»Schhhh«, sagt eine neue Stimme, und plötzlich sind Leute im Zimmer. Eine zarte Gestalt liegt halb über den Schoß der anderen Gestalt drapiert, die größer ist. Und dunkler. »Schhh. Soll ich dir eine Geschichte erzählen?«
»Hmm«, sagt die kleinere. Ein Kind. »Ja. Noch mehr wunderschöne Lügen, Papa, bitte.«
»Na, na. Kinder sind nicht so zynisch. Sei ein wahres Kind, oder du wirst nie so groß und stark werden wie ich.«
»Ich werde nie wie du sein, Papa. Das ist eine deiner Lieblingslügen.«
Ich sehe zerzaustes, braunes Haar. Eine graziöse Hand mit langen Fingern streichelt es. Der Vater? »Ich habe dich diese ganze lange Zeit aufwachsen sehen. Und in zehntausend Jahren, einhunderttausend Jahren ...«
»Und wird mein sonnenheller Vater seine Arme ausbreiten, wenn ich so groß geworden bin, und mich an seiner Seite willkommen heißen?« Ein Seufzen.
»Wenn er einsam genug ist, vielleicht.«
»Ich will ihn nicht!« Ruckartig bewegt sich das Kind von der streichelnden Hand weg und schaut hoch. Seine Augen spiegeln das Licht so wie die einer Nachtkreatur. »Ich werde dich nie verraten, Papa. Nie!«
»Schhhh.« Der Vater beugt sich hinab und küsst das Kind sanft auf die Stirn. »Ich weiß.«
Und das Kind wirft sich nach vorne, verbirgt das Gesicht in weicher Dunkelheit und weint. Der Vater hält es fest, schaukelt sanft und fängt an, zu singen. In seiner Stimme höre ich jede Mutter, die jemals ein Kind in den frühen Morgenstunden getröstet hat, und jeden Vater, der jemals Hoffnungen in das Ohr seines Kindes geflüstert hat. Ich verstehe den Schmerz nicht, den ich wahrnehme und der die beiden wie Ketten umfängt, aber ich spüre deutlich, dass Liebe ihre Waffe dagegen ist.
Es ist ein privater Augenblick, und ich bin ein Eindringling. Ich spreize unsichtbare Finger und lasse diesen Traum hindurch- und fortgleiten.
Ich vermisste den fehlenden Schlaf schmerzlich, als ich mich spät am nächsten Tag mühsam aufraffte, wachzuwerden. Ich saß auf der Bettkante und hatte die Knie angezogen. Durch das Fenster sah ich einen hellen, klaren Mittagshimmel und dachte Ich werde sterben.
Ich werde STERBEN.
In sieben Tagen ... nein, sechs nur noch.
Sterben.
Ich schäme mich, zuzugeben, dass diese Litanei eine ganze Weile andauerte. Der Ernst meiner Lage war mir bisher noch nicht klar geworden; der bevorstehende Tod hatte hinter der Gefahr für Darr und einer himmlischen Verschwörung zurückstehen müssen. Aber jetzt hatte ich niemanden mehr, der an meiner Seele herumzerrte, um mich abzulenken, und alles, an das ich denken konnte, war der Tod. Ich war noch nicht einmal zwanzig Jahre alt. Ich hatte noch nie geliebt. Ich konnte noch nicht mit allen neun Formen des Messers umgehen. Ich hatte noch nie ... Götter. Ich hatte noch nie wirklich gelebt, jenseits des Vermächtnisses meiner Eltern: ennu und Arameri. Es schien nahezu unfassbar, dass ich ein Todeskandidat war — aber ich war es.
Denn selbst wenn die Arameri mich nicht töteten, machte ich mir keine Illusionen über die Enefadeh. Ich war die Scheide des Schwertes, das sie hofften, gegen Itempas zu ziehen, ihre einzige Möglichkeit, zu entkommen. Sollte die Nachfolgezeremonie verschoben werden oder ich wie durch ein Wunder erfolgreich De- kartas Erbe antreten, so war ich sicher, dass die Enefadeh mich einfach töten würden. Offensichtlich hatte ich keinen Schutz vor ihnen wie andere Arameri; zweifellos war das eine der Änderungen, die sie an meinem Siegel vorgenommen hatten. Mich zu töten wäre wahrscheinlich die leichteste Möglichkeit für sie, Ene- fas Seele so gut wie unbeschädigt zu entfernen. Si’eh würde die Notwendigkeit meines Todes betrauern, aber sonst würde das in Elysium niemand tun.
Also lag ich auf meinem Bett, zitterte, weinte und hätte das wohl auch für den Rest des Tages getan — ein Sechstel meines Lebens —, wenn es nicht an der Tür geklopft hätte.
Das holte mich mehr oder weniger wieder auf den Boden der Tatsachen. Ich trug immer noch die Kleidung vom Tag zuvor, in der ich geschlafen hatte, mein Haar war völlig durcheinander, mein Gesicht aufgedunsen und meine Augen rot. Gebadet hatte ich auch noch nicht. Ich öffnete die Tür einen Spalt weit und sah zu meiner großen Bestürzung T’vril, der ein Tablett mit Essen in einer Hand hielt.
»Seid gegrüßt, Cousine ...« Er hielt inne, schaute noch einmal genauer hin und machte ein finsteres Gesicht. »Was zum Dämonen ist mit Euch passiert?«
»N... nichts«, murmelte ich und versuchte, die Tür zu schließen. Er schlug sie mit seiner freien Hand auf, schob mich zurück und trat ein. Ich hätte protestiert, aber die Worte blieben mir im Hals stecken, als er mich mit einem Ausdruck musterte, der meiner Großmutter zur Ehre gereicht hätte.
»Ihr lasst sie gewinnen, nicht wahr?«, fragte er.
Ich glaube, mir fiel die Kinnlade herunter. Er seufzte. »Setzt Euch.«
Ich schloss meinen Mund. »Woher wisst Ihr ...«
»Ich weiß nahezu alles, was hier passiert, Yeine. Der bevorstehende Ball zum Beispiel und was danach geschehen wird. Halbblütern sagt man das normalerweise nicht, aber ich habe meine Verbindungen.« Er nahm mich sanft bei den Schultern. »Du hast es auch herausgefunden, nehme ich an, und deshalb sitzt du hier und gehst vor die Hunde.«
Bei anderer Gelegenheit wäre ich erfreut gewesen, dass er mich endlich vertraulich mit Namen ansprach. Jetzt schüttelte ich dumpf meinen Kopf und rieb meine Schläfen, in denen sich die Ermüdungskopfschmerzen breitmachten. »T’vril, du weißt ...«
»Setz dich hin, du Närrin, bevor du ohnmächtig wirst und ich Viraine rufen muss. Du möchtest nämlich nicht, dass ich das tun muss. Seine Heilmittel sind wirkungsvoll, aber äußerst widerlich.« Er nahm meine Hand und führte mich an meinen Tisch.
»Ich bin hergekommen, weil du kein Frühstück und kein Mittagessen bestellt hattest, und ich dachte, du würdest dich wieder einmal zu Tode hungern.« Er setzte mich hin und das Tablett ab. Dann hob er ein Gericht mit einer zerteilten Frucht hoch, spießte ein Stück auf eine Gabel und fuchtelte mir so lange damit vor dem Gesicht herum, bis ich aß. »Anfangs schienst du ein vernünftiges Mädchen zu sein, als du herkamst. Die Götter wissen, dass dieser Ort einer Person den Verstand austreiben kann, aber ich hätte nicht gedacht, dass du so schnell klein beigeben würdest. Warst du nicht eine Kriegerin oder so etwas? Die Gerüchte sagen, dass du dich halbnackt mit einem Speer durch die Bäume schwingst.«
Ich starrte ihn wütend an, die Beleidigung schnitt durch meine Verwirrung hindurch. »Das ist das Blödeste, das du je zu mir gesagt hast.«
»Du bist also doch noch nicht tot. Gut.« Er nahm mein Kinn zwischen seine Finger und sah mir forschend in die Augen. »Und sie haben dich noch nicht geschlagen. Verstehst du das?«
Ich riss den Kopf weg und klammerte mich an meinen Ärger. Er war besser als Verzweiflung, wenn auch genauso nutzlos. »Du hast keine Ahnung, wovon du redest. Mein Volk ... ich bin hierhergekommen, um ihnen zu helfen, und stattdessen befinden sie sich meinetwegen in noch größerer Gefahr.«
»Ja, ich hörte davon. Du weißt, dass sowohl Relad als auch Sci- mina perfekte Lügner sind, oder? Du hast nichts getan, das das verursacht hat. Seiminas Pläne standen längst fest, bevor du überhaupt in Elysium angekommen bist. So läuft das in dieser Familie.« Er hielt einen Käsebrocken vor meinen Mund. Ich muss- te ein Stück abbeißen, kauen und hinunterschlucken, um seine Hand loszuwerden.
»Wenn das ...« Er schob mir noch mehr von der Frucht entgegen, aber ich schlug die Gabel beiseite, und die Frucht flog irgendwo in Richtung meiner Bücherschränke davon. »Wenn das wahr ist, dann weißt du, dass es nichts gibt, das ich tun kann! Darrs Feinde bereiten sich auf einen Angriff vor. Mein Land ist schwach; wir können uns nicht einmal gegen eine Armee verteidigen, geschweige denn die vielen, die sich gegen uns stellen!«