»Wie kannst du es nicht wissen?«, kreischte ich Nahadoth an. Ich war wieder in das persönlich-vertraulichere Senmite verfallen. »Du bist ein Gott! Wie kannst du es nicht wissen?«
Seine Ruhe fachte meine Wut nur noch mehr an. »Ich habe Unsicherheit in dieses Universum eingebaut, und Enefa flocht sie in jedes lebende Wesen ein. Es wird immer Geheimnisse geben, die selbst wir Götter nicht verstehen ...«
Ich sprang auf ihn los. In der endlosen Sekunde, die meine irrsinnige Wut anhielt, sah ich, dass sein Blick sich auf meine an- kommene Faust richtete und seine Augen sich in so etwas wie Erstaunen weiteten. Er hatte genug Zeit, um abzublocken oder dem Schlag auszuweichen. Dass er es nicht tat, war eine vollkommene Überraschung.
Das Klatschen hallte so laut wider wie das Keuchen meiner Großmutter.
In der darauffolgenden Stille fühlte ich mich leer. Die Wut war verflogen. Der Schock hatte noch nicht eingesetzt. Ich senkte meine Hand. Meine Fingerknöchel brannten.
Nahadoths Kopf war durch den Schlag herumgedreht worden. Er hob eine Hand an seine blutende Lippe und seufzte.
»Ich muss noch mehr daran arbeiten, in deiner Gegenwart nicht die Beherrschung zu verlieren«, sagte er. »Du hast eine denkwürdige Art, mich dafür zu züchtigen.«
Er hob seinen Blick, und plötzlich wusste ich, dass er sich an den Moment erinnerte, in dem ich ihn erstochen hatte. Ich habe so lange auf dich gewartet, hatte er damals gesagt. Diesmal, anstatt mich zu küssen, streckte er die Hand aus und berührte meine Lippen mit seinen Fingern. Ich fühlte warme Nässe und leckte reflexartig, worauf ich kalte Haut und das metallische Salz von Blut schmeckte.
Er lächelte und sein Ausdruck war beinahe wohlwollend. »Gefällt dir der Geschmack?«
Nicht der deines Blutes, nein.
Aber dein Finger, das war etwas anderes.
»Yeine«, sagte meine Großmutter erneut und unterbrach die Szene. Ich atmete tief ein, rief meine sieben Sinne zusammen und wandte mich wieder an sie.
»Verbünden sich die angrenzenden Königreiche?«, fragte ich. »Bereiten sie sich auf einen Krieg vor?«
Sie schluckte, bevor sie nickte. »Wir haben die formelle Ankündigung diese Woche erhalten, aber es gab schon Vorzeichen. Unsere Händler und Diplomaten wurden vor fast zwei Monaten aus Menchey ausgewiesen. Sie sagen, dass der alte Gemd ein Einberufungsgesetz verabschiedet hat, um die Reihen seiner Armee aufzufüllen und dass er das Training für den Rest verschärft hat. Der Rat denkt, dass er in einer Woche losmarschieren wird, vielleicht früher.«
Vor zwei Monaten. Ich war erst kurz davor nach Elysium gerufen worden. Scimina hatte meine Absicht in dem Moment erahnt, in dem Dekarta mich gerufen hatte.
Es leuchtete auch ein, dass sie Menchey als Basis für ihr Handeln erwählt hatte. Menchey war Darrs größter und mächtigster Nachbar und einst unser erbittertster Feind gewesen. Seit dem Krieg der Götter lebten wir zwar in Frieden mit den Mench- eyev, allerdings nur, weil die Arameri nicht willens gewesen waren, einem Land die Erlaubnis zu geben, das andere zu vernichten. Aber Ras Onchi hatte mich ja gewarnt, dass die Dinge sich verändert hatten.
Natürlich hatten sie einen offiziellen Kriegsantrag gestellt. Sie wollten das Recht, unser Blut zu vergießen.
»Ich gehe davon aus, dass wir seitdem ebenfalls begonnen haben, unsere Truppen zusammenzurufen«, sagte ich. Es stand mir nicht länger zu, Befehle zu geben, ich konnte nur Vorschläge machen.
Meine Großmutter seufzte. »So gut es ging. Unsere Schatzkammer ist so leer, dass wir es uns kaum leisten können, sie zu ernähren, geschweige denn, sie zu trainieren und auszurüsten. Niemand will uns Geldmittel leihen. Wir haben sogar nach Freiwilligen gesucht — jede Frau mit einem Pferd und eigenen Waffen. Männer ebenfalls, wenn sie noch nicht Väter sind.«
Wenn der Rat wirklich schon Männer zu rekrutieren versuchte, dann stand es schlimm. Sie waren traditionell unsere letzte Verteidigungsreihe, ihre körperliche Stärke wurde allein dafür genutzt, unsere Häuser und Kinder zu beschützen. Das bedeutete, der Rat hatte beschlossen, dass unsere einzige Verteidigung darin bestand, den Feind zu schlagen. Punkt. Alles andere würde das Ende der Darre bedeuten.
»Ich werde euch geben, was ich kann«, sagte ich. »Dekarta beobachtet alles, was ich tue, aber ich bin jetzt auch reich und ...«
»Nein.« Beba berührte wieder meine Schulter. Ich konnte mich nicht an das letzte Mal erinnern, dass sie mich ohne Grund berührt hatte. Aber andererseits hatte ich sie auch noch nie aufspringen sehen, um mich vor Gefahr zu beschützen. Es schmerzte mich, dass ich jung sterben würde, ohne sie wirklich kennengelernt zu haben.
»Achte auf dich selbst«, sagte sie. »Darr ist nicht deine Angelegenheit — nicht mehr.«
Ich schaute sie finster an. »Es wird immer ...«
»Du hast selbst gesagt, dass sie uns benutzen werden, um dir wehzutun. Schau, was passiert ist, nur weil du versucht hast, Handelsbeziehungen wiederherzustellen.«
Ich öffnete meinen Mund, um einzuwenden, dass dies einfach ihre Ausrede war, aber bevor ich das tun konnte, drehte Nahadoth seinen Kopf plötzlich gen Osten.
»Die Sonne kommt«, sagte er. Jenseits des Eintrittsbogens von Sar-enna-nem war der Himmel blass; die Nacht war schnell verflogen.
Leise fluchend sagte ich: »Ich werde tun, was ich kann.« Dann trat ich, einem Impuls folgend, vor, schlang meine Arme um sie und hielt sie fest. Das hatte ich in meinem ganzen Leben noch nie gewagt. Sie machte sich überrascht einen Moment steif, aber dann seufzte sie und legte die Hände auf meinen Rücken.
»So sehr wie dein Vater«, flüsterte sie. Dann schob sie mich sanft von sich.
Nahadoths Arm legte sich um mich — überraschend sanft —, und ich fand mich mit meinem Rücken gegen die menschliche Festigkeit seines Körpers innerhalb seiner Schatten gepresst. Dann war der Körper verschwunden, genau wie Sar-enna-nem, und alles war wieder kalt und dunkel.
Ich tauchte in meinem Zimmer in Elysium wieder auf, mit dem Gesicht zum Fenster. Der Himmel hier war noch überwiegend schwarz, obwohl am Horizont ein Hauch von Helligkeit zu sehen war. Ich war — zu meiner Überraschung und gleichzeitig Erleichterung — alleine. Es war ein sehr langer, sehr schwerer Tag gewesen.
Ohne mich auszuziehen, legte ich mich hin — aber der Schlaf stellte sich nicht sofort ein. Ich lag eine Weile dort, genoss die Stille und ließ meinen Geist ausruhen. Wie Blasen im Wasser stiegen dabei zwei Dinge an die Oberfläche meiner Gedanken.
Meine Mutter hatte ihren Handel mit den Enefadeh bereut. Sie hatte mich an sie verkauft, aber nicht ohne Bedenken. Ich fand es auf eine perverse Art beruhigend, dass sie versucht hatte, mich nach der Geburt zu töten. Das passte zu ihr, eher ihr eigenes Fleisch und Blut zu zerstören, als es verderben zu lassen. Vielleicht hatte sie sich entschieden, mich gemäß ihren Bedingungen zu akzeptieren ... später, als der Freudentaumel über das neue Mutterglück ihre Gefühle nicht mehr verzerrte. Als sie mir in die Augen sehen konnte und feststellte, dass eine der Seelen darin meine war. Der andere Gedanke war einfach, aber viel weniger tröstend: Hatte mein Vater es gewusst?
Erleichterung
In diesen Nächten, diesen Träumen, sah ich durch Tausende Augen. Bäcker, Schmiede, Gelehrte, Könige — gewöhnlich und ungewöhnlich. Ich lebte jede Nacht ihr Leben. Aber wie mit allen Träumen, erinnere ich mich nur an die ganz besonderen.
In einem sehe ich einen verdunkelten, leeren Raum. Fast keine Möbel. Ein alter Tisch. Ein schmutziges, halb zerrissenes Bündel Bettzeug in einer Ecke. Eine Murmel neben dem Bettzeug. Nein, keine Murmel; eine kleine, überwiegend blaue Kugel. Die mir zugewandte Seite besteht aus einem braun-weißen Mosaik. Ich weiß, wessen Zimmer das ist.