»Ja.« Ras zog eine Grimasse. »Ich könnte mir vorstellen, dass es noch mehr von diesen Annektierungen geben wird, jetzt, da die Uthre es der Welt vorgemacht haben. ›Frieden über alles; dies ist der Weg des Zeitalters der Helligkeit.‹«
Ich staunte über die Bitterkeit in ihrem Tonfall. Wenn ein Priester sie gehört hätte, wäre sie wegen Ketzerei verhaftet worden.
Wenn irgendein anderer Arameri sie gehört hätte ... ich schauderte, als ich mir ihre dürre Gestalt vorstellte, die auf den Pier hinausging und Zhakkarns Speer im Rücken hatte.
»Vorsicht, Tante«, sagte ich leise. »Ihr werdet nicht bis ins hohe Alter leben, wenn Ihr solche Dinge laut aussprecht.«
Ras lachte leise. »Wohl wahr. Ich werde vorsichtiger sein.«
Sie wurde wieder sachlich. »Aber bedenkt dies, Lady Nicht- Arameri: Vielleicht haben die Uthre keinen Antrag eingereicht, weil sie wussten, dass ein anderer Antrag bereits bewilligt wurde — der klammheimlich zwischen die anderen Erlasse geschoben wurde, die das Konsortium in den letzten Monaten genehmigt hat.«
Ich erstarrte und runzelte die Stirn. »Ein anderer Antrag?«
Sie nickte. »Wie Ihr bereits sagtet, derlei Anträge haben seit Jahrhunderten keine Zustimmung mehr gefunden, und so würden zwei Anträge kurz hintereinander bestimmt nicht genehmigt werden. Und vielleicht wussten die Uthre sogar, dass der andere Antrag bessere Aussichten hatte, genehmigt zu werden, da er den Absichten von jemandem mit großer Macht sehr entgegenkam. Einige Kriege sind schließlich nutzlos ohne Todesfälle.«
Ich starrte sie an, viel zu verblüfft, um meine Verwirrung oder meinen Schock zu verbergen. Ein genehmigter Kriegsantrag hätte das Gesprächsthema des gesamten Adels sein müssen. Es hätte Wochen gedauert, bis das Konsortium ihn durchdiskutiert — geschweige denn genehmigt — hätte. Wie konnte jemand einen Antrag durchbekommen, ohne dass die halbe Welt davon hörte?
»Wer?«, fragte ich. Aber in mir keimte bereits ein Verdacht auf.
»Niemand kennt den Befürworter des Antrags, Lady, und niemand weiß, um welche Länder es sich handelt, egal, ob als Eindringling oder als Ziel. Uthr grenzt im Osten an Tema. Uthr ist klein — jetzt größer —, aber die herrschende Familie und die Te- manische Triadice sind durch Heirat und Freundschaft seit Generationen verbunden.«
Und Tema, wurde mir jetzt klar — und mich fröstelte —, war eine der Nationen, die Scimina verpflichtet waren.
Also hatte Scimina den Antrag befürwortet. Und sie hatte seine Genehmigung geheim gehalten, obwohl das wahrscheinlich ein Meisterstück an politischen Winkelzügen erfordert hatte. Aber das warf zwei äußerst wichtige Fragen auf: Warum hatte sie es getan? Und welches Königreich würde dem Angriff demnächst zum Opfer fallen?
Relads Warnung. Wenn du jemanden oder etwas liebst, sei vorsichtig.
Meine Kehle und meine Hände wurden trocken. Ich wollte jetzt ganz dringend zu Scimina gehen.
»Vielen Dank dafür«, sagte ich zu Ras. Meine Stimme war höher als sonst. Meine Gedanken rasten und waren bereits woanders. »Ich werde das Beste aus der Information machen.«
Sie nickte, humpelte hinaus und tätschelte im Vorbeigehen meinen Arm. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich vergaß, mich zu verabschieden, aber dann riss ich mich zusammen und drehte mich um, gerade als sie die Tür öffnete.
»Was ist es, das eine Arameri wissen sollte, Tante?«, fragte ich. Seit unserem ersten Treffen hatte ich mich das gefragt.
Sie hielt an und warf einen Blick zurück zu mir. »Wie man grausam ist«, sagte sie sehr leise. »Wie man Leben wie Währung ausgibt und den Tod selbst als Waffe benutzt.« Sie senkte ihren Blick. »Eure Mutter hat mir das einmal gesagt. Ich habe es niemals vergessen.«
Ich starrte sie an; mein Mund war staubtrocken.
Ras Onchi verbeugte sich respektvoll vor mir. »Ich werde beten«, sagte sie, »dass Ihr das niemals selbst herausfinden werdet.«
Zurück nach Elysium.
Ich hatte meine Fassung weitestgehend wiedergefunden, als ich auf die Suche nach Seiminas Wohnung ging. Ihr Quartier war nicht weit von meinem entfernt, da alle Vollblut-Arameri in Elysium auf der obersten Etage des Palastes untergebracht sind. Sie war noch einen Schritt weiter gegangen und hatte einen der größten Türme Elysiums zu ihrem Domizil erkoren, was bedeutete, dass die Aufzüge mir nicht weiterhalfen. Mit der Hilfe eines vorübereilenden Dieners fand ich die mit Teppich ausgelegten Stufen, die hinauf in den Turm führten. Die Treppe war nicht sehr hoch — vielleicht drei Stockwerke —, aber meine Oberschenkel brannten, als ich die Plattform erreichte, und ich fragte mich, warum sie sich diesen Wohnort ausgesucht hatte. Hochblütige, die gut in Form waren, hatten sicherlich keine Probleme, und die Bediensteten mussten sich fügen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand, der so kränklich war wie, sagen wir, Dekarta, den Aufstieg überstehen würde. Vielleicht war gerade das der Sinn der Sache.
Als ich klopfte, sprang die Tür auf. Drinnen fand ich mich in einem gewölbten Korridor wieder. Er wurde auf beiden Seiten gesäumt von Statuensockeln, Fenstern und Vasen, in denen sich eine Art Blume befand. Ich erkannte keine der Statuen: hübsche junge Männer und Frauen, die sich nackt in künstlerischen Posen präsentierten. Der Korridor mündete in ein kreisförmiges Zimmer, das mit Kissen und niedrigen Tischen möbliert war — aber es gab keine Stühle. Seiminas Gäste sollten offensichtlich stehen oder auf dem Boden sitzen.
In der Mitte des runden Raumes stand ein Sofa auf einem Podest. Ich fragte mich, ob es Seiminas Absicht war, dass das Zimmer wie ein Thronsaal wirkte.
Scimina war nicht anwesend. Allerdings sah ich einen weiteren Flur, der anscheinend in die Privatgemächer der Wohnung führte. Da ich annahm, dass sie mich warten lassen wollte, seufzte ich, ließ mich nieder und sah mich um. Dann bemerkte ich den Mann.
Er saß mit dem Rücken an eins der breiten Fenster gelehnt.
Seine Haltung war eher unverschämt als lässig. Er hatte ein Bein angezogen, und sein Kopf hing träge zur Seite. Es dauerte einen Moment, bis ich bemerkte, dass er nackt war, da er sehr langes Haar hatte, das über die Schulter herunterhing und den Großteil seines Körpers bedeckte. Nach einem weiteren Moment wurde mir eiskalt, als ich begriff, dass ich Nahadoth vor mir hatte.
Zumindest dachte ich, dass er es war. Sein Gesicht war wie immer wunderschön, aber merkwürdig, und mir wurde klar, dass es zum ersten Mal bewegungslos war — einfach ein Gesicht, feste Gesichtszüge und nicht das sich ständig verändernde Mischmasch, das ich sonst sah. Seine Augen waren braun und nicht die endlosen, schwarzen Tiefen, die ich in Erinnerung hatte. Seine Haut war blass, aber es war eine menschliche Blässe, wie die der Amn und nicht wie der Glanz des Mond- oder Sternenlichts. Er beobachtete mich träge und bewegte sich nur, um mit den Augen zu blinzeln. Ein schwaches Lächeln kräuselte seine Lippen, die für meinen Geschmack etwas zu dünn waren.
»Hallo«, sagte er. »Lange nicht gesehen.«
Ich hatte ihn in der Nacht zuvor gesehen.
»Guten Morgen, Lord Nahadoth«, sagte ich und versteckte meine Unsicherheit hinter Höflichkeit. »Geht es Euch ... gut?«
Er bewegte sich etwas — gerade genug, dass ich das silberne Halsband um seinen Hals sehen konnte und die Kette, die davon herabhing. Plötzlich verstand ich. Am Tage bin ich ein Mensch, hatte Nahadoth gesagt. Keine Macht außer Itempas konnte den Lord der Finsternis bei Nacht an die Kette legen, aber am Tage war er schwach. Und ... anders. Ich sah forschend in sein Gesicht, aber ich sah nichts von dem Wahnsinn, der dort an meinem ersten Abend in Elysium zu sehen gewesen war. An seiner Stelle sah ich Berechnung.