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Eine Arameri-Frau, flüsterte eine leise, gemeine Stimme in meinem Hinterkopf.

Naha war hinter Scimina getreten und umarmte sie, das Bild eines Verliebten. Scimina streichelte geistesabwesend seine Arme, und er musterte ihren Hinterkopf mit mordlüsternen Blicken.

»Fühl dich nicht schlecht, Cousine«, sagte Scimina. »Im Grunde wäre es egal gewesen, was du tust. Einige Leute hätten dich auf jeden Fall gehasst, weil du nicht in ihr Bild einer Herrscherin passt. Schade, dass nur deine Augen Ähnlichkeit mit Kinneth haben.« Sie schloss ihre Augen und lehnte sich rücklings gegen Naha. Sie war ein Bild der Zufriedenheit. »Die Tatsache, dass du wirklich Darre bist, ist auch nicht hilfreich. Du hast ihre Kriegereinführung durchlaufen, nicht wahr? Da deine Mutter keine Darre war, wer hat für dich gebürgt?«

»Meine Großmutter«, antwortete ich leise. Es überraschte mich nicht, dass Scimina die Sitten der Darre kannte. Jeder konnte sich das Wissen aus Büchern aneignen.

Scimina seufzte und warf Naha einen Blick zu. Ich war überrascht, weil er seinen Ausdruck nicht änderte und noch mehr überrascht, als sie über den blanken Hass in seinen Augen lächelte.

»Weißt du, was in der Darre-Zeremonie passiert?«, fragte sie ihn. »Sie waren einmal ganz beachtliche Krieger — und matriarchalisch. Wir zwangen sie, damit aufzuhören, ihre Nachbarn zu erobern und ihre Männer wie Vieh zu behandeln, aber wie die meisten dieser Dunkelrassen, klammerten sie sich im Geheimen an ihre Traditionen.«

»Ich weiß, was sie einmal gemacht haben«, sagte Naha. »Sie fingen einen Jungen von einem verfeindeten Stamm, beschnitten ihn, päppelten ihn wieder auf und benutzten ihn dann für ihr Vergnügen.«

Mein Gesicht blieb ausdruckslos. Scimina lachte darüber, hob eine Locke von Nahas Haar zu ihren Lippen und beobachtete mich.

»Die Dinge haben sich geändert«, sagte sie. »Jetzt dürfen die Darre keine Jungs mehr entführen und verstümmeln. Jetzt überlebt ein Mädchen einen Monat allein im Wald und kommt dann nach Hause, um von einem Mann entjungfert zu werden, den ihr Bürge ausgewählt hat. Immer noch barbarisch und etwas, das wir unterbinden, wenn wir davon hören, aber es geschieht — besonders unter den Frauen der höheren Schicht. Und dann ist da noch der Teil, von dem sie dachten, dass sie ihn vor uns geheim gehalten haben: Das Mädchen muss ihn entweder im offenen Kampf besiegen und somit die Begegnung kontrollieren oder ihm unterliegen und dadurch lernen, was es heißt, sich einem Feind zu unterwerfen.«

»Das würde mir gefallen«, flüsterte Naha. Scimina lachte wieder und schlug ihn spielerisch auf den Arm.

»Das war klar. Sei jetzt still.« Ihr Blick glitt seitwärts zu mir. »Das Ritual ist im Prinzip das gleiche, oder nicht? Aber es hat sich so viel verändert. Jetzt haben Darre-Männer nicht mehr länger Angst vor Frauen — oder Respekt.«

Es war eine Feststellung, keine Frage, und ich war klug genug, nicht zu antworten.

»Wirklich, wenn man so darüber nachdenkt, war das frühere Ritual das zivilisiertere. Es brachte dem jungen Krieger nicht nur bei, wie man überlebte, sondern auch, seinen Feind zu respektieren und wie man ihn pflegt. Viele Mädchen haben später ihre Gefangenen geheiratet, nicht wahr? Also lernten sie sogar, zu lieben. Das heutige Ritual ... nun, was genau lernt man dadurch? Das ist die große Frage.«

Es lehrte mich, alles Notwendige zu tun, um das, was ich will, auch zu bekommen, du mieses Dreckstück.

Ich antwortete nicht, und nach einer Weile seufzte Scimina.

»Nun«, sagte sie, »an den Grenzen zu Darr werden neue Bündnisse gebildet, die der vermeintlich neuen Stärke Darrs die Stirn bieten sollen. Da Darr in Wirklichkeit aber keine neue Stärke hat, bedeutet das, dass die ganze Region instabil wird. Schwer zu sagen, was unter diesen Umständen geschehen wird.«

Meine Finger sehnten sich nach einem scharfen Stein. »Ist das eine Drohung?«

»Bitte, Cousine. Ich gebe lediglich Informationen weiter. Wir Arameri müssen aufeinander achtgeben.«

»Ich weiß deine Besorgnis zu schätzen.« Ich drehte mich um und wollte gehen, bevor ich mich nicht mehr beherrschen konnte. Diesmal war es Nahas Stimme, die mich anhielt.

»Hast du gewonnen?«, fragte er. »Bei deiner Kriegereinführung? Hast du deinen Gegner geschlagen, oder hat er dich vor der Zuschauermenge vergewaltigt?«

Mir war klar, dass ich nicht antworten sollte. Wirklich. Aber ich tat es trotzdem.

»Ich gewann«, sagte ich, »mehr schlecht als recht.« »Oh?«

Wenn ich meine Augen schloss, konnte ich es sehen. Sechs Jahre waren seit jener Nacht vergangen, aber die Gerüche des Feuers, der alten Felle, des Blutes und meines eigenen Gestanks nach einem Monat in der Wildnis waren immer noch lebhaft in meinem Gedächtnis.

»Die meisten Bürgen wählen einen Mann, der ein schlechter Krieger ist«, sagte ich leise. »Damit es für das Mädchen, das gerade der Kindheit entwachsen ist, leicht ist, ihn zu schlagen. Aber ich sollte ennu werden, und man zweifelte an mir, weil ich halb Amn war. Halb Arameri. Also wählte meine Großmutter den stärksten unserer männlichen Krieger.«

Ich hatte nicht erwartet, zu gewinnen. Ausdauer wäre genug gewesen, um als Krieger anerkannt zu werden — insofern hatte Scimina recht, dass sich vieles für uns geändert hatte. Aber Ausdauer reichte nicht aus, um ennu zu werden. Niemand würde mir gehorchen, wenn ich es zuließ, dass irgendein Mann mich in der Öffentlichkeit benutzte und dann noch in der ganzen Stadt damit angab. Ich musste gewinnen.

»Er besiegte dich«, sagte Naha. Er ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen, gierig nach meinem Schmerz.

Ich sah ihn an, und er kniff die Augen zusammen. Ich fragte mich, was er in dem Moment in meinem Blick sah.

»Ich bot ihnen eine gute Vorstellung«, sagte ich. »Genug, um die Anforderungen des Rituals zu erfüllen. Dann stach ich ihm mit einem Steinmesser, das ich in meinem Ärmel versteckt hatte, in den Kopf.«

Der Rat war deswegen ziemlich aufgebracht, besonders als klar wurde, dass ich nicht schwanger war. Schlimm genug, dass ich einen Mann getötet hatte — aber auch noch seinen Samen und die Stärke, die er zukünftigen Darre-Töchtern hätte geben können, zu verlieren? Eine Zeit lang machte der Sieg alles schlimmer für mich. Sie ist keine wahre Darre; wurde geflüstert. In ihr ist zu viel Tod.

Ich hatte ihn wirklich nicht töten wollen. Aber schlussendlich waren wir Krieger, und diejenigen, die meinen Aramerischen Tötungsinstinkt zu schätzen wussten, waren in der Überzahl. Zwei Jahre später wurde ich ennu.

Seiminas Gesichtsausdruck war nachdenklich und abwägend.

Naha allerdings war ernüchtert, und seine Augen zeigten ein dunkles Gefühl, das ich nicht näher definieren konnte. Wenn ich es in einem Wort beschreiben müsste, würde ich Bitterkeit sagen. Aber das war nicht weiter überraschend, nicht wahr? Ich war nicht so viel Darre wie angenommen, aber dafür umso mehr Arameri. Das war etwas, das ich an mir immer gehasst hatte.

»Er hat begonnen, dir nur noch ein Gesicht zu zeigen, nicht wahr?«, fragte Naha. Ich wusste sofort, wer »er« war. »So fängt es an. Seine Stimme wird tiefer, seine Lippen voller und seine Augen ändern ihre Form. Bald wird er wie etwas aus deinen süßesten Träumen aussehen, genau die richtigen Dinge sagen und die richtigen Stellen berühren.« Er drückte sein Gesicht in Seiminas Haare, als ob er Trost suchte. »Dann dauert es nicht mehr lange.«

Ich ging, getrieben von Angst und Schuldgefühlen sowie dem schleichenden, abscheulichen Gefühl, dass egal, wie viel Arameri ich war, es mir nicht helfen würde, hier zu überleben. Ich war lange nicht genug Arameri. Deshalb war ich zu Yiraine gegangen, das hatte mich zur Bibliothek und zum Geheimnis meiner beiden Seelen geführt und das war der Grund, warum ich hierhin gelangt war, tot.