»Ihr seid allerdings willkommen«, sagte meine Großmutter. Sie kam die kurze Treppe herunter, die in den Wohnbereich von Sar-enna-nem führte, und die Wachen bildeten eine Gasse für sie. Die Großmutter war eine überdurchschnittlich kleine, ältere Frau. Sie trug eine Schlaftunika, aber ich bemerkte, dass sie sich die Zeit genommen hatte, ihr Messer umzugürten. So klein sie auch war — leider hatte ich ihre Größe geerbt —, sie war umgeben von einer Aura der Stärke und Autorität, die beinahe greifbar war.
Sie neigte ihren Kopf vor mir, als sie näher trat. »Yeine. Ich habe dich vermisst, aber nicht so sehr, dass ich erwartet hätte, dich so bald wiederzusehen.« Sie warf Nahadoth einen Blick zu, dann mir. »Kommt.«
Das war es. Sie drehte sich um, um den Säuleneingang zu betreten, und ich ging ihr nach — das heißt, ich wollte es, aber dann sprach Nahadoth.
»Sonnenaufgang ist in diesem Teil der Welt früher«, sagte er. »Ihr habt eine Stunde.«
Ich drehte mich herum und war aus vielfältigen Gründen überrascht. »Ihr begleitet uns nicht?«
»Nein.« Und er ging davon, hinüber zur Seite des Vorhofs. Die Wachen machten ihm den Weg so eifrig frei, dass es unter anderen Umständen amüsant gewesen wäre.
Ich beobachtete ihn noch einen Moment, dann folgte ich meiner Großmutter.
Da fällt mir noch ein anderes Märchen aus meiner Kindheit ein.
Man sagt, dass der Lord der Finsternis nicht weinen kann. Niemand kennt den Grund dafür, aber die Mächte des Mahlstroms haben ihrem dunkelsten Kind viele Gaben verliehen, nur nicht die Fähigkeit, zu weinen.
Bright Itempas kann es. Die Legenden sagen, dass seine Tränen der Regen sind, der manchmal fällt, wenn die Sonne noch scheint. Ich habe diese Legende niemals geglaubt, weil es bedeuten würde, dass Itempas ziemlich oft weint.
Enefa von der Erde konnte weinen. Ihre Tränen sind der gelbe, brennende Regen, der nach einem Vulkanausbruch fällt. Er fällt immer noch, dieser Regen. Er vernichtet Ernten und vergiftet Wasser. Aber er bedeutet nichts mehr.
Der Lord der Finsternis Nahadoth war der Erstgeborene der Drei. Bevor die anderen auftauchten, hatte er unzählbare Ewigkeiten als das einzige, existierende Lebewesen verbracht. Vielleicht erklärte das seine Unfähigkeit. Vielleicht werden Tränen bei so viel Einsamkeit irgendwann nutzlos.
Sar-enna-nem war einst ein Tempel. Sein Haupteingang ist eine riesige, gewölbte Halle. Sie wird gestützt von Säulen, die in einem Stück aus der Erde geschlagen wurden. Mein Volk hatte sie errichtet, lange bevor wir Amn-Erfindungen wie Schreiberei oder Uhrwerke kannten. Wir hatten damals unsere eigenen Techniken. Und die Orte, die wir zu Ehren der Götter bauten, waren großartig.
Nach dem Krieg der Götter taten meine Ahnen, was zu tun war. Sar-enna-nems Zwielicht- und Mondfenster — die einst für ihre Schönheit berühmt waren — wurden zugemauert. Weiter südlich wurde ein neuer Tempel gebaut. Er war allein Itempas gewidmet und nicht durch die Verehrung, die man einst seinen Geschwistern entgegengebracht hatte, befleckt. Dort befindet sich das heutige religiöse Zentrum der Stadt. Sar-enna-nem wurde umstrukturiert zu einem Regierungsgebäude. Von dort stammten die Erlasse des Kriegerrates, die ich als mm früher durchgesetzt hatte. Jegliche Heiligkeit war längst vergangen.
Die Halle war leer, wie es um diese späte Stunde zu erwarten war. Meine Großmutter führte mich zu dem erhöhten Sockel auf dem am Tage der Kriegerrat auf einem Kreis aus dicken Teppichen saß. Sie setzte sich hin, und ich ließ mich ihr gegenüber nieder.
»Hast du versagt?«, fragte sie.
»Noch nicht«, antwortete ich. »Aber es ist nur eine Frage der Zeit.«
»Erkläre es mir«, sagte sie, und das tat ich. Ich gebe zu, dass ich den Bericht ein wenig angepasst habe. Ich erzählte ihr nicht von den Stunden, die ich weinend im Zimmer meiner Mutter verschwendet hatte. Ich erwähnte meine gefährlichen Gedanken in Bezug auf Nahadoth nicht. Und ich erwähnte schon gar nicht meine beiden Seelen.
Als ich fertig war, seufzte sie, was das einzige Zeichen ihrer Besorgnis war. »Kinneth glaubte immer, dass Dekartas Liebe zu ihr dich schützen würde. Ich kann nicht sagen, dass ich sie jemals mochte, aber im Laufe der Jahre lernte ich, ihrem Urteil zu vertrauen. Wie konnte sie so falsch liegen?« »Ich bin nicht sicher, dass das der Fall war«, sagte ich leise. Ich dachte an Nahadoths Worte über Dekarta und den Mord an meiner Mutter: »Du denkst, dass er es war?«
Ich hatte seither mit Dekarta gesprochen. Ich hatte seine Augen gesehen, während er von meiner Mutter sprach. Konnte ein Mann wie er jemanden ermorden, den er so sehr liebte?
»Was hat Mutter dir erzählt, Beba?«, fragte ich. »Warum sie die Arameri verlassen hatte?«
Meine Großmutter runzelte die Stirn, verdutzt über meine plötzliche Abkehr von Förmlichkeiten. Wir hatten uns nie sehr nahegestanden, sie und ich. Sie war zu alt, um ennu zu werden, als ihre Mutter starb, und keins ihrer Kinder war ein Mädchen. Obwohl mein Vater es gegen alle Widrigkeiten geschafft hatte, ihr Nachfolger zu werden — er war einer von drei männlichen ennu in unserer Geschichte —, war ich so etwas wie die Tochter, die sie nie gehabt hatte. Ich, die Halb-Amn-Verkörperung des größten Fehlers ihres Sohnes. Ich hatte es schon vor Jahren aufgegeben, ihre Liebe erringen zu wollen.
»Sie sprach nicht sehr viel davon«, sagte Beba langsam. »Sie sagte, dass sie meinen Sohn liebte.«
»Das kann dir unmöglich gereicht haben«, sagte ich leise.
Ihr Blick würde härter. »Dein Vater hatte unmissverständlich klargemacht, dass es reichen musste.«
Und dann verstand ich: Sie hatte meiner Mutter nie geglaubt. »Was glaubst du, was der Grund dafür war?«
»Deine Mutter war voller Wut. Sie wollte jemanden verletzen, und mit meinem Sohn zusammenzusein half ihr, das zu erreichen.«
»Jemand in Elysium?«
»Ich weiß es nicht. Warum interessiert dich das, Yeine? Das Jetzt ist wichtig, nicht die Vergangenheit von vor zwanzig Jahren.«
»Ich glaube, dass das, was damals geschehen ist, sich auf heute auswirkt«, sagte ich und überraschte mich damit selber — aber es war die Wahrheit, wie ich endlich begriff. Vielleicht hatte ich das die ganze Zeit gespürt. Und mit diesem Eröffnungszug bereitete ich meinen Angriff vor. »Nahadoth war schon einmal hier, wie ich sehe.«
Das Gesicht meiner Großmutter behielt sein übliches, strenges Stirnrunzeln bei. »Lord Nahadoth, Yeine. Wir sind keine Amn, wir respektieren unsere Erschaffer.«
»Die Wachen haben geübt, wie sie sich ihm zu nähern haben. Schade, dass ich nicht dabei sein durfte; ich hätte die Übung gebrauchen können, bevor ich nach Elysium ging. Wann war er das letzte Mal hier, Beba?«
»Bevor du geboren wurdest. Er kam einmal, um Kinneth zu besuchen. Yeine, das ist nicht ...«
»War es, nachdem Vater sich von dem Wandelnden Tod erholt hatte?«, fragte ich. Ich sprach leise, obwohl das Blut in meinen Ohren rauschte. Ich wollte mich zu ihr hinüberbeugen und sie schütteln, aber ich riss mich zusammen. »War das die Nacht, in der sie mir das angetan haben?«
Bebas Stirnrunzeln intensivierte sich; aus der anfänglichen Verwirrung wurde Sorge. »Antun ... Ar? Wovon redest du? Du warst zu dem Zeitpunkt noch gar nicht geboren; Kinneth war gerade erst schwanger. Was hast ...«
Und dann brach sie ab. Ich sah, wie die Gedanken in ihrem Kopf rasten, und dann weiteten sich ihre Augen, und sie starrte mich an. Ich sprach mit diesen Gedanken, um das Wissen, das ich dahinter spürte, herauszukitzeln.
»Mutter versuchte mich zu töten, nachdem ich geboren war.« Ich wusste jetzt, warum, aber da gab es noch mehr zu wissen, etwas, das ich noch nicht aufgedeckt hatte. Ich konnte es fühlen. »Sie haben sie ein paar Monate nicht mit mir alleine gelassen, erinnerst du dich?«