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»Was soll ich deiner Meinung nach tun?«, fragte ich. Ich fühlte mich schwach, obwohl daran auch der Hunger schuld sein konnte. »Soll ich ihn an meinen Busen drücken, wenn er wiederkommt, und ihm sagen, dass alles wieder gut wird? Soll ich das auch bei dir tun?«

»Du solltest ihn nicht noch einmal verletzen«, sagte sie und verschwand.

Ich starrte die Stelle an, an der sie so lange gestanden hatte. Ich starrte immer noch, als Si’eh wiederkam und einen Teller vor mir absetzte.

»Die Diener hier fragen nicht«, sagte er. »Das ist sicherer so. Also wusste T’vril nichts davon, dass es dir schlecht geht, bis ich in der Küche auftauchte und nach Essen fragte. Er staucht gerade die Diener, die dir zugeteilt sind, zusammen.«

Auf dem Teller befand sich ein Darre-Festmahl. Maash-Pas- tete und Fisch, der in Callenablätter eingerollt war. Dazu gab es geröstete goldene Paprika, ein flaches Schiffchen mit Serryrelish und dünne, knusprig geringelte Fleischstreifen. In meinem Land wäre sie aus dem Herz eines bestimmten Faultiers gewesen, hier war es wahrscheinlich Rindfleisch. Und ein wahrer Schatz: eine ganze, geröstete Granbanane. Meine Lieblingsnachspeise, obwohl mir schleierhaft war, wie T’vril das herausgefunden hatte.

Ich nahm ein Blattröllchen, und meine Hand zitterte nicht nur vor Hunger.

»Dekarta will gar nicht, dass du den Wettbewerb gewinnst«, sagte Si’eh leise. »Das ist nicht der Grund, warum er dich hergeholt hat. Er will, dass du zwischen Relad und Scimina wählen sollst.«

Ich sah ihn scharf an und rief mir die Unterhaltung, die ich zwischen Relad und Scimina im Solarium gehört hatte, ins Gedächtnis. War es das, was Scimina meinte? »Zwischen ihnen wählen?«

»Das Arameriritual der Nachfolge. Um das nächste Familienoberhaupt zu werden, muss einer der Erben das Hauptsiegel — das Zeichen, das Dekarta trägt — von Dekartas Stirn zu seiner eigenen übertragen. Oder ihrer eigenen. Das Hauptsiegel ist das ranghöchste unter ihnen; wer immer es trägt, hat die absolute Macht über uns, den Rest der Familie und die ganze Welt.«

»Den Rest der Familie?« Ich runzelte die Stirn. Sie hatten das schon einmal angedeutet, als sie mein Siegel veränderten. »Also das ist es. Was machen diese Blutsiegel eigentlich wirklich? Befähigen sie Dekarta, unsere Gedanken zu lesen? Unsere Hirne zu verbrennen, wenn wir uns weigern, zu gehorchen?«

»Nein, nichts so Dramatisches. Es gibt einige Schutzzauber, die für Vollblute eingebaut wurden, um sie gegen Meuchler und dergleichen zu schützen. Aber innerhalb der Familie erzwingen sie lediglich Loyalität. Niemand, der ein Siegel trägt, kann gegen die Interessen des Familienoberhauptes handeln. Ohne diese Maßnahme hätte Scimina schon längst einen Weg gefunden, Dekarta zu unterlaufen oder ihn zu töten.«

Das Blattröllchen roch einfach zu gut. Ich biss ein Stück ab und zwang mich dazu, langsam zu kauen, während ich mir Si’ehs Worte durch den Kopf gehen ließ. Der Fisch war seltsam — irgendeine hiesige Gattung. Der Geschmack war dem des gefleckten ui, den man normalerweise verwendete, ähnlich, aber es war nicht derselbe. Trotzdem gut. Ich war halb verhungert, aber ich war klug genug, das Essen nach Tagen ohne Nahrung nicht einfach runterzuschlingen.

»Der Stein der Erde wird während des Nachfolgerituals verwendet. Jemand — ein Arameri, das hat Itempas selbst so verfügt — muss mit Hilfe seiner Macht das Hauptsiegel transferieren.«

»Ein Arameri.« Ein weiteres Puzzleteil fiel an seinen Platz. »Jedermann in Elysium kann das tun? Jeder, bis hin zu den untersten Bediensteten?«

Si’eh nickte langsam. Ich bemerkte, dass er nicht zwinkerte, wenn er sich auf etwas konzentrierte. Ein unbedeutendes Fehlverhalten.

»Jeder Arameri, egal, wie entfernt er mit der Zentralfamilie verwandt ist. Für genau diesen einen Moment wird diese Person einer der Drei.«

Es wurde aus seinen Formulierungen deutlich. Diese Person. Für diesen einen Moment.

Ich stellte mir vor, wie so viel Macht durch das sterbliche Fleisch zirkulierte — es musste wie das Anzünden eines Streichholzes sein. Ein gleißendes Aufflackern, vielleicht für ein paar Sekunden eine ruhige Flamme. Und dann ...

»Dann stirbt die Person«, sagte ich.

Si’eh lächelte mich mit seinem unkindlichen Lächeln an. »Ja.«

Raffiniert, meine Arameri-Vormütter, sehr raffiniert. Indem man alle noch so entfernten Verwandten dazu zwang, hier zu dienen, hatte man faktisch eine Armee von Menschen, die man opfern konnte, um den Stein zu benutzen. Selbst wenn jeder ihn nur für einen Moment benutzte, würden die Arameri — wenigstens die von hohem Geblüt, die als Letzte starben — für einen beachtlichen Zeitraum über annähernd die gleiche Macht wie eine Göttin verfügen.

»Also hat Dekarta mich als diese Sterbliche vorgesehen«, sagte ich. »Warum?«

»Der Anführer dieses Clans muss die Stärke haben, sogar geliebte Menschen zu töten.« Si’eh zuckte mit den Schultern. »Es ist leicht, einen Diener zum Tod zu verurteilen, aber einen Freund? Einen Ehemann?«

»Relad und Scimina wussten kaum, dass es mich gibt, bevor Dekarta mich hierher geholt hat. Warum hat er mich ausersehen?«

»Das weiß er alleine.«

Ich wurde schon wieder wütend, aber dies war ein frustrierter Ärger, der sich nicht gegen ein bestimmtes Ziel richtete. Ich dachte, dass die Enefadeh alle Antworten hatten. Aber das wäre zu einfach gewesen.

»Warum zum Mahlstrom habt ihr mich benutzt?«, fragte ich verärgert. »Bringt das Enefas Seele nicht zu sehr in die Nähe derjenigen, die sie zerstören würden, wenn sie könnten?«

Si’eh rieb seine Nase und sah plötzlich kleinlaut aus. »Nun ... na ja ... das war meine Idee. Es ist immer einfacher, etwas direkt vor der Nase des Betreffenden zu verstecken, weißt du? Und Dekartas Liebe zu Kinneth war allgemein bekannt; wir wussten, dass du dadurch sicher warst. Niemand erwartete, dass er sie töten würde — ganz bestimmt nicht nach zwanzig Jahren. Das hat uns alle völlig überrascht.«

Ich zwang mich, erneut von dem Blattröllchen abzubeißen. Ich kaute allerdings auf mehr als nur der duftenden Hülle herum. Niemand hatte den Tod meiner Mutter erwartet. Und trotzdem, ein Teil von mir — der immer noch trauernde, wütende Teil von mir — war der Meinung, dass sie es hätten wissen müssen. Sie hätten sie warnen müssen. Sie hätten es verhindern müssen.

»Aber hör mal.« Si’eh lehnte sich vor. »Der Stein ist das, was von Enefas Körper übrig geblieben ist. Weil du Enefas Seele besitzt, kannst du die Macht des Steins so benutzen, wie es nur Enefa konnte. Wenn du den Stein hältst, Yeine, könntest du das Universum verändern. Du könntest uns so« — er schnippte mit den Fingern — »freilassen.«

»Und dann sterben.«

Si eh senkte den Blick, und seine Begeisterung schwand. »Das war nicht der eigentliche Plan«, sagte er, »aber ja.«

Ich aß das Blattröllchen auf und sah das, was sich noch auf dem Teller befand, ohne große Begeisterung an. Mir war der Appetit vergangen. An seine Stelle trat Wut. Eine Wut, die sich langsam aufbaute und fast genauso heiß und erbittert war wie die Wut über den Mord an meiner Mutter.

»Du meinst also, dass ich den Wettbewerb auch verlieren soll«, sagte ich leise.

»Nun ... ja.«

»Und was bietet ihr mir an? Wenn ich dieses Bündnis annehme?«

Er schwieg. »Schutz für dein Land während des Krieges, der unserer Freilassung folgen wird. Und unser unendliches Wohlwollen nach unserem Sieg. Wir halten unsere Versprechen, Yeine, glaube mir.«

Ich glaubte ihm. Und der ewige Segen von vier Göttern war wirklich eine ungeheure Versuchung. Er würde Darr für immer Sicherheit und Reichtum garantieren, wenn wir in der Lage waren, diese schwierigen Zeiten zu überstehen. Die Enefadeh kannten mein Herz nur zu gut.