Zeugnisse. Aufzeichnungen über Todesfälle. Journale, Briefe, Auslegungen von Schreibern ... alles, was zu der Zeit geschrieben wurde.«
Die Frau kniff ihre Augen zusammen und sah mich an. Außer ihr hatte ich noch keinen Erwachsenen in Elysium gesehen, der kleiner war als ich, was mich sicherlich getröstet hätte, wäre da nicht der feindselige Ausdruck auf ihrem Gesicht gewesen. Ich staunte über diese Feindseligkeit, weil sie dieselbe einfache weiße Uniform trug wie die meisten der Bediensteten. Eigentlich reichte sonst der Anblick des Vollblutzeichens auf meiner Stirn, um sie bis zur Unterwürfigkeit höflich werden zu lassen.
»Es gibt solche Dinge«, sagte sie. »Aber alle vollständigen Berichte über den Krieg sind von den Priestern massiv zensiert worden. Möglicherweise gibt es einige unberührte Quellen in privaten Sammlungen — man sagt, dass Lord Dekarta die wertvollsten in seinem Domizil verwahrt.«
Ich hätte es wissen müssen. »Ich würde gerne alles sehen, was Ihr habt.« Nahadoth hatte mich neugierig gemacht. Alles, was ich wusste, hatte ich von den Priestern erfahren. Vielleicht konnte ich aus den Lügen etwas Wahrheit herausholen, wenn ich die Berichte selber las.
Die alte Frau schürzte nachdenklich ihre Lippen und machte eine knappe Geste, dass ich ihr folgen sollte. »Hier entlang.«
Ich folgte ihr durch die gewundenen Gänge, und mein Staunen wuchs, als mir klar wurde, wie groß dieser Ort wirklich war. »Diese Bibliothek muss das gesamte Wissen der Welt enthalten.«
Meine verdrießliche Begleiterin schnaubte. »Nicht mehr als aus einigen Flecken der Menschheit über einige Jahrtausende hinweg. Und das auch noch ausgesucht und sortiert, zurechtgestutzt und verdreht, bis es den Machthabern in den Kram passte.«
»Selbst in verunreinigtem Wissen liegt noch Wahrheit, wenn man genau liest.«
»Nur wenn man weiß, dass das Wissen verunreinigt ist.« Die Frau ging um eine weitere Ecke und blieb stehen. Wir hatten eine Art Nexus in der Mitte des Labyrinths erreicht. Vor uns standen einige Bücherschränke, die wie eine gigantische sechsseitige Säule angeordnet worden waren. Jeder Schrank war gute fünf Fuß breit und so hoch und stabil, dass er die Zimmerdecke, die etwa zwanzig Fuß über uns war, stützte. Dieser Aufbau hatte etwas von einem jahrhundertealten Baumstamm. »Hier ist das, was Ihr sucht.«
Ich machte einen Schritt auf die Säule zu und blieb dann plötzlich unsicher stehen. Als ich mich umdrehte, merkte ich, dass die alte Frau mich mit lauerndem Blick beobachtete, was mich beunruhigte. Ihre Augen hatten die Farbe von minderwertigem Zinn.
»Entschuldigt«, sagte ich, von einem Instinkt angetrieben. »Hier gibt es sehr viel. Was schlagt Ihr vor, womit ich anfangen soll?«
Sie schaute finster und sagte: »Woher soll ich das wissen?« Dann drehte sie sich um und verschwand zwischen den Stapeln, bevor ich mich von dem Schock über diese offen zur Schau gestellte Unhöflichkeit erholen konnte.
Ich hatte allerdings andere Sorgen als eine übellaunige Bibliothekarin, und so wandte ich meine Aufmerksamkeit der Säule zu. Ich wählte zufällig ein Regal aus, überflog die Buchrücken nach Titeln, die interessant klangen, und begann meine Jagd.
Zwei Stunden später — ich hatte mich auf den Boden des Verbindungsraums gesetzt und Bücher sowie etliche Schriftrollen um mich herum ausgebreitet — ergriff mich Verzweiflung. Stöhnend warf ich mich mitten in den Büchern nach hinten und lag ausgebreitet auf ihnen. Wenn die Bibliothekarin mich so gesehen hätte, wäre sie mit Sicherheit böse geworden. Aufgrund der Kommentare der alten Frau hatte ich gedacht, dass der Krieg der Götter so gut wie nicht erwähnt werden würde, aber das Gegenteil war der Fall. Es gab vollständige Augenzeugenberichte des Kriegs. Es gab Berichte über andere Berichte und kritische Analysen über diese Berichte. Es gab so viele Informationen, dass ich Monate gebraucht hätte, um alles zu lesen, selbst wenn ich ab sofort ohne Pause weitergelesen hätte.
So sehr ich es auch versuchte, ich konnte die Wahrheit nicht aus dem, was ich gelesen hatte, herausfiltern. Alle Berichte bezogen sich auf dieselben Vorkommnisse: die Schwächung der Welt, in der alle Lebewesen von Wäldern bis hin zu starken, jungen Männern krank geworden waren und starben. Der Dreitagessturm. Die Zerschlagung der Sonne und ihre Erneuerung. Am dritten Tage hatten die Himmel geschwiegen, und Itempas war erschienen, um die neue Weltordnung zu verkünden.
Was fehlte, waren die Ereignisse vor diesem Krieg. Ich konnte sehen, dass die Priester fleißig gewesen waren, denn ich fand nichts, das die Beziehung der Götter vor dem Krieg beschrieb. Es wurde nichts erwähnt über die Bräuche oder den Glauben aus der Zeit vor den Dreien. Die wenigen Texte, die diese Thematik ansatzweise streiften, stellten nur fest, was Bright Itempas den ersten Arameri gesagt hatte: Enefa war Unruhestifterin und Verbrecherin, Nahadoth ihr willfähriger Mitverschwörer, Lord Itempas der Held, der erst betrogen wurde und dann triumphierte. Und ich hatte noch mehr Zeit verschwendet.
Ich rieb meine müden Augen und überlegte, ob ich es am nächsten Tag noch einmal versuchen oder einfach aufgeben sollte. Aber als ich meine Kraft zusammennahm, um aufzustehen, fiel mein Blick auf etwas an der Decke. Aus diesem Blickwinkel konnte ich sehen, wo zwei der Bücherschränke aufeinandertrafen, um die Säule zu bilden. Aber sie grenzten nur bedingt aneinander, dazwischen war eine Lücke von vielleicht sechs Zoll. Verwirrt setzte ich mich auf und betrachtete die Säule genauer. Sie sah aus wie immer — zusammengesetzt aus riesigen, schwer beladenen Bücherschränken, die Rücken an Rücken beinahe kreisförmig lückenlos angeordnet waren.
Ein weiteres Geheimnis von Elysium? Ich stand auf.
Der Trick war erstaunlich einfach, nachdem ich erst einmal genauer hingeschaut hatte. Die Bücherschränke bestanden aus schwerem, dunklem Holz, das von Natur aus schwarz war. Im Nachhinein schätzte ich, dass es aus Darr stammte, denn wir waren einmal dafür berühmt gewesen. Durch die Lücken konnte ich die Rückwand der anderen Bücherschränke sehen, ebenfalls aus Schwarzholz. Da die Ränder der Lücken schwarz waren und die Rückseiten der Schränke ebenfalls, wurden die Lücken nahezu unsichtbar, sogar wenn man nur ein paar Schritte entfernt war. Aber wenn man wusste, dass die Lücken dort waren ...
Ich spähte durch die nächste Lücke und sah eine weitläufige Fläche mit weißem Fußboden, eingezäunt von den Schränken. Hatte jemand versucht, diesen Ort zu verbergen? Das ergab keinen Sinn; der Trick war so simpel, dass jemand — wahrscheinlich viele Jemands — das Innere der Säule schon früher hatte finden müssen. Das ließ vermuten, dass man nicht verdecken, sondern ablenken wollte. Gelegentliche Besucher oder jemand, der nur vorübereilte, sollte das, was sich innerhalb der Säule befand, nicht sehen. Nur diejenigen, die die optische Täuschung kannten oder die lange genug nach Informationen suchten, würden es sehen.
Ich hörte wieder die Worte der alten Frau. Wenn man weiß, dass das Wissen verunreinigt ist ... Ja. Offensichtlich, wenn man wusste, dass es etwas zu finden gab.
Die Lücke war eng. Dieses eine Mal war ich dankbar, dass ich eine Knabenfigur hatte, weil ich mich deshalb einfacher zwischen den Regalen durchquetschen konnte. Aber dann stolperte ich und fiel beinahe hin. Als ich erst einmal innerhalb der Säule war, sah ich, was sie wirklich verbarg.
Und dann hörte ich eine Stimme, nur, es war keine Stimme, und er fragte: »Liebst du mich?«
Und ich sagte: »Komm, und ich werde es dir zeigen«, und breitete meine Arme aus. Er kam zu mir und zog mich hart an sich, und ich sah das Messer in seiner Hand nicht. Nein, nein, da war kein Messer; wir brauchten solche Dinge nicht. Nein, da war ein Messer, später, und der Geschmack von Blut war klar und seltsam in meinem Mund, als ich aufsah und seinen furchtbaren, furchtbaren Blick sah ...