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»Mach Ter keinen Vorwurf«, sagte T’vril. »Heute ist einer der wenigen Tage, an dem wir uns von Rangordnungen frei machen können. Er war nicht darauf vorbereitet.« Er nickte in Richtung meiner Stirn.

»Was ist das hier, T’vril? Wo haben diese Leute ...?«

»Ein kleiner Gefallen der Enefadeh.« Er zeigte auf den Eingang, durch den wir gerade gekommen waren, und nach oben. In der Luft des Zentralhofs lag ein schwacher, gläserner Schimmer, den ich vorher nicht bemerkt hatte. Wir standen in einer durchsichtigen Blase aus — irgendetwas. Magie, was immer es war.

»Niemand mit einem Zeichen höher als Viertelblut sieht etwas, selbst wenn er durch die Barriere geht«, sagte T’vril. »Für mich hat man eine Ausnahme gemacht. Und wie du bemerkt hast, können wir auch andere mitbringen, wenn wir möchten. Das bedeutet, wir können feiern, ohne dass die von hohem Geblüt hierherkommen, um unsere ›putzigen Gesindelbräuche‹ zu beäugen, als ob wir Tiere im Zoo wären.«

Endlich verstand ich und lächelte. Das war wahrscheinlich einer der vielen kleinen Aufstände, die die Bediensteten von niederem Geblüt klammheimlich gegen ihre hochwohlgeborenen Verwandten anzettelten. Wenn ich noch länger in Elysium blieb, würde ich wahrscheinlich noch andere erleben ...

Aber natürlich würde ich nicht lange genug leben.

Dieser Gedanke ernüchterte mich sofort, trotz der Musik und der Fröhlichkeit, die mich umgab. T’vril grinste mich an und ließ meine Hand los. »Nun, jetzt bist du hier. Hab für eine Weile Spaß, hmm?« Und fast genau in dem Moment, als er mich losließ, packte ihn eine Frau und zog ihn in die Menge. Ich sah sein rotes Haar noch einmal aufblitzen, dann war er fort.

Ich stand da, wo er mich verlassen hatte, und fühlte mich seltsam leer. Die Bediensteten feierten um mich herum, aber ich gehörte nicht dazu. Außerdem konnte ich mich inmitten dieses Lärms und des Chaos nicht entspannen, egal, wie fröhlich es war. Niemand war Darre. Niemandem stand eine Exekution bevor. Niemand hatte man die Seele eines Gottes, die alles befleckte, was sie dachten oder fühlten, in den Körper gestopft.

Trotzdem hatte T’vril mich in dem Versuch, mich aufzuheitern, hierher gebracht. Es wäre ungehörig, sofort wieder zu gehen. Also sah ich mich nach einer ruhigen Ecke um, wo ich mich abseits hinsetzen konnte. Dann sah ich ein bekanntes Gesicht — wenigstens schien es zunächst ein bekanntes Gesicht zu sein. Ein junger Mann beobachtete mich. Er stand auf der Treppe einer Hütte und lächelte, als ob er mich kannte. Er war ein bisschen älter als ich, hatte ein hübsches Gesicht und war schlank. Er sah aus wie ein Tema, aber seine Augen waren so gar nicht Tema und ein schwaches Grün ...

Ich schnappte nach Luft und ging zu ihm hinüber. »Si’eh?«

Er grinste. »Schön, dass du rausgekommen bist.«

»Du bist ...« Ich gaffte noch eine Weile mit offenem Mund, dann schloss ich ihn in die Arme. Ich hatte die ganze Zeit ge- wusst, dass Nahadoth nicht der einzige Enefadeh war, der seine Form verändern konnte. »Also ist das deine Idee?« Ich zeigte auf die Barriere, die ich jetzt wie eine Kuppel über uns stehen sah.

Er zuckte mit den Schultern. »T’vrils Leute tun uns das ganze Jahr hindurch Gefallen. Es ist nur angebracht, dass wir ihnen etwas zurückgeben. Wir Sklaven müssen zusammenhalten.«

In seiner Stimme war eine Bitterkeit, die ich vorher noch nicht darin gehört hatte. Im Vergleich zu meiner eigenen Stimmung war sie seltsam tröstend, also setzte ich mich auf die Treppe neben seine Beine. Zusammen beobachteten wir schweigend eine Zeit lang die Feierlichkeiten. Nach einer Weile spürte ich, wie seine Hand mein Haar berührte und streichelte, und das tröstete mich noch mehr. Egal in welcher Form, er war immer noch Si’eh.

»Sie wachsen und verändern sich so schnell«, sagte er leise und blickte auf eine Gruppe Tänzer in der Nähe der Musiker. »Manchmal hasse ich sie dafür.«

Ich sah überrascht zu ihm auf. Das war eine seltsame Stimmung für ihn. »Ihr Götter habt uns doch so erschaffen, oder nicht?«

Er sah mich an, und fiir einen irritierenden, schmerzhaften Moment sah ich Verwirrung auf seinem Gesicht. Enefa. Er hatte gesprochen, als ob ich Enefa sei.

Dann ging die Verwirrung vorüber, und er lächelte mich traurig an. »Tut mir leid«, sagte er.

Als ich die Traurigkeit in seinem Gesicht sah, konnte ich keine Bitterkeit fühlen. »Ich muss wohl wie sie aussehen.«

»Das ist es nicht.« Er seufzte. »Es ist nur, dass manchmal ... nun, es scheint, als ob sie erst gestern gestorben wäre.«

Der Krieg der Götter hatte vor mehr als zweitausend Jahren stattgefunden, nach den Berechnungen der meisten Schreiber. Ich wandte mich von Si’eh ab und seufzte ebenfalls. Die Kluft zwischen uns war so tief.

»Du bist nicht wie sie«, sagte er. »Zumindest nicht völlig.«

Ich wollte nicht von Enefa reden, aber ich sagte nichts. Ich zog meine Knie an und legte mein Kinn darauf. Si’eh fuhr fort, meine Haare zu streicheln und tätschelte mich wie eine Katze.

»Sie war auch so reserviert wie du, aber das ist die einzige Ähnlichkeit. Sie war ... kühler als du. Sie wurde nicht so schnell ärgerlich — obwohl sie ein ähnliches Temperament hatte wie du. Es war großartig, wenn sie die Beherrschung verlor. Wir haben alles versucht, sie nicht zu verärgern.«

»Du hörst dich an, als ob du Angst vor ihr hattest.«

»Natürlich. Wie hätten wir keine haben können?«

Ich stutzte verwirrt. »Sie war deine Mutter.«

Si’eh zögerte, und ich bemerkte darin ein Echo meiner eigenen Gedanken über die Kluft zwischen uns. »Das ist ... schwierig zu erklären.«

Ich hasste diese Kluft. Ich wollte sie überwinden, obwohl ich keine Ahnung hatte, ob das überhaupt möglich war. Also sagte ich: »Versuch es.«

Seine Hand hielt auf meinem Haar inne, und dann kicherte er mit warmer Stimme. »Ich bin froh, dass du nicht einer von meinen Anhängern bist. Du würdest mich mit deinem Ansinnen in den Wahnsinn treiben.«

»Würdest du überhaupt meinen Gebeten Gehör schenken?« Ich konnte nicht anders, als bei dem Gedanken zu lächeln.

»Oh, natürlich. Aber ich würde dir vielleicht einen Salamander ins Bett schmuggeln, um es dir heimzuzahlen.«

Ich lachte, was mich überraschte. Das war das erste Mal an dem Tag, dass ich mich wie ein Mensch fühlte. Wie jedes Gelächter hielt es nicht lange an, aber ich fühlte mich danach besser. Impulsiv rückte ich seitwärts an seine Beine heran, lehnte mich dagegen und legte meinen Kopf auf seine Knie. Seine Hand blieb die ganze Zeit auf meinem Haar.

»Ich brauchte keine Muttermilch, als ich geboren wurde.« Si’eh sprach langsam, aber diesmal spürte ich keine Lüge. Ich glaube, es war nur schwer für ihn, die richtigen Worte zu finden. »Es gab keinen Grund, mich vor Gefahren zu beschützen oder mir Gutenachtlieder zu singen. Ich konnte die Lieder zwischen den Sternen hören, und ich war gefährlicher für die Welten, die ich besuchte, als sie es je für mich hätten sein können. Und trotzdem — verglichen mit den Drei war ich schwach. Ich war in vielen Dingen wie sie, aber offensichtlich unterlegen. Naha war derjenige, der sie davon überzeugte, mich am Leben zu lassen und zu sehen, was aus mir werden würde.«

Ich stutzte. »Sie wollte ... dich töten?«

»Ja.« Er kicherte über mein Entsetzen. »Sie hat dauernd etwas getötet, Yeine. Sie war Tod genauso wie Leben, das Zwielicht mit dem Sonnenaufgang. Jeder vergisst das.«

Ich drehte mich um und starrte ihn an, woraufhin er seine Hand von meinem Haar zurückzog. In dieser Geste lag etwas Bedauerndes und Zögerliches, das eines Gottes nicht würdig war, und das ärgerte mich plötzlich. Es war in jedem seiner Worte. Egal, wie unverständlich Beziehungen zwischen Göttern sein mögen, er war ein Kind gewesen und Enefa seine Mutter — und er hatte sie mit der Hingabe eines jeden Kindes geliebt. Trotzdem hätte sie ihn beinahe getötet, wie ein Züchter ein untaugliches Fohlen erlegt.