Gefahrlos für die Seele, meinte er, nicht für mich. Ich schüttelte den Kopf und war zu müde, um zu lachen.
»Man kann nicht sagen, wie viel Schaden angerichtet wurde«, murmelte Kurue, drehte sich weg und ging in dem kleinen Zimmer auf und ab.
»Gliedmaßen, die man nicht benutzt, verkümmern«, sagte Zhakkarn leise. »Sie hat ihre eigene Seele, also gibt es keinen Bedarf für eine weitere.«
Das hätte ich euch auch sagen können, dachte ich säuerlich, wenn ich damals in der Lage gewesen wäre, Einspruch zu erheben.
Aber was zum Mahlstrom hatte all das für mich zu bedeuten? Dass die Enefadeh keinen weiteren Versuch unternehmen würden, die Seele aus meinem Körper zu entfernen? Gut, denn ich hatte kein Verlangen danach, diese Qual jemals wieder zu durchleben. Es bedeutete aber auch, dass sie jetzt mehr denn je an ihrem Plan festhalten würden, da sie das Ding anders nicht aus mir herausbekamen.
War das womöglich der Grund für all diese seltsamen Träume und Visionen? Weil die Seele einer Göttin in mir begann, zu zerfallen?
Dämonen und Finsternis. Wie eine Kompassnadel, die den Norden suchte, schwang ich herum, um Nahadoth anzusehen. Er hatte sich abgewendet.
»Was hast du vorhin gesagt?«, verlangte Kurue plötzlich zu wissen. »Uber Dekarta?«
Diese Angelegenheit schien eine Million Meilen weg zu sein. Ich kehrte ins Hier und Jetzt zurück und wandte ihr wieder meine Aufmerksamkeit zu. Dabei versuchte ich, den furchtbaren Himmel und das Bild von glänzenden Händen mit verdrehtem Fleisch, die nach mir griffen, aus meinen Gedanken zu verbannen.
»Dekarta veranstaltet einen Ball zu meinen Ehren«, antwortete ich, »in einer Woche. Um meine Benennung als eine der möglichen Erben zu feiern.« Ich schüttelte den Kopf. »Wer weiß? Vielleicht ist es ja nur ein Ball.«
Die Enefadeh sahen sich an.
»So bald schon«, murmelte Si’eh und schaute finster. »Ich wusste nicht, dass er es schon so bald tun würde.«
Kurue nickte vor sich hin. »Gerissener alter Bastard. Er wird die Zeremonie wahrscheinlich in der Morgendämmerung des nächsten Tages halten.«
»Ist es möglich, dass er herausbekommen hat, was wir vorhaben?«, fragte Zhakkarn.
»Nein«, sagte Kurue und schaute mich an, »oder sie wäre tot, und ihre Seele würde sich bereits in Itempas’ Händen befinden.«
Bei dem Gedanken schauderte ich und zog mich endlich wieder auf die Füße. Ich wandte mich nicht wieder Nahadoth zu.
»Seid Ihr dann fertig damit, wütend auf mich zu sein?«, fragte ich und strich mir die Falten aus dem Rock. »Ich glaube, wir haben noch etwas zu tun.«
Sar-enna-nem
Die Priester erwähnen den Krieg der Götter manchmal, hauptsächlich als eine Warnung vor Ketzerei. Wegen Enefa, sagen sie.
Wegen der Verräterin lagen Menschen und Tiere drei Tage lang hilflos und nach Luft ringend herum. Ihre Herzen schlugen immer langsamer, und ihre Bäuche blähten sich auf, als die Gedärme ihre Funktion einstellten. Pflanzen verwelkten und starben innerhalb von Stunden — riesige, fruchtbare Ebenen wurden zu grauen Wüsten. Währenddessen kochte die See, die wir heute See der Reue nennen, und aus irgendeinem Grund spalteten sich die höchsten Berge in zwei Hälften. Die Priester sagen, das war das Werk der Gottkinder, Enefas unsterblicher Nachkommen, die alle Partei ergriffen und überall auf der Welt kämpften. Ihre Väter, die Herren des Himmels, fochten ihre Kämpfe hauptsächlich dort oben aus.
Wegen Enefa, sagen die Priester. Sie sagen nicht, weil Itempas sie tötete.
Als der Krieg endlich zu Ende war, war das meiste auf der Welt tot. Was blieb, war für immer verändert. In meinem Land erzählen Jäger Legenden von Tieren, die es nicht länger gibt; Erntelieder besingen Nahrungsmittel, die schon lange niemand mehr gesehen hat. Diese ersten Arameri haben viel für die Überlebenden getan, wie die Priester immer wieder betont haben. Mithilfe der Magie der im Krieg festgenommenen Götter füllten sie die Ozeane wieder auf, versiegelten die Berge und heilten das Land. Für die Toten konnte man nichts mehr tun, und so versuchten sie wenigstens, so viele der Überlebenden wie möglich zu retten.
Für einen gewissen Preis.
Aber das erwähnen die Priester ebenfalls nicht.
Es gab nur sehr wenig zu besprechen. Angesichts der nahenden Zeremonie waren die Enefadeh mehr denn je auf meine Zusammenarbeit angewiesen. Deshalb stimmte Kurue — mit spürbarer Verärgerung — meiner Bedingung zu. Wir alle wussten, dass ich so gut wie keine Chance hatte, Dekartas Erbin zu werden. Wir alle wussten auch, dass die Enefadeh mich nur bei Laune hielten. Ich war damit zufrieden, solange ich nicht zu genau darüber nachdachte.
Einer nach dem anderen verschwand, bis ich mit Nahadoth alleine war. Kurue hatte gesagt, dass er der Einzige war, der mich in den wenigen verbleibenden Nachtstunden nach Darr und zurück bringen konnte. Stille breitete sich aus, während ich mich an den Lord der Finsternis wandte.
»Wie?«, fragte er. Er meinte die Vision seiner Niederlage.
»Ich weiß es nicht«, sagte ich. »Aber es ist schon einmal geschehen. Ich hatte einmal einen Traum von dem alten Elysium. Ich sah, wie Ihr es zerstört habt.« Ich schluckte, und mir war kalt. »Ich dachte, es wäre nur ein Traum, aber wenn das, was ich gerade gesehen habe, wirklich geschehen ist ...« Erinnerungen. Ich durchlebte Enefas Erinnerungen. Mein lieber Elysiumvater, ich wollte nicht darüber nachdenken, was das bedeutete.
Er kniff die Augen zusammen. Er hatte wieder dieses Gesicht — das, vor dem ich Angst hatte, weil ich nicht anders konnte, als es zu wollen. Ich fixierte meinen Blick auf einen Punkt irgendwo über seiner Schulter.
»Es ist geschehen«, sagte er langsam. »Aber Enefa war da bereits tot. Sie hat nicht gesehen, was er mir angetan hat.«
Ich wünschte, ich auch nicht. Aber bevor ich etwas sagen konnte, machte Nahadoth einen Schritt auf mich zu. Genauso schnell machte ich einen Schritt rückwärts, und er blieb stehen.
»Du hast jetzt Angst vor mir?«
»Ihr habt versucht, mir meine Seele herauszureißen.«
»Und trotzdem begehrst du mich noch.«
Ich erstarrte. Natürlich hatte er das gespürt. Ich sagte nichts, weil ich mir keine Blöße geben wollte.
Nahadoth ging an mir vorbei zum Fenster. Ich zitterte, als er vorbeiging; ein Tentakel seines Umhangs hatte sich für einen winzigen Moment liebkosend um meine Wade gewickelt. Ich fragte mich, ob er sich dessen bewusst war.
»Was genau hoffst du, in Darr zu erreichen?«, fragte er.
Ich schluckte und war froh über den Themawechsel. »Ich muss mit meiner Großmutter sprechen. Ich hatte überlegt, eine Siegelsphäre zu benutzen, aber ich verstehe nichts von diesen Dingern. Andere könnten möglicherweise unsere Unterhaltung belauschen.«
»Stimmt.«
Ich war nicht gerade erfreut darüber, dass ich recht hatte. »Dann muss ich die Fragen persönlich stellen.«
»Welche Fragen?«
»Ob das, was Ras Onchi und Scimina sagen, wahr ist und Darrs Nachbarn zum Krieg rüsten. Ich will die Meinung meiner Großmutter zu der Situation hören. Und ... ich hoffe, dass ich mehr ...« Unerklärlicherweise schämte ich mich. »... über meine Mutter herausfinde. Ob sie wie die anderen Arameri war.«
»Ich sagte dir bereits: Das war sie.« »Ihr werdet mir vergeben, Lord Nahadoth, wenn ich Euch nicht traue.«
Er drehte sich ein Stück herum, und ich konnte von der Seite sein Lächeln sehen. »Das war sie«, wiederholte er, »und du bist es auch.«