Im Laufe der Zeit ergab es sich, dass das kleine Mädchen mehr Zeit mit dem Ersten Bruder als mit dem Zweiten verbrachte, weil der Zweite sie nicht so sehr zu mögen schien. »Das ist schwer für ihn«, sagte der Erste Bruder, wenn sie sich beschwerte. »Wir waren allein, er und ich, für so lange Zeit. Jetzt bist du hier, und das ändert alles. Er mag keine Veränderung.«
Das hatte das kleine Mädchen bereits verstanden. Und das war auch der Grund, warum ihre Brüder so oft Streit miteinander hatten; denn wenn jemand die Veränderung liebte, dann der Erste Bruder. Oft wurde EXISTENZ dem Ersten Bruder langweilig, und er formte sie um, oder drehte sie von innen nach außen, nur um die andere Seite zu sehen. Der Zweite Bruder tobte jedes Mal, wenn das geschah, doch der Erste Bruder lachte über seinen Zorn, und ehe das kleine Mädchen zwinkern konnte, gingen sie aufeinander los. Sie zerrten und schlugen, bis etwas passierte, und dann klammerten sie sich fest und schnappten nach Luft. Wenn das geschah, wartete das kleine Mädchen geduldig, bis sie fertig waren und wieder mit ihr spielen konnten.
Nach einiger Zeit wurde aus dem kleinen Mädchen eine Frau. Sie hatte gelernt, mit ihren beiden Brüdern zu leben, mit jedem auf seine Weise — wild tanzend mit dem Ersten Bruder und zunehmend diszipliniert an der Seite des Zweiten. Jetzt ging sie ihren eigenen Weg, jenseits der Eigenheiten ihrer Brüder. Sie war bei ihren Kämpfen dazwischengegangen, um einerseits ihre Kraft im Kampf mit ihnen zu messen und sie andererseits zu lieben, wenn aus dem Streit Freude wurde. Sie hatte, obwohl die beiden das nicht wussten, begonnen, ihre eigenen, unabhängigen EXISTENZEN zu schaffen, in denen sie manchmal so tat, als ob sie keine Brüder hätte. Dort konnte sie MÖGLICHKEIT in umwerfende neue Formen und Bedeutungen bringen, von denen sie sicher war, dass keiner ihrer Brüder diese hätte schaffen können. Im Laufe der Zeit wurde sie darin immer geschickter, und ihre Kreationen machten sie so zufrieden, dass sie begann, sie in das Reich zu bringen, in dem ihre Brüder lebten. Sie tat dies zunächst unauffällig und passte sorgfältig auf, dass sie so in die ordentlichen Räume und Anordnungen des Zweiten Bruders passten, dass er nicht beleidigt wurde.
Der Erste Bruder, wie immer von allem Neuen entzückt, drängte sie dazu, mehr zu tun. Trotzdem fand die Frau, dass sie in gewissem Maße an der Ordnung des Zweiten Bruders Gefallen gefunden hatte. Sie baute die Vorschläge des Ersten Bruders ein, aber langsam und zielgerichtet. Sie achtete darauf, wie jede winzige Veränderung weitere bewirken konnte und manchmal Wachstum auf unerwartete, wunderbare Weise hervorrief.
Manchmal zerstörten die Veränderungen alles und zwangen sie dazu, von vorne anzufangen. Sie trauerte über den Verlust ihrer
Spielzeuge, ihrer Schätze, aber sie begann den Vorgang immer von Neuem. Wie die Finsternis des Ersten Bruders und das Licht des Zweiten Bruders, war dieses Talent etwas, das nur sie beherrschte. Der Drang, dies zu tun, war so wichtig für sie, wie zu atmen — genauso ein Teil von ihr wie ihre Seele.
Der Zweite Bruder fragte sie danach, nachdem er seine Verärgerung über ihr Flickwerk überwunden hatte. »Man nennt es Leben«, sagte sie, weil ihr der Klang des Wortes gefiel. Er lächelte zufrieden, denn ein Ding zu benennen heißt, ihm Ordnung und Sinn zu verleihen. Dann verstand er, dass sie das aus Respekt vor ihm getan hatte.
Aber sie ging zu dem Ersten Bruder, als sie Hilfe mit ihrem anspruchsvollsten Experiment brauchte. Der Erste Bruder war, wie sie erwartet hatte, begierig darauf, zu helfen — aber zu ihrer Überraschung gab es auch eine nüchterne Warnung. »Wenn das gelingt, wird es vieles verändern. Das ist dir bewusst, nicht wahr? Nichts in unserem Leben wird jemals wieder wie vorher sein.« Der Erste Bruder machte eine Pause, weil er sehen wollte, ob sie ihn verstanden hatte, und plötzlich war es ihr klar. Der Zweite Bruder mochte keine Veränderung.
»Nichts kann immer gleich bleiben«, sagte sie. »Wir wurden nicht für den Stillstand erschaffen. Sogar er muss das erkennen.«
Der Erste Bruder seufzte nur und sagte nichts mehr.
Das Experiment gelang. Das neue Leben quäkte, zitterte und äußerte vehemente Proteste, aber es war wunderbar in seiner Unfertigkeit, und die Frau wusste, dass das, was sie begonnen hatte, gut und richtig war. Sie nannte das Wesen »Si’eh«, weil das der Klang des Windes war. Und sie nannte seine Art Wesen »Kind«, was bedeutete, dass es die Fähigkeit hatte, heranzuwachsen und so zu werden, wie sie waren — und dass sie noch mehr davon erschaffen konnten.
Wie immer im Leben löste diese winzige Veränderung viele, viele andere aus. Die tiefgreifendste davon war eine, die auch sie nicht vorhergesehen hatte: Sie wurden eine Familie. Eine Weile waren alle damit glücklich — sogar der Zweite Bruder.
Aber nicht alle Familien bleiben bestehen.
Einst war da Liebe.
Mehr als Liebe. Und jetzt ist da mehr als Hass. Sterbliche haben keine Worte für das, was wir Götter fühlen. Nicht einmal Götter haben dafür Worte.
Aber so eine Liebe verschwindet nicht einfach, oder? Egal, wie stark der Hass ist, es gibt darunter immer noch ein wenig Liebe.
Ja. Furchtbar, nicht wahr?
Wenn der Körper angegriffen wird, reagiert er oft mit Fieber. Angriffe auf den Geist können denselben Effekt haben. Deshalb lag ich zitternd und besinnungslos fast drei Tage darnieder.
Einige Momente dieser Zeit tauchen wie Stilleben in meinem Gedächtnis auf — einige in Farbe und andere in Grauschattierungen. Eine einsame Gestalt steht an meinem Schlafzimmerfenster, groß und angespannt, mit unmenschlicher Wachsamkeit. Zhak- karn. Nach einem Lidschlag erscheint dasselbe Bild als Negativ: dieselbe Gestalt, umgeben von leuchtend weißen Wänden, und vor dem Fenster steht das schwarze Rechteck der Nacht. Nach einem weiteren Lidschlag ist da ein anderes Bild: Die alte Frau aus der Bibliothek beugt sich über mich und schaut mir vorsichtig in die Augen. Zhakkarn steht im Hintergrund und schaut zu.
»Wenn sie stirbt ...«
»Dann fangen wir von vorne an. Was sind schon ein paar Jahrzehnte mehr?«
»Nahadoth wird nicht erfreut sein.«
Ein raues, bedauerndes Lachen. »Du hast eine großartige Gabe für Untertreibungen, Schwester.«
»Si’eh auch,nicht.«
»Da ist Si’eh selbst schuld. Ich habe den kleinen Narren gewarnt, sich nicht zu sehr an sie zu hängen.«
Vorwurfsvolles Schweigen für eine Weile. »Hoffnung ist nichts Närrisches.«
Die Antwort ist ein Schweigen, das entfernt schamhaft wirkt.
Eins der Bilder in meinem Kopf unterscheidet sich von den anderen. Dieses ist wieder dunkel, auch die Wände sind dunkel geworden, und zu dem Bild gehört ein Gefühl. Ich nehme unheilvolles Gewicht und Druck wahr sowie eine sich anbahnende Wut. Zhakkarn steht diesmal nicht am Fenster, sondern in der Nähe einer Wand. Ihr Kopf ist respektvoll gebeugt. Im Vordergrund steht Nahadoth und starrt schweigend auf mich hinunter. Wieder einmal ist sein Gesicht verändert, und ich verstehe jetzt, warum Itempas ihn nur bis zu einem gewissen Grad kontrollieren kann. Er muss sich verändern, er ist Veränderung. Er könnte mich seine Wut, die die Luft schwer macht und meine Haut zum Jucken bringt, sehen lassen. Stattdessen ist er ausdruckslos. Seine Haut ist zu einem warmen Braun geworden, seine Augen sind viele Abstufungen von Schwarz, und seine Lippen rufen in mir die Sehnsucht nach weichen, reifen Früchten hervor. Das perfekte Gesicht, um einsame Darr-Mädchen zu verführen — obwohl das noch besser gelingt, wenn die Augen Wärme ausstrahlen.