Aber was hatte es zu bedeuten, dass er mich vorher geliebt hatte?
Ich stolperte rückwärts gegen die Wand und konnte kaum atmen oder denken wegen der aufflammenden Angst, der unerklärlichen Übelkeit und dem unwiderstehlichen Drang, meinen Kopf mit meinen Händen zu umklammern und zu schreien.
Die letzte Warnung, ja. Ich bin normalerweise nicht so schwer von Begriff, aber man muss das verstehen. Es war einfach ein bisschen zu viel für mich.
»Braucht Ihr Hilfe?«
Mein Geist warf sich mit der Wucht eines ertrinkenden Opfers auf die Stimme der alten Bibliothekarin. Ich muss schon einen erbärmlichen Anblick geboten haben, als ich zu ihr herumwirbelte. Ich schwankte, mein Mund stand weit offen, meine Hände waren ausgestreckt und zu Krallen verformt.
Die alte Frau, die von einer der Schranklücken eingerahmt wurde, sah mich teilnahmslos an.
Mit einiger Anstrengung schloss ich meinen Mund und senkte meine Hände. Dann richtete ich mich aus der grotesken Hocke, in die ich zusammengesunken war, auf. Innerlich zitterte ich immer noch, aber ein Hauch meiner Würde kehrte zu mir zurück.
»Ich ... ich, nein«, brachte ich nach einer Weile heraus. »Nein. Mir ... geht es gut.«
Sie sagte nichts und beobachtete mich weiter. Ich wollte ihr sagen, sie solle fortgehen, aber mein Blick wurde von dem Ding, das mich so sehr geschockt hatte, wieder angezogen.
Von der Rückseite eines Bücherschranks, starrte der Herr des Lichts und der Ordnung mich an. Er war nur ein Kunstwerk — ein Relief im Amn-Stil. Die Konturen waren in eine weiße Marmorfliese gemeißelt und mit Blattgold ausgelegt worden. Trotzdem war es dem Künstler gelungen, Itempas sehr detailliert in Lebensgröße einzufangen. Er hatte die elegante Haltung eines Kriegers, sein Körper war breit und hatte starke Muskeln, seine Hände ruhten auf dem Griff eines riesigen, geraden Schwertes. Sein Gesicht war von ernster Vollkommenheit, und seine Augen hefteten sich wie Lichtkegel auf mich. Ich hatte Darstellungen von ihm in den Büchern der Priester gesehen, aber nicht so. Dort war er dünner, feingliedriger, wie ein Amn. Er wurde immer lächelnd gezeichnet und niemals mit einem so kalten Ausdruck.
Ich schob meine Hände hinter mich, um mich hochzudrücken — und spürte noch mehr Marmor unter meinen Fingern. Diesmal war der Schock nicht ganz so groß, als ich mich umdrehte. Teilweise hatte ich das, was ich sah, schon erwartet: Obsidian- intarsien mit einer Unzahl winziger, sternähnlicher Diamanten, die eine schlanke, sinnliche Gestalt bildeten. Ihre Hände waren von den Seiten aus nach vorne geworfen und verloren sich beinahe in dem ausgebreiteten Umhang aus Haar und Macht. Ich konnte das — frohlockende? schreiende? — Gesicht der Gestalt nicht sehen, da es aufwärts gerichtet war und von dem offenen, heulenden Mund beherrscht wurde. Aber ich wusste trotzdem, wer er war.
Außer ... ich runzelte verwirrt die Stirn und streckte meine Hand aus, um das zu berühren, was wie ein Wirbel aus Tuch oder die Rundung einer Brust aussah.
»Itempas zwang ihn in eine einzige Form«, sagte die Alte mit sehr leiser Stimme. »Als er frei war, war er alles Schöne und Schreckliche zugleich.« Ich hatte noch nie eine treffendere Beschreibung gehört.
Aber es gab noch eine dritte Fliese zu meiner Rechten. Ich sah sie aus dem Augenwinkel. Hatte sie von dem Moment an gesehen, als ich zwischen den Regalen durchgeschlüpft war. Ich hatte vermieden, sie anzusehen. Die Gründe dafür hatten nichts mit meiner Vernunft zu tun, sondern nur mit dem, was ich tief drinnen in dem unvernünftigen Kern meiner Instinkte vermutete.
Ich drehte mich um und zwang mich, die dritte Fliese anzusehen, während die alte Frau mich beobachtete.
Verglichen mit ihren Brüdern war Enefas Bildnis sittsam. Unspektakulär. Im Profil saß sie auf grauem Marmor, gekleidet in ein einfaches Unterhemd, und ihr Gesicht war dem Boden zugewandt. Die Feinheiten fielen erst dann auf, wenn man näher hinsah. In ihrer Hand hielt sie eine kleine Sphäre — ein Gegenstand, den man sofort erkannte, wenn man Si’ehs Sonnensystemmodell gesehen hatte. Und jetzt verstand ich auch, warum er seine Sammlung so sehr schätzte. Ihre Haltung war gespannt und voller Energie, eher kauernd als sitzend. Obwohl ihr Gesicht nach unten gerichtet war, blickten ihre Augen nach oben und den Betrachter seitlich an. Irgendetwas an ihrem Blick war ... nicht verführerisch. Dafür war er zu offen. Auch nicht skeptisch. Aber ... abschätzend. Ja. Sie sah mich an, durch mich hindurch und wägte alles, was sie sah, ab.
Ich streckte meine zitternde Hand aus, um ihr Gesicht zu berühren. Es war runder als meins, hübscher, aber die Linien waren dieselben, die ich auch im Spiegel sah. Das Haar war länger, aber die Locken passten. Der Künstler hatte ihre Iris mit blassgrüner Jade ausgelegt. Wenn die Haut jetzt noch braun anstatt marmor- farben gewesen wäre ... Ich schluckte und zitterte noch mehr.
»Wir wollten es dir noch nicht sagen«, sagte die alte Frau.
Sie war direkt hinter mir, obwohl sie eigentlich zu dick war, um sich durch die Lücke zu quetschen. Als Mensch wäre sie es gewesen. »Es war reiner Zufall, dass du dich entschlossen hast, jetzt zur Bibliothek zu kommen. Ich hätte vielleicht eine Möglichkeit finden können , um dich in eine andere Richtung zu lenken, aber ...« Ich hörte mehr, dass sie die Schultern zuckte, als dass ich es sah. »Du hättest es ohnehin früher oder später herausgefunden.«
Ich sank zu Boden und kauerte vor der Itempas-Wand, als ob Er mich schützen würde. Mir war durch und durch kalt, meine Gedanken schrien und wirbelten wild durcheinander. Diese erste, wesentliche Verbindung herzustellen hatte meine Fähigkeit, noch weitere herzustellen, zerstört.
So fühlt sich Wahnsinn an, wurde mir klar.
»Werdet Ihr mich töten?«, flüsterte ich der alten Frau zu. Sie trug kein Zeichen auf ihrer Stirn. Das war mir entgangen — für mich war die Abwesenheit der Zeichen immer noch normaler als ihr Vorhandensein. Es hätte mir auffallen müssen. Sie hatte eine andere Figur in meinem Traum, aber ich wusste jetzt, wer sie war: Kurue die Weise, Anführerin der Enefadeh.
»Warum sollte ich das tun? Wir haben viel zu viel darin investiert, dich zu erschaffen.« Eine Hand fiel auf meine Schulter herab, und ich zuckte zusammen. »Aber du nützt uns nichts, wenn du wahnsinnig bist.«
Ich war nicht überrascht, als mich Dunkelheit umfing. Ich entspannte mich und ließ sie dankbar zu.
Geistige Gesundheit
Es war einmal ein
Es war einmal ein
Es war einmal ein
Aufhören. Das ist würdelos.
Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatte zwei ältere Brüder. Der älteste war dunkel, wild und glorreich, wenn auch ein bisschen ungehobelt. Der andere war mit der gesamten Helligkeit aller Sonnen erfüllt und war sehr streng und rechtschaffen. Sie waren viel älter als sie und standen sich sehr nahe, obwohl sie in der Vergangenheit oft mit großer Brutalität gegeneinander gekämpft hatten. »Wir waren damals jung und töricht«, sagte der Zweite Bruder jedes Mal, wenn das kleine Mädchen ihn danach fragte. »Sex hat mehr Spaß gemacht«, sagte der Erste Bruder. Diese Art Aussage machte den Zweiten Bruder sehr böse, was natürlich der Grund dafür war, warum der Erste Bruder es sagte. Das war es, wie das kleine Mädchen sie kennen und lieben lernte.
Ihr wisst, dass dies ein Gleichnis ist. Es handelt sich um das, was Euer sterblicher Geist begreifen kann.
So verlief die Kindheit des kleinen Mädchens. Die drei hatten keine Eltern, und so zog das kleine Mädchen sich selbst groß. Sie trank glänzendes Zeug, wenn sie Durst hatte, und legte sich an weichen Stellen hin, wenn sie müde war. Wenn sie Hunger hatte, zeigte ihr der Erste Bruder, wie sie Nahrung aus den Energien, die zu ihr passten, ziehen konnte, und wenn sie Langeweile hatte, brachte ihr der Zweite Bruder alles Wissen bei, das jemals entstanden war. So lernte sie Namen kennen. Der Ort, an dem sie lebten, hieß EXISTENZ — im Gegensatz zu dem Ort, woher sie stammten, der eine große, kreischende Masse aus Nichts war und MAHLSTROM genannt wurde. Die Spielzeuge und das Essen, das sie herbeirief, waren MÖGLICHKEIT, und das war eine sehr erfreuliche Substanz! Damit konnte sie alles bauen, was sie brauchte, und sogar die Beschaffenheit von EXISTENZ verändern — obwohl sie schnell lernte, lieber zu fragen, bevor sie das tat, weil der Zweite Bruder immer sehr aufgebracht war, wenn sie seine sorgfältig erstellten Regeln und Abläufe durcheinanderbrachte. Dem Ersten Bruder war das egal.