»Mir geht es sehr gut«, sagte er. Er berührte mit seiner Zunge seine Lippen, was mich an eine Schlange erinnerte, die die Luft prüft. »Den Nachmittag mit Scimina zu verbringen ist normalerweise sehr erfreulich. Obwohl mir so schnell langweilig wird.« Er hielt für die Länge eines Atemzugs inne. »Abwechslung hilft.«
Es gab keinen Zweifel daran, was er meinte — nicht, solange seine Augen mir die Kleider vom Leibe rissen, während ich dastand. Ich glaube, er wollte, dass seine Worte mich verunsicherten, aber stattdessen verhalfen sie mir seltsamerweise zu klaren Gedanken.
»Warum legt sie Euch an die Kette?«, fragte ich. »Um Euch an Eure Schwäche zu erinnern?«
Seine Augenbrauen hoben sich ein wenig. Er sah nicht wirklich überrascht aus, es war nur ein kurzes Aufflackern von Interesse. »Stört dich das?«
»Nein.« Er wusste, dass ich log, wie ich sofort an der Schärfe in seinem Blick merkte.
Er lehnte sich vor, und die Kette machte ein kaum hörbares Geräusch, wie entfernte Glöckchen. Seine Augen waren menschlich und hungrig und so unwahrscheinlich grausam. Sie entblößten mich erneut, aber diesmal nicht auf sexuelle Art. »Du liebst ihn nicht«, sagte er nachdenklich. »Du bist nicht so dumm. Aber du willst ihn.«
Das gefiel mir nicht, aber ich hatte nicht die Absicht, das zuzugeben. Dieser Nahadoth hatte etwas von einem Tyrannen, und in deren Gegenwart zeigte man keine Schwäche.
Während ich noch über meine Antwort nachdachte, wurde sein Lächeln breiter.
»Du kannst mich haben«, sagte er.
Für den Bruchteil einer Sekunde war ich besorgt, dass der Gedanke mich in Versuchung führen konnte. Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen — ich fühlte mich nur abgestoßen. »Danke, aber nein danke.«
Er senkte seine Augen in einer Parodie höflicher Verlegenheit. »Verstehe. Ich bin nur die menschliche Hülle, und du willst mehr.
Das nehme ich dir nicht übel. Aber ...« Und an dieser Stelle warf er mir durch seine Wimpern einen Blick zu. Von wegen Tyrann — in seinem Gesicht stand das pure und reine Böse. Da war die sadistische Schadenfreude, die sich an meinem Entsetzen am ersten Abend geweidet hatte. Diesmal war sie aber noch bestürzender, weil sie diesmal einem klaren Verstand entsprang. Diese Version von Nahadoth untermauerte die warnenden Geschichten der Priester und die Furcht der Kinder vor der Dunkelheit.
Und es gefiel mir gar nicht, mit ihm allein in einem Zimmer zu sein. Ganz und gar nicht.
»Dir ist klar«, sagte er affektiert, »dass du ihn nie haben kannst? So nicht. Dein Geist und dein Fleisch sind schwach und sterblich und würden von dem Ansturm seiner Macht zerschmettert werden. Von dir würde nicht einmal genug übrig bleiben, um es nach Darr zurückzuschicken.«
Ich verschränkte die Arme und starrte demonstrativ in den Flur hinter Seiminas Sofathron. Wenn sie mich noch länger warten ließ, würde ich einfach gehen.
»Ich dagegen ...« Plötzlich stand er auf und durchquerte das Zimmer, bis er mir entschieden zu nahe kam. Ich erschrak und verlor meine gleichgültige Haltung, während ich versuchte, ihm die Stirn zu bieten und gleichzeitig rückwärts zu stolpern. Ich war nicht schnell genug, und er packte mich an den Armen. Bis dahin war mir nicht bewusst gewesen, wie groß er war. Er war wesentlich größer als ich und hatte kräftige Muskeln. In seiner Nachtgestalt war mir sein Körper nicht aufgefallen — jetzt war er mir sehr, sehr bewusst und auch die Gefahr, die er darstellte.
Er stellte das unter Beweis, indem er mich herumwirbelte und mich von hinten wieder festnagelte. Ich wehrte mich, aber seine Finger schlössen sich um meine Arme, bis ich aufschrie und mir vor Schmerz die Tränen in die Augen stiegen. Als ich aufhörte zu zappeln, wurde sein Griff lockerer.
»Ich kann dir einen Vorgeschmack auf ihn geben«, flüsterte er mir ins Ohr. Sein Atem fühlte sich heiß an meinem Hals an, und ich bekam am ganzen Körper Gänsehaut.
»Ich könnte dich den ganzen Tag reiten ...«
»Lasst mich sofort los.« Ich quetschte den Befehl durch meine Zähne und betete, dass er Wirkung zeigen würde.
Seine Hände gaben mich frei, aber er ging nicht weg. Stattdessen entwand ich mich ihm und hasste mich dafür, als ich mich umdrehte und sein Lächeln sah. Es war kalt, dieses Lächeln, was die ganze Situation noch schlimmer machte. Er wollte mich — das war deutlich genug —, aber Sex war das Wenigste. Meine Angst und mein Abscheu erfreuten ihn, genau wie mein Schmerz, als er meine Arme quetschte.
Das Schlimmste aber war, dass er den Moment genoss, in dem mir klar wurde, dass er nicht gelogen hatte. Ich hatte vergessen, dass die Nacht nicht nur die Zeit der Verführer, sondern auch die der Vergewaltiger war — nicht nur Leidenschaft, sondern auch Gewalt. Diese Kreatur war mein Vorgeschmack auf den Lord der Finsternis. Bright Itempas möge mir helfen, wenn ich jemals wahnsinnig genug wäre, mehr zu wollen.
»Naha.« Seiminas Stimme ließ mich zusammenschrecken und herumfahren. Sie stand neben dem Sofa, eine Hand auf der Hüfte und lächelte mich an. Wie lange hatte sie da schon gestanden und zugesehen? »Du bist unverschämt zu meinem Gast. Tut mir leid, Cousine, ich hätte seine Leine kürzen sollen.«
Ich fühlte alles, aber keine Dankbarkeit. »Ich habe nicht die Geduld für solche Spielchen, Scimina«, fuhr ich sie an. Ich war zu wütend und, ja, verängstigt, um taktvoll zu sein. »Sag mir, was du willst, und lassen wir es dabei bewenden.«
Scimina zog eine Augenbraue hoch, olfensichtlich amüsiert von meiner Unhöflichkeit. Sie lächelte zu Nahadoth — nein, Naha, entschied ich. Der Gottesname passte nicht zu dieser Kreatur. Er stellte sich neben sie und wandte mir den Rücken zu. Sie fuhr mit den Fingerknöcheln einer Hand über seinen Arm und lächelte. »Hat er dein Herz dazu gebracht, schneller zu schlagen? Unser Naha hat diese Wirkung manchmal auf Unerfahrene. Du kannst ihn dir übrigens gerne ausleihen. Wie du gesehen hast, ist er auf jeden Fall aufregend.«
Ich beachtete das nicht — aber mir entging nicht der Blick, mit dem Naha sie jetzt, da sie ihn nicht sehen konnte, anschaute. Sie war eine Närrin, ihn in ihr Bett zu lassen.
Und ich war eine Närrin, hier herumzustehen. »Guten Tag, Scimina.«
»Ich dachte, dich würde ein Gerücht, das ich gehört habe, interessieren«, sagte Scimina hinter meinem Rücken. »Es betrifft deine Heimat.«
Ich hielt inne und hörte plötzlich Ras Onchis Warnung in meinen Gedanken.
»Deine Beförderung hat deinem Land neue Feinde verschafft, Cousine. Einige Nachbarn von Darr finden dich noch bedrohlicher als Relad oder mich. Ich denke, das ist verständlich — wir wurden hier hineingeboren und haben keine veralteten ethnischen Bindungen.«
Ich drehte mich langsam herum. »Du bist Amn.«
»Aber die Überlegenheit der Amn wird weltweit akzeptiert, wir bieten keine Überraschungen. Du allerdings stammst von einer Rasse ab, die immer aus Barbaren bestanden hat, egal, wie hübsch wir euch angezogen haben.«
Ich konnte sie nicht direkt nach dem Kriegsantrag fragen. Aber vielleicht ... »Was willst du damit sagen? Dass jemand Darr angreifen würde, nur weil ich von den Arameri vereinnahmt wurde?«
»Nein. Ich will damit sagen, dass jemand Darr angreifen würde, weil du immer noch wie eine Darre denkst, obwohl du jetzt Zugriff auf die Macht der Arameri hast.«
Mein Befehl an die mir unterstellten Nationen. Also das war die Entschuldigung, die sie benutzen wollte. Ich hatte sie dazu gezwungen, den Handel mit Darr wieder aufzunehmen. Natürlich würde man das als Vetternwirtschaft ansehen — und sie hatten vollkommen recht. Hätte ich meinem Volk mit meiner neuen Macht und meinem neuen Reichtum nicht helfen sollen? Was für eine Frau wäre ich, wenn ich nur an mich selbst denken würde?