Ich kann mich nicht erinnern, dass er etwas sagt. Als mein Fieber endlich sinkt und ich aufwache, ist er fort und das Gewicht seiner Wut auch — obwohl es nie völlig verschwindet... Auch das kann Bright Itempas nicht kontrollieren.
Morgendämmerung.
Ich setzte mich auf, fühlte mich schwer und hatte einen dicken Kopf. Zhakkarn stand immer noch am Fenster und warf mir über die Schulter hinweg einen Blick zu.
»Ihr seid wach.« Ich drehte mich um und sah Si’eh, der sich in einem Sessel neben dem Bett zusammengerollt hatte. Er faltete sich förmlich auseinander, kam auf mich zu und berührte meine Stirn. »Das Fieber ist gesunken. Wie fühlst du dich?«
Ich antwortete mit dem ersten klaren Gedanken, den ich fassen konnte. »Was bin ich?«
Er senkte seinen Blick. »Das ... darf ich dir nicht sagen.«
Ich schob die Decken beiseite und stand auf. Einen Moment lang war mir schwindlig, weil das Blut erst in meinen Kopf hinein- und dann wieder herausströmte, aber es ging vorbei und ich stolperte ins Badezimmer.
»Ich möchte, dass ihr beide verschwunden seid, wenn ich hier wieder herauskomme«, sagte ich über meine Schulter hinweg.
Weder Si’eh noch Zhakkarn antworteten. Im Badezimmer beugte ich mich über das Waschbecken und überlegte unter Schmerzen einige Momente lang, ob ich mich übergeben musste. Die Leere in meinem Bauch zog dann aber einen Schlussstrich unter die Angelegenheit. Meine Hände zitterten, während ich badete, mich abtrocknete und Wasser direkt aus dem Hahn trank. Ich verließ das Badezimmer, und es überraschte mich gar nicht, die beiden Enefadeh immer noch vorzufinden. Si’eh hatte seine Knie angezogen und saß auf meinem Bettrand. Er sah jung und beunruhigt aus. Zhakkarn hatte sich nicht vom Fenster wegbewegt.
»Die Worte müssen als Befehl formuliert werden«, sagte sie, »wenn du wirklich wünschst, dass wir gehen.«
»Mir ist egal, was ihr tut.« Ich fand Unterwäsche und zog sie an. Aus dem Schrank nahm ich das Erste, was ich sah — ein elegantes Amn-Etuikleid, dessen Muster meine nicht vorhandenen Kurven kaschieren sollten. Ich wählte Stiefel, die überhaupt nicht dazu passten, und setzte mich hin, um sie an meine Füße zu bringen.
»Wohin gehst du?«, fragte Si’eh. Er berührte ängstlich meinen Arm. Ich schüttelte meinen Arm, als ob ich ein Insekt verscheuchen wollte, und er zog seine Hand zurück. »Das weißt du selber nicht, oder? Yeine ...«
»Zurück zur Bibliothek«, sagte ich. Ich hatte das nur so gesagt, denn er hatte recht — ich hatte kein Ziel im Sinn außer weg.
»Yeine, ich weiß, dass du aufgebracht bist ...«
»Was bin ich?« Ich stand da mit einem angezogenen Stiefel und ging auf ihn los. Er wich zurück, wahrscheinlich, weil ich mich hinuntergebeugt hatte, um ihm die Worte ins Gesicht zu schreien. »Was? Was? Was bin ich, gottverdammt? Was ...«
»Dein Körper ist menschlich«, unterbrach Zhakkarn. Diesmal wich ich zurück. Sie stand in der Nähe des Betts und sah mich wie immer unbeteiligt an, obwohl in der Art, wie sie hinter Si’eh stand, etwas Beschützendes lag. »Dein Geist ist menschlich. Die Seele ist die einzige Veränderung.«
»Was bedeutet das?«
»Es bedeutet, dass du dieselbe Person bist, die du immer warst.« Si’eh sah sowohl kleinlaut als auch missmutig aus. »Eine normale, sterbliche Frau.«
»Ich sehe aus wie sie.«
Zhakkarn nickte. Sie hätte auch übers Wetter reden können. »Die Anwesenheit von Enefas Seele in deinem Körper hat einigen Einfluss.«
Ich zitterte und fühlte mich wieder krank. In mir war etwas, das nicht ich war. Ich rieb meine Arme und widerstand dem Drang, meine Fingernägel zu benutzen. »Könnt ihr sie entfernen?«
Zhakkarn blinzelte, und ich spürte, dass ich sie zum ersten Mal überrascht hatte. »Ja. Aber dein Körper hat sich an zwei Seelen gewöhnt. Möglicherweise würde er es nicht überleben, nur eine zu haben.«
Zwei Seelen. Irgendwie war das besser. Es war kein leeres Ding, das nur von einer fremden Macht zum Leben erweckt wurde. Immerhin war etwas in mir noch ich. »Könnt ihr es versuchen?«
»Yeine ...« Si’eh wollte meine Hand nehmen, aber er schien es sich anders zu überlegen, als ich zurückwich. »Sogar wir wissen nicht, was geschehen würde, wenn wir die Seele entfernen. Zuerst dachten wir, dass sie deine einfach verschlingen wird, aber das ist offensichtlich nicht geschehen.«
Ich muss verwirrt ausgesehen haben.
»Du bist immer noch bei Verstand«, sagte Zhakkarn.
Etwas inmir frisst mich auf. Ich ließ mich auf das Bett fallen und federte ein paarmal sinnlos auf und nieder. Sobald das Federn aufhörte, stand ich auf und humpelte mit nur einem Stiefel auf und ab. Ich konnte nicht stillhalten. Ich rieb mir die Schläfen, zupfte an meinen Haaren und fragte mich, wie lange ich noch bei Verstand bleiben würde mit diesen Gedanken im Kopf.
»Und du bist immer noch du«, sagte Si’eh eindringlich und lief mir beinahe hinterher. »Du bist die Tochter, die Kinneth gehabt hätte. Du hast nicht Enefas Erinnerungen oder ihre Persönlichkeit. Du denkst nicht wie sie. Das bedeutet, dass du stark bist, Yeine. Das kommt von dir, nicht von ihr.«
Ich lachte hysterisch, es klang wie Weinen. »Woher willst du das wissen?«
Er blieb stehen, und seine Augen hatten einen sanften, trauernden Ausdruck. »Wenn du sie wärest«, sagte er, »würdest du mich lieben.«
Ich blieb auch stehen und hielt den Atem an.
»Und mich«, sagte Zhakkarn. »Und Kurue. Enefa liebte alle ihre Kinder, sogar die, die sie irgendwann verraten haben.«
Ich liebte Zhakkarn oder Kurue nicht. Unwirsch stieß ich den angehaltenen Atem aus.
Aber ich zitterte wieder, zum Teil vor Hunger. Si’ehs Hand streifte schüchtern meine. Als ich mich diesmal nicht entzog, seufzte er und nahm meine Hand. Dann zog er mich zum Bett zurück, damit ich mich hinsetzte.
»Du hättest durch dein ganzes Leben gehen können, ohne es zu wissen«, sagte er, hob die Hand und streichelte meine Haare. »Du wärest älter geworden, hättest einen Sterblichen geliebt, vielleicht sterbliche Kinder bekommen und sie auch geliebt und wärst dann im Schlaf als alte, zahnlose Frau gestorben. Das war es, was wir für dich wollten, Yeine. Das hättest du gehabt, wenn Dekarta dich nicht hierher geholt hätte. Das hat uns in Zugzwang gebracht.«
Ich drehte mich zu ihm um. Auf diese Entfernung war der Drang zu stark, um ihm zu widerstehen. Ich legte meine Hand an seine Wange, lehnte mich vor und küsste ihn auf die Stirn. Er zuckte überrascht zusammen, lächelte dann aber schüchtern, und seine Wange fühlte sich warm in meiner Handfläche an. Ich lächelte zurück. Viraine hatte recht gehabt — es war so leicht, ihn zu lieben.
»Erzähl mir alles«, flüsterte ich.
Er fuhr zusammen, als ob der Blitz ihn getroffen hätte. Vielleicht hatte die Magie, die ihn dazu verpflichtete, den Befehlen der Arameri zu gehorchen, eine körperliche Auswirkung, vielleicht bereitete sie sogar Schmerzen. Auf jeden Fall war in seinen Augen eine andere Art Schmerz zu sehen, als ihm klar wurde, dass ich den Befehl mit Absicht gegeben hatte.
Aber ich war nicht präzise gewesen. Er hätte mir alles erzählen können, die Geschichte des Universums vom Anbeginn der Zeit, die Zahl der Farben des Regenbogens, die Worte, die sterbliches Fleisch wie einen Stein zerschmettern konnten. So viel Freiheit hatte ich ihm gelassen.
Stattdessen erzählte er mir die Wahrheit.