Oder wie eine Mutter einen gefährlichen Säugling erstickt ...
Nein. Das war etwas anderes gewesen.
»So langsam kann ich diese Enefa nicht mehr leiden«, sagte ich.
Si’eh schrak überrascht auf, starrte mich eine ganze Weile an und fing dann an zu lachen. Es war ein ansteckendes, sinnloses Gelächter; Humor, der aus Qual geboren wurde. Ich lächelte ebenfalls.
»Danke«, sagte Si’eh und gluckste immer noch. »Ich hasse es, diese Form anzunehmen. Dann werde ich immer so rührselig.«
»Sei wieder ein Kind.« Ich mochte ihn so lieber.
»Geht nicht.« Er zeigte auf die Barriere. »Das zehrt zu sehr an meinen Kräften.«
»Ah.« Ich fragte mich plötzlich, Welcher sein Urzustand sein mochte: das Kind? Oder dieser weltenmüde Erwachsene, der immer dann ans Licht kam, wenn er nicht aufpasste? Oder noch etwas völlig anderes? Aber das erschien mir zu privat und vielleicht zu schmerzhaft, um danach zu fragen, also tat ich es nicht.
»Was wirst du tun?«, fragte Si’eh.
Ich legte meinen Kopf wieder auf seine Knie und sagte nichts.
Si’eh seufzte. »Wenn ich wüsste, wie ich dir helfen könnte, würde ich es tun. Das weißt du doch, oder?«
Die Worte gaben mir mehr Wärme, als ich erwartet hatte. Ich lächelte ihn an. »Ja. Ich weiß, obwohl ich nicht behaupten kann, dass ich es verstehe. Ich bin nur eine Sterbliche wie all die anderen, Si’eh.«
»Nicht wie all die anderen.«
»Doch.« Ich sah ihn an. »Egal, wie ... anders ich sein mag ...« Ich wollte es nicht laut aussprechen. Es stand zwar niemand nah genug, um uns zu belauschen, aber es schien dumm, ein Risiko einzugehen. »Du hast es selbst gesagt. Selbst wenn ich einhundert Jahre alt würde, mein Leben wäre immer noch nur ein Lidschlag im Vergleich zu eurem. Ich sollte nichts für euch sein, genau wie die anderen.« Ich nickte in Richtung der Menschenmenge.
Er lachte leise, die Bitterkeit war wieder da. »O Yeine. Du verstehst es wirklich nicht. Wenn die Sterblichen uns wirklich nichts bedeuteten, wäre unser Leben so viel einfacher. Und deins auch.«
Dazu konnte ich nichts sagen. Also schwieg ich. Er schwieg ebenfalls, und um uns herum feierte die Dienerschaft weiter.
Als ich endlich den Zentralhof verließ, war es fast Mitternacht. Die Party war immer noch in vollem Gange, aber T’vril ging mit mir zusammen und brachte mich zu meinem Quartier zurück. Er hatte etwas getrunken, obwohl es nicht so viel war wie bei einigen anderen, die ich gesehen hatte. »Im Gegensatz zu denen muss ich morgen früh einen klaren Kopf haben«, sagte er, als ich ihn darauf hinwies.
Wir hielten vor meiner Wohnungstür an. »Danke«, sagte ich und meinte es auch so.
»Du hattest keinen Spaß«, sagte er. »Ich habe es gesehen: Du hast den ganzen Abend nicht getanzt. Hast du wenigstens ein Glas Wein getrunken?«
»Nein. Aber es hat geholfen.« Ich suchte nach den richtigen Worten. »Ich will nicht bestreiten, dass ein Teil von mir die ganze Zeit gedacht hat ›Ich verschwende ein Sechstel meines Lebens‹.« Ich lächelte, und T’vril zog eine Grimasse. »Aber diese Zeit, umgeben von so viel Lebensfreude zu verbringen ... ich fühle mich besser dadurch.«
In seinen Augen war so viel Mitleid. Ich fragte mich wieder einmal, warum er mir half. Ich nahm an, dass er sich wie eine Art Leidensgenosse von mir fühlte, mich vielleicht sogar mochte. Es war rührend, das zu glauben; vielleicht streckte ich deshalb meine Hand aus und legte sie an seine Wange. Er blinzelte überrascht, entzog sich aber nicht. Das freute mich, und so gab ich einem Impuls nach.
»Ich bin in deinen Augen wahrscheinlich nicht hübsch«, sagte ich ins Blaue hinein. Seine Wange unter meinen Fingern fühlte sich leicht kratzig an, und mir fiel ein, dass die Männer der Inselvölker sich gerne Bärte stehen ließen. Ich fand die Idee exotisch und faszinierend.
Ein halbes Dutzend Gedanken huschten innerhalb eines Atemzuges überT’vrils Gesicht, dann lächelte er langsam. »Nun ja, das
Gleiche gilt auch umgekehrt«, sagte er. »Ich habe die Paradepferde, die ihr Darre Männer nennt, gesehen.«
Ich kicherte und war plötzlich nervös. »Und wir sind natürlich verwandt ...«
»Das hier ist Elysium, Cousine.« Erstaunlich, wie das als Erklärung für alles diente.
Ich öffnete die Tür zu meiner Wohnung, nahm seine Hand und zog ihn hinein.
Er war seltsam sanft — oder vielleicht erschien es mir nur seltsam, weil ich wenig Erfahrung hatte, mit der ich ihn hätte vergleichen können. Ich war überrascht, als ich herausfand, dass er unter seiner Kleidung noch blasser war und dass seine Schultern mit schwachen Flecken bedeckt waren, die denen eines Leoparden ähnelten. Nur waren diese kleiner und zufällig verteilt. Er fühlte sich an mich gedrückt normal an, schlank und stark, und ich mochte die Töne, die er von sich gab. Er versuchte, mir Lust zu bereiten, aber ich war zu verkrampft. Mir waren meine Einsamkeit und meine Angst zu sehr bewusst, also gab es keine Sturmwinde für mich. Es machte mir nicht so viel aus.
Ich war nicht daran gewöhnt, jemanden in meinem Bett zu haben, und so schlief ich danach unruhig. In den frühen Morgenstunden schließlich stand ich auf und ging ins Badezimmer. Ich hoffte, dass ein Bad mir helfen würde, einzuschlafen. Ich ließ Wasser in die Badewanne und ins Waschbecken laufen und spritzte es mir ins Gesicht. Dann starrte ich mich im Spiegel an. Es gab neue Anstrengungsfalten um meine Augen herum, die mich älter aussehen ließen. Ich berührte meinen Mund und verspürte Melancholie, als ich an das Mädchen dachte, das ich nur ein paar Monate vorher gewesen war. Sie war nicht unschuldig gewesen — das kann sich kein Anführer eines Volkes erlauben — aber sie war mehr oder weniger glücklich gewesen. Wann war das letzte Mal gewesen, dass ich mich glücklich gefühlt hatte?
Plötzlich war ich böse auf T’vril. Lust hätte mich wenigstens entspannt und vielleicht meine Stimmung aus ihren düsteren Bahnen gerissen. Gleichzeitig war es mir unangenehm, so enttäuscht zu sein, weil ich T’vril mochte. Es war ebenso mein Fehler wie seiner.
Aber auf dem Fuße folgte ungewollt ein noch viel verstörender Gedanke — einer, gegen den ich für lange Sekunden angekämpft hatte und der zwischen krankhafter Faszination der verbotenen Erregung und abergläubischer Angst gefangen war.
Ich wusste, warum ich bei T’vril keine Befriedigung erfahren hatte.
Flüstere niemals seinen Namen in der Finsternis
Nein. Das war Unvernunft. Nein, nein, nein.
es sei denn, du willst, dass er antwortet.
In mir war ein furchtbarer, irrsinniger Leichtsinn. Er wirbelte herum und krachte in meinem Kopf, ein Durcheinander aus Gedankenfetzen. Ich konnte sehen, wie er sich manifestierte, als ich in den Spiegel starrte; meine Augen starrten zurück, viel zu weit, die Pupillen zu groß. Ich leckte meine Lippen, und für einen Moment waren es nicht meine. Sie gehörten einer anderen Frau, die viel tapferer und dümmer war als ich.
Das Badezimmer war wegen der leuchtenden Wände nicht dunkel, aber Finsternis kommt in vielfältiger Form. Ich schloss meine Augen und sprach mit der Finsternis hinter meinen Lidern.
»Nahadoth«, sagte ich.
Meine Lippen bewegten sich kaum. Ich hatte dem Wort gerade genug Atem geschenkt, dass es hörbar wurde, nicht mehr. Ich hörte mich nicht einmal selbst über das laufende Wasser und das Hämmern meines Herzens hinweg. Aber ich wartete. Zwei Atemzüge. Drei.
Nichts geschah.