zu dem Zeitpunkt berücksichtigt. Aber zu hören, dass sie auf einer Stufe mit Scimina stand und von Dekarta gelobt wurde ... das war nicht die Frau, die mich aufgezogen hatte. Das war eine andere Frau mit dem Namen meiner Mutter und ihrem Hintergrund, aber einer völlig anderen Seele.
Viraine spezialisierte sich auf die Magien der Seele. Habt Ihr etwas mit meiner Mutter gemacht?, wollte ich fragen. Aber die Erklärung wäre viel, viel zu einfach gewesen.
»Ihr solltet wissen, dass Ihr Eure Zeit verschwendet«, sagte Viraine. Er sprach leise, und sein Lächeln war während meines langen Schweigens verschwunden. »Eure Mutter ist tot. Ihr seid noch am Leben. Ihr solltet mehr Zeit darauf verwenden, dass das auch so bleibt, und weniger Zeit damit, Euch zu ihr zu gesellen.«
War es das, was ich tat?
»Guten Tag, Schreiber Viraine«, sagte ich und ging.
Danach verlor ich die Orientierung — im übertragenen und im wörtlichen Sinne.
Eigentlich ist es schwer, sich in Elysium zu verlaufen. Sicher, die Flure sehen alle gleich aus. Die Aufzüge sind auch manchmal verwirrt und bringen ihre Passagiere dorthin, wo sie am liebsten ·wären, anstatt dorthin, wo sie hin wollten. Man sagte mir, dass dies gerade für Kuriere mit Liebeskummer ein Problem ist. Dennoch sind die Hallen normalerweise voller Diener, die jedem, der ein Vollblutzeichen trägt, nur zu gerne weiterhelfen.
Ich bat nicht um Hilfe. Ich wusste, dass das dumm war, aber ein Teil von mir wollte keine Richtung. Viraines Worte hatten mich tief getroffen, und während ich durch die Flure ging, versorgte ich gedanklich meine Wunden.
Es stimmte, dass ich den Erbschaftswettbewerb vernachlässigt hatte, um mehr über meine Mutter zu erfahren. Die Wahrheit zu erfahren würde die Toten nicht wieder zum Leben erwecken, aber es konnte meinen Tod bedeuten. Vielleicht hatte Viraine recht, und mein Verhalten zeigte eine gewisse Tendenz zum Selbstmord. Seit dem Tod meiner Mutter hatte sich noch nicht einmal eine Jahreszeitenwende vollzogen. In Darr hätte ich genug Zeit und meine Familie an meiner Seite gehabt, um richtig trauern zu können, aber die Einladung meines Großvaters hatte das verkürzt. Hier in Elysium versteckte ich meine Trauer — was nicht hieß, dass ich sie weniger empfand.
In diesem Gemütszustand blieb ich stehen und fand mich an der Palastbibliothek wieder.
T’vril hatte sie mir an meinem ersten Tag in Elysium gezeigt. Unter normalen Umständen wäre ich zutiefst beeindruckt gewesen; die Bibliothek erstreckte sich über eine Fläche, die größer war als der Tempel von Sar-enna-nem in meinem Land. Die Bibliothek Elysiums enthielt mehr Bücher, Schriftrollen, Tafeln und Sphären, als ich in meinem ganzen Leben zusammengenommen gesehen hatte. Aber seit meiner Ankunft in Elysium benötigte ich ein ganz eigenartiges Wissen, und sogar die geballte Lehre des Königreichs der Hunderttausend konnte mir da nicht weiterhelfen.
Dennoch ... aus irgendeinem Grund fühlte ich mich jetzt von dem Ort angezogen.
Ich ging durch die Eingangshalle der Bibliothek, und nur das leise Echo meiner Schritte empfing mich. Die Zimmerdecke war dreimal mannshoch und wurde von riesigen runden Säulen und einem Labyrinth aus Bücherschränken, die vom Boden bis zur Decke reichten, gestützt. Sowohl die Schränke als auch die Säulen waren voll unzähliger Regalbretter mit Büchern und Schriftrollen, einige konnte man nur mit Leitern, die ich an jeder Ecke sah, erreichen. Hier und da befanden sich Tische und Stühle, an denen man sich niederlassen und stundenlang lesen konnte.
Trotzdem schien sonst niemand hier zu sein, was mich überraschte. Waren die Arameri so an Luxus gewöhnt, dass sie sogar diesen Schatzfundus für selbstverständlich hielten? Ich blieb stehen und betrachtete eine Mauer aus Büchern, die so dick waren wie mein Kopf, und dann erkannte ich, dass ich keins davon lesen konnte. Senmite — die Sprache der Amn — war seit dem Aufstieg der Arameri die Amtssprache. Die meisten Völker durften trotzdem immer noch ihre eigenen Sprachen sprechen, solange sie auch Senmite lernten. Das hier sah wie Teman aus. Ich schaute mir die nächste Wand an: Kenti. Irgendwo hier drin war wahrscheinlich auch ein Schrank mit Darren, aber ich hatte keine Ahnung, wo ich suchen sollte.
»Habt Ihr Euch verlaufen?«
Ich fuhr erschrocken zusammen, drehte mich um und sah eine kleine, gedrungene alte Amn-Frau, die nicht weit von mir entfernt um die Krümmung einer Säule spähte. Ich hatte sie überhaupt nicht bemerkt. Ihr mürrischer Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass sie wohl ebenfalls angenommen hatte, allein in der Bibliothek zu sein.
»Ich ...« Mir wurde klar, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Ich war ohne bestimmte Absicht hierhergekommen. Um Zeit zu gewinnen, sagte ich: »Gibt es hier ein Regal mit Darren? Oder wo sind die Senmite-Bücher?«
Wortlos zeigte die alte Frau auf etwas hinter mir. Ich drehte mich um und sah drei Regale voller Darren-Bücher. »Senmite fängt um die Ecke an.«
Ich kam mir sehr dumm vor, nickte zum Dank und sah mir das Darren-Regal an. Einige Minuten lang starrte ich die Bücher an, bevor mir klar wurde, dass die eine Hälfte Poesie und die andere Hälfte eine Sammlung von Märchen war, die ich mein ganzes Leben lang gehört hatte. Nichts Sinnvolles.
»Sucht Ihr etwas Bestimmtes?« Die Frau stand jetzt direkt neben mir. Ich schrak zusammen, weil ich nicht gehört hatte, dass sie sich bewegt hatte.
Durch ihre Frage merkte ich plötzlich, dass es wirklich etwas gab, das ich in der Bücherei in Erfahrung bringen konnte. »Informationen über den Krieg der Götter«, sagte ich.
»Religiöse Texte sind in der Kapelle, nicht hier.« Jetzt sah die Frau noch mürrischer aus. Vielleicht war sie die Bibliothekarin, wenn ja, hatte ich sie wohl beleidigt. Die Bibliothek hatte offensichtlich ohnehin zu wenig Publikumsverkehr, da musste man sie nicht noch mit einem anderen Ort verwechseln.
»Ich möchte keine religiösen Texte«, sagte ich schnell, in der Hoffnung, sie wieder zu beruhigen. »Ich möchte ... historische