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Aber in dem langen Schweigen fiel mir nichts ein, das ich hätte fragen können — keine Möglichkeit, an diese Geheimnisse zu kommen. Also hob ich schließlich mein Messer auf und verließ den Raum. Dabei versuchte ich, mich nicht zu schämen, als die Wachen die Tür hinter mir schlössen.

Das war der Beginn einer schlimmen Nacht.

Ich betrat meine Wohnung und sah, dass ich Gäste hatte.

Kurue hatte den Sessel in Besitz genommen. Ihre Finger waren aneinandergelegt, und sie hatte Härte im Blick. Si’eh hockte auf dem Rand meiner Wohnzimmercouch, hatte seine Knie angezogen und die Augen gesenkt. Zhakkarn stand Wache am Fenster, unbeteiligt wie immer. Nahadoth ...

Ich spürte seine Anwesenheit hinter mir, kurz bevor er seine Hand durch meine Brust schob.

»Sag mir«, sagte er mir ins Ohr, »warum ich dich nicht töten sollte.«

Ich starrte die Hand, die aus meiner Brust herausragte, an. Da war kein Blut und soweit ich sah auch keine Wunde. Ich griff nach seiner Hand und bemerkte, dass sie substanzlos wie ein Schatten war. Meine Finger glitten durch sein Fleisch und wackelten in der Durchsichtigkeit seiner Faust. Es tat nicht wirklich weh, aber es fühlte sich an, als ob ich meine Finger in einen eisigen Strom getaucht hatte, und zwischen meinen Brüsten spürte ich schmerzhafte Kälte.

Er konnte seine Hand zurückziehen und mir das Herz herausreißen. Er konnte seine Hand dort lassen, wo sie war, und sie fassbar machen, was mich genauso sicher töten würde, als ob er Knochen und Blut durchschlagen hätte.

»Nahadoth«, sagte Kurue warnend.

Si’eh sprang auf und kam zu mir, seine Augen weit und voller Angst. »Bitte, bring sie nicht um. Bitte.«

»Sie ist eine von ihnen«, zischte er in mein Ohr. Sein Atem war ebenfalls kalt, und ich bekam Gänsehaut im Nacken. »Nur eine weitere Arameri, die von ihrer Überlegenheit überzeugt ist. Wir haben sie erschaffen, Si’eh, und sie wagt es, uns herumzukommandieren? Sie hat kein Recht, die Seele meiner Schwester zu tragen.« Seine Hand wurde zu einer Klaue, und plötzlich verstand ich, dass es ihm nicht darum ging, meinen Körper zu verletzen.

»Euer Körper hat sich an zwei Seelen gewöhnt«, hatte Zhakkarn gesagt. »Möglicherweise würde er es nicht überleben, nur eine zu haben.«

Bei der Erkenntnis brach ich zu meiner eigenen Überraschung in schallendes Gelächter aus.

»Tu es«, sagte ich. Ich bekam vor Lachen kaum Luft, obwohl auch das eine Auswirkung von Nahadoths Hand sein konnte. »Ich wollte das Ding von Anfang nicht. Wenn du es haben willst, nimm es.«

»Yeine!« Si’eh umklammerte meinen Arm. »Das könnte dich töten!«

»Welchen Unterschied macht das? Ihr wollt mich ohnehin umbringen. Genau wie Dekarta ... er hat alles schon geplant, noch sieben Tage. Meine einzige wirkliche Wahl liegt darin, wie ich sterben werde. Das hier ist genauso gut wie alles andere, oder nicht?«

»Lass es uns herausfinden«, schlug Nahadoth vor.

»Warte, was hat sie ...« Kurue lehnte sich vor.

Nahadoth zog seine Hand zurück. Es schien ihn anzustrengen, sein Arm bewegte sich langsam durch meinen Körper, wie durch Lehm. Ich war mir da absolut sicher, weil ich aus vollem Halse schrie. Instinktiv warf ich mich vorwärts und versuchte, dem Schmerz zu entkommen; zurückblickend machte das alles nur noch schlimmer. Aber ich konnte nicht denken, und meine Vernunft wurde von der Qual verschlungen. Es fühlte sich an, als ob ich auseinandergerissen wurde — was tatsächlich ja auch der Fall war.

Aber dann geschah etwas.

Oben ein Himmel aus einem Albtraum. Ich konnte nicht erkennen, ob es Tag oder Nacht war. Sonne und Mond waren zu sehen, aber es war schwer, sie zu unterscheiden. Der Mond war riesig und von ungesundem Gelb, die Sonne völlig verzerrt und auch nicht ein bisschen rund. Es gab eine einzige Wolke am Himmel, und die war schwarz ... nicht dunkelgrau und voller Regen, sondern schwarz, wie ein dahintreibendes Loch im Himmel. Dann begriff ich, dass es tatsächlich ein Loch war, weil etwas hindurchfiel ...

Winzige, zappelnde Gestalten. Eine davon war weiß und stand in Flammen, die andere war schwarz und qualmte. Als sie herunterpurzelten, konnte ich um sie herum Feuer sehen und Donner hören. Sie fielen und fielen und prallten in der Nähe auf den Boden. Die Erde bebte, als sich nach dem Aufprall eine große Wolke aus Staub und Trümmern erhob. Nichts Menschliches hätte einen solchen Sturz überleben können, aber ich wusste, sie waren keine ...

Ich rannte. Überall um mich herum waren Körper ... nicht tot, wie ich mit der Gewissheit eines Träumenden wusste, aber sterbend. Das Gras war trocken und verdorrt. Es knisterte unter meinen nackten Füßen. Enefa war tot. Alles starb. Blätter fielen um mich herum wie schwerer Schnee. Vor mir, hinter den Bäumen ...

»Ist es das, was du willst? Ja?« In der Stimme lag unmenschliche Wut, und sie hallte durch die Schatten des Waldes. Ihr folgte ein Schrei voll unvorstellbarer Qual.

Ich rannte zwischen den Bäumen hindurch, hielt am Rand eines Kraters an und sah ...

O Göttin, ich sah ...

»Yeine.« Eine Hand ohrfeigte mich leicht. »Yeine!«

Meine Augen waren offen. Ich blinzelte, weil sie trocken waren. Ich kniete auf dem Boden. Si’eh kauerte vor mir, seine Augen waren weit aufgerissen. Kurue und Zhakkarn sahen ebenfalls zu, Kurue sah besorgt aus und Zhakkarn unbewegt, wie ein Soldat.

Ich dachte nicht nach. Ich warf mich herum und sah Nahadoth an, der dastand und eine Hand — die Hand, die er durch meinen Körper gesteckt hatte — in die Luft hielt. Er starrte auf mich herab, und mir wurde klar, dass er irgendwie wusste, was ich gesehen hatte.

»Das verstehe ich nicht.« Kurue stand auf. Ihre Hand, die auf der Lehne des Stuhls lag, verkrampfte sich. »Es ist fast zwanzig Jahre her. Die Seele sollte inzwischen in der Lage sein, die Extraktion zu überleben.«

»Niemand hat je die Seele eines Gottes in den Körper eines Sterblichen gesteckt«, sagte Zhakkarn. »Wir wussten, dass es ein Risiko gab.«

»Aber nicht 50 eins!« Kurue zeigte beinahe anklagend auf mich. »Wird die Seele überhaupt noch brauchbar sein, wenn sie mit diesem sterblichen Schmutz verunreinigt ist?«

»Schweig!«, fuhr Si’eh sie an, wirbelte herum und starrte sie wütend an. Seine Stimme wurde plötzlich tiefer und war wieder die eines jungen Mannes — Pubertät im Handumdrehen. »Wie kannst du es wagen? Ich habe dir wieder und wieder gesagt — Sterbliche sind ebenso Enefas Kreationen wie wir selbst.«

»Überbleibsel«, gab Kurue zurück. »Schwach und feige und zu dämlich, um für fünf Minuten über ihren Tellerrand hinwegzuschauen. Und trotzdem bestehen du und Naha darauf, ihnen zu vertrauen ...«

Si’eh rollte mit den Augen. »Oh, bitte. Dann sag mir doch, Kurue, welcher deiner herausragenden, rein göttlichen Pläne hat uns denn freibekommen?«

Kurue schwieg gekränkt und drehte sich weg.

Ich bekam davon kaum etwas mit. Nahadoth und ich starrten uns immer noch an.

»Yeine.« Si’ehs kleine, weiche Hand berührte meine Wange und drehte meinen Kopf herum, damit ich ihn ansah. Seine Stimme war wieder in der kindlichen Stimmlage angekommen. »Alles in Ordnung bei dir?«

»Was ist passiert?«, fragte ich.

»Wir sind nicht sicher.«

Ich seufzte und entzog mich ihm, während ich versuchte, aufzustehen. Mein Körper fühlte sich ausgehöhlt an, ausgestopft mit

Baumwolle. Ich rutschte aus und ließ mich fluchend wieder auf meinen Knien nieder.

»Yeine ...«

»Wenn du mich wieder anlügen willst, dann gib dir keine Mühe.«

Ein Muskel an Si’ehs Kiefer zuckte, und er warf seinen Geschwistern einen Blick zu. »Es ist wahr, Yeine. Wir sind wirklich nicht sicher. Aber ... aus irgendeinem Grund ... Enefas Seele ist scheinbar in der Zeit, die sie in dir verbracht hat, nicht so weit genesen, wie wir gehofft hatten. Sie ist unversehrt«, und hier warf er Kurue einen bedeutsamen Blick zu, »genug, um ihren Zweck zu erfüllen. Aber sie ist sehr zerbrechlich ... zu zerbrechlich, als dass man sie gefahrlos herausholen könnte.«