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Er nickte ernst und hielt ein neues Stück der Frucht für mich hoch. »Das hört sich nach Relad an. Scimina ist normalerweise subtiler. Aber offen gesagt: Es könnten beide sein. Dekarta hat ihnen nicht viel Zeit zum Arbeiten gelassen, und unter Druck werden beide ungeschickt.«

Die Frucht schmeckte salzig in meinem Mund. »Dann sag mir ...« Ich blinzelte und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. »Was soll ich tun, T’vril? Du sagst, dass ich sie gewinnen lasse, aber was kann ich denn sonst tun?«

T’vril stellte den Teller ab, beugte sich vor und nahm meine Hände. Plötzlich erkannte ich, dass seine Augen grün waren, wenn auch etwas dunkler als meine. Bisher hatte ich derTatsache, dass wir verwandt waren, nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die meisten Arameri erschienen mir kaum wie Menschen, geschweige denn wie Familie.

»Kämpfen«, sagte er, und seine Stimme war tief und entschlossen. Seine Hände griffen meine so fest, dass es schmerzte. »Du kämpfst auf jede erdenkliche Art und Weise.«

Vielleicht war es die Stärke seines Griffs oder das Drängen in seiner Stimme, aber plötzlich wurde mir etwas klar. »Du möchtest selber Erbe sein, nicht wahr?«

Er blinzelte überrascht, und dann huschte ein betrübtes Lächeln über sein Gesicht. »Nein«, sagte er. »Nicht unbedingt. Niemand würde unter diesen Umständen Erbe sein wollen. Darum beneide ich dich nicht. Aber ...« Er sah weg in Richtung Fenster, und ich erkannte sie in seinen Augen: eine schreckliche Frustration, die wohl schon das ganze Leben lang in ihm schwelte. Das unausgesprochene Wissen, dass er genauso intelligent war wie Relad oder Scimina, genauso stark, dass er Privilegierung ebenso verdiente und auch ebenso in der Lage war, Anführer zu sein.

Und wenn man ihm je die Chance bot, würde er darum kämpfen, sie zu behalten. Sie zu nutzen. Er würde sogar dann kämpfen, wenn er keine Chance auf einen Sieg hätte. Es nicht zu tun hieße zuzugeben, dass das dumme, willkürliche Einsetzen des Vollblut- Status etwas mit Logik zu tun hatte und dass die Amn wirklich den anderen Rassen überlegen waren. Dass er es verdiente, nicht mehr als ein Diener zu sein.

So wie ich es verdiente, nicht mehr als eine Spielfigur zu sein. Ich stutzte.

T’vril bemerkte es. »Schon besser.« Er drückte mir die Schale mit der Frucht in die Hände und stand auf. »Iss auf und zieh dich an. Ich will dir etwas zeigen.«

Ich hatte nicht gewusst, dass Feiertag war. Feuertag — irgendeine Amnfeier, von der ich gehört, der ich aber keine Beachtung geschenkt hatte. Als T’vril mich aus meinem Zimmer führte, hörte ich Gelächter und Senmite-Musik, die durch die Flure klang. Ich hatte die Musik dieses Kontinents noch nie gemocht. Sie war seltsam, arhythmisch und voll unheimlicher Mollklänge. Wahrscheinlich konnten nur Leute mit sehr exquisitem Geschmack sie verstehen oder genießen.

Ich seufzte, weil ich dachte, wir würden in diese Richtung gehen. Aber T’vril warf einen grimmigen Blick dorthin und schüttelte den Kopf. »Nein. Diesen Feierlichkeiten willst du nicht beiwohnen, Cousine.«

»Warum nicht?«

»Die Party ist für die von hohem Geblüt. Du wärst sicherlich willkommen, und als Halbblut könnte ich wahrscheinlich auch hingehen, aber ich schlage vor, dass du gesellschaftlichen Ereignissen unserer Vollblut-Verwandten fernbleibst, wenn du Spaß haben möchtest. Sie haben ... seltsame Vorstellungen darüber, was Spaß bedeutet.« Sein grimmiger Gesichtsausdruck warnte mich davor, weitere Fragen zu stellen. »Hier entlang.«

Er führte mich in die entgegengesetzte Richtung, einige Etagen tiefer, und nahm dann Kurs auf das Herz des Palastes. In den Fluren herrschte geschäftiges Treiben, obwohl ich nur Bedienstete sah, als wir dort entlanggingen. Sie alle huschten so schnell vorbei, dass sie kaum Zeit hatten, T’vril einen Gruß zuzunicken. Ich bezweifle, dass sie mich überhaupt bemerkten.

»Wohin gehen die alle?«, fragte ich.

T’vril sah erheitert aus. »Zur Arbeit. Ich habe alle auf wechselnde, kurze Schichten gesetzt, und sie haben wahrscheinlich alle bis zur letzten Sekunde gewartet, bevor sie gingen. Sie wollten den Spaß nicht versäumen.«

»Spaß?«

»Mmm-hmm.« Wir umrundeten eine Kurve, und ich sah eine breite, durchsichtige Türfront vor uns. »Da sind wir. Der Zentralhof. Nun, da du gut Freund mit Si’eh bist, glaube ich, dass die Magie für dich funktionieren wird. Wenn nicht, und falls ich verschwinde, geh einfach zur Halle zurück und warte. Ich komme dann wieder raus, um dich zu holen.«

»Was?« Langsam wurde es zur Gewohnheit, dass ich mir dumm vorkam.

»Du wirst schon sehen.« Er stieß die Türen auf.

Die Szene dahinter war fast schon idyllisch — sie wäre es gewesen, wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich mich in einem Palast befinde, der eine halbe Meile über der Erde schwebt. Wir schauten in eine Art riesiges Atrium, das sich im Zentrum des Palastes befand. Entlang einem Kopfsteinpflasterweg standen reihenweise winzige Hütten. Ich stellte überrascht fest, dass diese Hütten nicht wie der Rest des Palastes aus diesem perlmuttartigen Material bestanden, sondern aus Steinen, Holz und Ziegeln. Der Baustil der Hütten unterschied sich ebenfalls deutlich von dem des Palastes — die ersten scharfen Winkel und geraden Linien, die ich zu Gesicht bekam. Auch untereinander war er unterschiedlich. Viele der Bauarten waren mir fremd: Token, Mekatish und andere — sogar eins mit einem auffällig goldenen Dachfirst, das Irtin gewesen sein mochte. Ich schaute hoch und erkannte, dass der Zentralhof sich in einem riesigen Zylinder im Inneren des Palastes befand. Direkt über ihm war vollkommen klarer, blauer Himmel.

Aber der ganze Ort war still und bewegungslos. Ich sah niemanden in oder bei den Hütten; und nicht einmal ein Windchen rührte sich.

T’vril nahm meine Hand und zog mich über die Schwelle — und ich schnappte nach Luft, als das Schweigen brach. Schlagartig waren viele Menschen unterwegs und überall um uns herum. Sie lachten, rannten umher und verliehen ihrer Freude mit einer Kakophonie Ausdruck, die mich nicht so erschreckt hätte, wäre sie nicht aus dem Nichts gekommen. Musik war auch zu hören, die schöner war, als die von Senmite, die ich aber auch nicht gewohnt war. Sie ertönte in der Nähe, irgendwo inmitten der Hütten. Ich erkannte eine Flöte und eine Trommel und ein Gewirr von Sprachen — die einzige, die ich erkannte, war Kenti — bevor mich jemand am Arm packte und mich herumdrehte.

»Shaz, da bist du ja! Ich dachte ...« Der Amn, der meine Hand genommen hatte, erschrak, als er mein Gesicht sah, und wurde dann noch blasser. »Oh, Dämonen.«

»Schon gut«, sagte ich schnell. »Das war nur ein Versehen.« Von hinten konnte man mich für Tema, Narshes oder die Hälfte der nordischen Rassen halten - und es war mir nicht entgangen, dass er mich mit einem Jungennamen gerufen hatte. Das war aber offensichtlich nicht der Grund für sein Entsetzen. Sein Blick war auf den Vollblutkreis auf meiner Stirn geheftet.

»Schon gut, Ter.« T’vril trat an meine Seite und legte eine Hand auf meine Schulter. »Das ist die Neue.«

Erleichterung brachte wieder Farbe in das Gesicht des Mannes. »Sorry, Miss«, sagte er und nickte mir eine Begrüßung zu. »Ich ... nun ja.« Er lächelte verlegen. »Ihr wisst ja.«

Ich beschwichtigte ihn erneut, obwohl ich mir nicht ganz sicher war, dass ich wirklich Bescheid wusste. Danach ging der Mann davon und ließ T’vril und mich alleine — sofern man inmitten einer solchen Menschenmasse allein sein konnte. Ich konnte sehen, dass alle Anwesenden die Markierungen des niederen Geblüts trugen — sie waren alle Bedienstete. Auf dem ausladenden Platz des Zentralhofs waren fast tausend Menschen oder mehr. T’vril hielt sie so geschickt im Hintergrund, dass mir nicht klar gewesen war, wie viele Diener es in Elysium gab. Allerdings hätte ich mir wohl denken können, dass es von ihnen mehr gab als solche von hohem Geblüt.