Die Worte und die Kälte in seiner Stimme, als er sie aussprach, waren wie ein Schlag ins Gesicht.
»Sie hat das auch getan«, fuhr er fort. »Sie war so alt wie du, vielleicht jünger, als sie anfing, Fragen zu stellen. Fragen über Fragen. Als Höflichkeit nicht mehr ausreichte, um von uns Antworten zu bekommen, befahl sie uns zu antworten — so wie du es getan hast. In ihrem jungen Herzen war so viel Hass. Wie bei dir.«
Ich kämpfte gegen den Drang, zu schlucken, an, weil er es bestimmt hören würde.
»Welche Art Fragen?«
»Geschichte der Arameri. Der Krieg zwischen meinen Geschwistern und mir. Viele Dinge.«
»Warum?«
»Ich weiß es nicht.«
»Ihr habt nicht gefragt?«
»Es war mir egal.«
Ich atmete einmal tief ein und zwang mich, meine schweißnassen Fäuste zu öffnen. Das war seine Art, rief ich mir ins Gedächtnis. Es gab keinen Grund für ihn, etwas über meine Mutter zu sagen, aber er wusste eben, dass es mich verunsichern würde. Man hatte mich gewarnt. Nahadoth tötete nicht gerne sofort. Er provozierte und stichelte, bis man die Kontrolle verlor, die Gefahr vergaß und sich ihm öffnete. Er brachte es so weit, dass man darum bat.
Nachdem ich eine Weile still gewesen war, drehte Nahadoth sich zu mir um. »Die Nacht ist halb vorbei. Wenn du wirklich nach Darr willst, sollte es jetzt sein.«
»Oh. Ah, ja.« Ich schluckte und sah mich im Zimmer um. Ich wollte alles sehen, nur nicht ihn. »Wie werden wir reisen?«
Als Antwort streckte Nahadoth seine Hand aus.
Ich wischte mir die Hand unnötigerweise am Rock ab und ergriff seine.
Die Schwärze, die ihn umgab, flatterte wie Flügel und füllte das Zimmer bis an die gebogene Decke. Ich schnappte nach Luft und wäre gern einen Schritt zurückgewichen, doch seine Hand war wie ein Schraubstock. Als ich in sein Gesicht sah, wurde mir schlecht: Seine Augen hatten sich verändert. Sie waren pechrabenschwarz, auch die Iris und das Weiße. Schlimmer noch, die Schatten neben seinem Körper waren so dicht geworden, dass er hinter seiner ausgestreckten Hand nicht mehr sichtbar war.
Ich starrte in den Abgrund, der er war, und konnte mich nicht dazu überwinden, näher an ihn heranzutreten.
»Wenn ich dich töten wollte«, sagte er, und seine Stimme war ebenfalls verändert — sie hallte und war gedämpft — »wäre es ohnehin zu spät.«
Wie wahr. Also schaute ich in diese furchtbaren Augen, nahm all meinen Mut zusammen und sagte: »Bitte bringt mich nach Arrebaia, in Darr. Zum Tempel von Sar-enna-nem.«
Die Schwärze von seinem Kern breitete sich rasend schnell aus und umfing mich, so dass ich keine Zeit hatte, aufzuschreien. Für einen kurzen Moment wurde es unerträglich kalt, und ich spürte einen Druck, von dem ich glaubte, dass er mich zerquetschen würde. Aber er blieb an der Schmerzgrenze, und dann verschwand auch die Kälte. Ich öffnete meine Augen, sah jedoch nichts. Ich streckte meine Hände aus — auch die, von der ich wusste, dass er sie hielt — und fühlte nichts. Ich schrie und hörte nur Stille.
Dann stand ich auf Stein, atmete Luft, die von bekannten Gerüchen erfüllt war, und fühlte die warme Luftfeuchtigkeit auf meiner Haut. Hinter mir breiteten sich die Steinstraßen und
Mauern Arrebaias aus und füllten das Plateau, auf dem wir standen. Es war später in der Nacht, als es in Elysium gewesen war. Das erkannte ich daran, dass die Straßen so gut wie leer waren. Vor mir führten steinerne Stufen aufwärts. Auf beiden Seiten wurden sie von Stehlaternen gesäumt, und oben befanden sich die Tore von Sar-enna-nem.
Ich drehte mich zu Nahadoth herum, der sich wieder in seine beinahe menschliche Form zurückverwandelt hatte.
»I-Ihr seid im Haus meiner Familie willkommen«, sagte ich. Ich zitterte immer noch wegen dieser Art und Weise zu reisen.
»Ich weiß.« Er ging die Stufen hinauf. Völlig überrascht starrte ich seinen Rücken an. Nachdem er zehn Stufen genommen hatte, kam ich wieder zu mir und trottete hinterher.
Sar-enna-nems Tore sind schwere, hässliche Gebilde aus Holz und Metall — sie wurden erst kürzlich dem uralten Stein hinzugefügt. Man benötigte mindestens vier Frauen, um den Mechanismus zu betätigen, der sie öffnete. Das war ein gewaltiger Fortschritt im Vergleich mit den Zeiten, in denen die Tore aus Stein waren und man beinahe zwanzig Offner benötigte. Ich war unangemeldet am frühen Morgen angekommen und wusste, dass das gesamte Wachpersonal aufgebracht sein würde. Wir waren seit Jahrhunderten nicht mehr angegriffen worden, aber mein Volk war dennoch stolz darauf, wachsam zu sein.
»Kann sein, dass sie uns nicht hineinlassen«, murmelte ich und schloss zu dem Lord der Finsternis auf. Ich hatte Schwierigkeiten, mit ihm mitzuhalten — er nahm zwei Stufen auf einmal.
Nahadoth antwortete nicht und wurde auch nicht langsamer. Ich hörte das laute, widerhallende Geräusch des großen Riegels, der hochgezogen wurde, und dann öffneten sich die Tore — von alleine. Ich stöhnte, als mir klar wurde, was er getan hatte. Natürlich gab es Geschrei und Gerenne, als wir hindurchgingen und den Rasen von Sar-enna-nems Vorhof betraten. Zwei Gruppen
Wachen stürzten aus den Türen des uralten Gebäudes. Eine war die Torkompanie, bestehend aus Männern, da es sich um eine niedere Position handelte, die nur schiere Gewalt erforderte.
Die andere Kompanie war die stehende Wache, die aus Frauen und einigen wenigen Männern, die sich die Ehre verdient hatten, bestand. Man konnte sie an den weißen Tuniken unter der Rüstung erkennen. Sie wurden von einem bekannten Gesicht angeführt: Imyan, eine Frau aus meinem Somem-Stamm. Sie schrie in unserer Sprache, als sie den Vorhof erreichte, und die Kompanie teilte sich auf, um uns zu umzingeln. Schnell standen wir in einem Kreis aus Speeren und Pfeilen, die alle auf unser Herz zeigten.
Nein — ihre Waffen zeigten auf mein Herz, wie ich feststellte. Keine zielte auf Nahadoth.
Ich stellte mich vor Nahadoth, um es einfacher für sie zu machen und meine Freundschaft zu signalisieren. Einen Moment lang war es merkwürdig, in meiner eigenen Sprache zu sprechen. »Schön, dich zu sehen, Captain Imyan.«
»Ich kenne Euch nicht«, sagte sie knapp. Beinahe hätte ich gelächelt. Als Mädchen hatten wir allen möglichen Unfug zusammen angerichtet; jetzt war sie genauso dienstbeflissen wie ich.
»Du hast gelacht, als du mich das erste Mal gesehen hast«, sagte ich. »Ich wollte meine Haare länger wachsen lassen, wollte wie meine Mutter aussehen. Du sagtest, dass es aussah wie gedrehtes Baummoos.«
Imyan kniff die Augen zusammen. Ihre eigenen Haare — lang und wunderbar Darre-glatt — waren in einem ordentlich geflüchteten Knoten an ihrem Hinterkopf festgesteckt. »Was macht Ihr hier, wenn Ihr Yeine-ennu seid?«
»Du weißt, dass ich nicht länger ennu bin«, sagte ich. »Die Itempaner haben es die ganze Woche verkündet, durch Mundpropaganda und durch Magie. Sogar Hochnord dürfte das inzwischen vernommen haben.«
Imyans Pfeil schwankte zögernd und wurde dann gesenkt. Die anderen Wachen folgten ihrem Beispiel und senkten ebenfalls ihre Waffen. Imyans Blick ging zu Nahadoth, dann zurück zu mir, und zum ersten Mal war ein Hauch von Nervosität in ihrer Haltung. »Und das hier?«
»Ihr kennt mich«, sagte Nahadoth in unserer Sprache.
Niemand zuckte beim Klang seiner Stimme zusammen. Darre- Wachen sind dafür zu gut ausgebildet. Aber ich sah einige unbehagliche Blicke, die in der Gruppe hin und her gingen. Naha- doths Gesicht, wie ich zu spät bemerkte, war wieder unruhig und ein wässriger Schleier, der sich im Fackellicht veränderte. So viele neue Sterbliche, die man verführen konnte.
Imyan erholte sich zuerst. »Lord Nahadoth«, sagte sie schließlich. »Willkommen zurück.«
Zurück? Ich starrte erst sie und dann Nahadoth an. Aber dann grüßte mich eine mehr als bekannte Stimme, und ich stieß den Atem aus, den ich unwillkürlich angehalten hatte.