Für einen kurzen Moment verspürte ich eine völlig absurde Enttäuschung. Ihr folgten erst Erleichterung und dann Wut auf mich selber. Was zum Mahlstrom war bloß los mit mir? Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nichts so Dummes getan. Ich war wohl dabei, meinen Verstand zu verlieren.
Ich wandte mich von dem Spiegel ab — und dann wurden die leuchtenden Wände dunkel.
»Was ...«, fing ich an, und dann legte sich ein Mund über meinen.
Selbst wenn die Logik mir nicht gesagt hätte, wer es war, der Kuss hätte es getan. Er schmeckte nach nichts, sondern war nur feucht und stark. Eine hungrige, bewegliche Zunge glitt wie eine Schlange um meine. Sein Mund war kälter, als der von T’vril es gewesen war. Aber als Reaktion durchströmte mich eine andere Form der Hitze, und als Hände begannen, meinen Körper zu erforschen, konnte ich nicht anders, als mich ihnen entgegenzustrecken. Ich atmete schneller, als der Mund meinen schließlich freigab und sich an meinem Hals herunterbewegte.
Ich wusste, ich hätte ihn aufhalten sollen. Ich wusste, dass er so am liebsten tötete. Aber als unsichtbare Seile mich hochhoben und gegen die Wand drückten und Finger zwischen meine Schenkel glitten, um eine sanfte Musik zu spielen, wurde das Denken unmöglich. Dieser Mund, sein Mund war überall. Er musste ein Dutzend davon haben. Jedes Mal, wenn ich stöhnte oder aufschrie, küsste er mich und trank das Geräusch wie Wein. Wenn ich mich zusammenreißen konnte, drückte er sein Gesicht in mein Haar, und sein Atem ging schnell und leicht in meinem Ohr. Ich versuchte, meine Arme auszustrecken und ihn zu umarmen, aber irgendetwas hielt meine Arme an meiner Seite fest. Dann taten seine Finger etwas anderes, und ich schrie, schrie aus Leibeskräften — nur hatte er bereits meinen Mund wieder bedeckt, und es gab kein Geräusch, kein Licht, keine Bewegung — er hatte alles verschlungen. Es gab nichts außer Lust, und sie schien Ewigkeiten anzudauern. Wenn er mich auf der Stelle getötet hätte, wäre ich glücklich gestorben.
Dann war es weg.
Ich öffnete meine Augen.
Ich saß zusammengesunken auf dem Badezimmerboden. Meine Beine waren schwach und wackelig. Die Wände leuchteten wieder. Dampfendes Wasser füllte die Badewanne neben mir bis zum Rand; die Hähne waren zugedreht. Ich war allein.
Ich stand auf, badete und ging wieder zu Bett. T’vril murmelte etwas im Schlaf und warf einen Arm über mich. Ich rollte mich an ihn gekuschelt zusammen und erzählte mir für den Rest der Nacht, dass ich vor Angst immer noch zitterte und aus keinem anderen Grund.
Das Verlies
Es gibt Dinge, die ich vorher nicht wusste, dafür aber jetzt.
Wie dieses. In dem Moment, in dem Bright Itempas geboren wurde, griff der Lord der Finsternis ihn an. Sie waren so gegensätzlich, dass dies zunächst schicksalhaft und unvermeidlich erschien. Sie kämpften zahllose Ewigkeiten lang — und beide errangen dann und wann einen Sieg, nur um später wieder gestürzt zu werden. Nur allmählich begriffen beide, dass ein solcher Kampf sinnlos war. Auf der großen Skala aller Dinge gab es ein ewiges Unentschieden.
Allerdings erschufen sie währenddessen, rein zufällig, viele Dinge. Itempas fügte der formlosen Leere, die Nahadoth geboren hatte, Anziehungskraft, Bewegung, Funktion und Zeit hinzu. Von jedem großen Stern, der in dem Kreuzfeuer vernichtet wurde, nahmen die Götter Asche, um etwas Neues zu erschaffen: mehr Sterne, Planeten, glitzernde, bunte Wolken, Wunderdinge, die sich drehten und pulsierten. Allmählich nahm das Universum zwischen den beiden Gestalt an. Als sich der Staub ihrer Kämpfe setzte, stellten beide Götter fest, dass sie zufrieden waren.
Ich frage mich, wer von beiden den ersten Schritt zum Frieden machte? Ich stelle mir vor, dass es zunächst Fehlstarts gab ... gebrochene Waffenstillstände und Ähnliches. Wie lange dauerte es, bis Hass zu Toleranz wurde, dann zu Respekt und Vertrauen und schließlich zu mehr? Und als es endlich so weit war, liebten sie sich so leidenschaftlich, wie sie vorher Krieg geführt hatten? Darin liegt eine sagenhafte Romanze. Und das Faszinierendste ist gleichzeitig das, was mir am meisten Angst macht, dass sie noch nicht vorbei ist.
T’vril ging im Morgengrauen zur Arbeit. Wir tauschten ein paar Worte aus und kamen zu einer stillschweigenden Übereinkunft: die letzte Nacht war nur Trost zwischen Freunden gewesen. Es war nicht so unangenehm, wie es hätte sein können; ich spürte, dass er nichts anderes erwartet hatte. Das Leben in Elysium ermutigte nicht zu mehr.
Ich schlief noch eine Weile und lag dann wach im Bett und dachte nach.
Meine Großmutter hatte gesagt, dass die Armeen von Menchey sich bald in Bewegung setzen würden. Da nicht mehr viel Zeit war, fielen mir nur wenige Strategien ein, die Darr wirklich retten konnten. Das Beste wäre, den Angriff zu verzögern. Aber wie sollte ich das bewerkstelligen? Ich konnte vielleicht Verbündete im Konsortium suchen. Ras Onchi sprach für die Hälfte von Hochnord; vielleicht wusste sie ... nein. Ich hatte erlebt, wie meine Eltern und der Kriegerrat von Darr Jahre damit zugebracht hatten, nach Verbündeten zu suchen. Wenn es irgendwo Freunde gab, dann hätten sie sich inzwischen zu erkennen gegeben. Es gab bestenfalls einzelne Sympathisanten wie Onchi ... willkommen, aber im Grunde nutzlos.
Also musste mir etwas anderes einfallen. Selbst ein paar Tage Aufschub wären schon genug. Wenn ich den Angriff bis nach der Nachfolgezeremonie verzögern konnte, dann würde mein Handel mit den Enefadeh greifen, und Darr hätte vier göttliche Beschützer.
Vorausgesetzt, sie gewannen ihren Kampf.
Also: Alles oder nichts. Aber riskante Gewinnchancen waren besser als gar keine, ergo würde ich alles daransetzen. Ich stand auf und ging auf die Suche nach Viraine.
Er war nicht in seinem Laboratorium. Eine schlanke, junge Dienerin putzte dort. »Er ist im Verlies«, sagte sie mir. Da ich keine Ahnung hatte, was das war — oder wo —, beschrieb sie mir den Weg, und ich machte mich auf den Weg zur untersten Etage von Elysium. Und während ich ging, wunderte ich mich über den angewiderten Gesichtsausdruck der Dienerin.
Ich verließ den Aufzug inmitten von Fluren, die seltsam dämmrig wirkten. Das Leuchten der Wände war auf merkwürdige Art gedämpft und nicht so hell, wie ich es gewohnt war, irgendwie matter. Es gab keine Fenster und seltsamerweise auch keine Türen. Offensichtlich lebten selbst Diener nicht so weit unten. Meine Schritte hallten von vorne wider, als ich ging, und ich war nicht überrascht, als ich aus dem Korridor auf eine offene Fläche hinaustrat: einen riesigen, länglichen Raum, dessen Boden sich in Richtung eines seltsamen Metallgitters neigte, das mehrere Fuß Durchmesser hatte. Ich war ebenfalls nicht überrascht, Viraine in der Nähe des Gitters zu sehen. Er sah mich ruhig an, als ich eintrat. Er hatte mich wahrscheinlich schon in dem Moment gehört, als ich den Aufzug verließ.
»Lady Yeine.« Er neigte seinen Kopf, aber diesmal lächelte er nicht. »Solltet Ihr nicht im Salon sein?«
Ich war seit Tagen nicht im Salon gewesen. Die Berichte der mir unterstellten Nationen hatte ich ebenfalls nicht gelesen. Es war schwer, sich unter diesen Umständen um solche Pflichten zu kümmern. »Ich bezweifle, dass die Welt untergehen wird, weil ich nicht anwesend bin — weder jetzt noch in den nächsten sechs Tagen.«
»Verstehe. Und was führt Euch her?«
»Ich habe Euch gesucht.« Mein Blick wurde von dem Gitter im Boden angezogen. Es sah wie ein ungewöhnlich reich verziertes Abwassergitter aus und schien zu einer Art Raum unter dem Boden zu führen. Ich konnte darin ein Licht scheinen sehen, das heller war als das Umgebungslicht in dem Zimmer, in dem Viraine und ich uns befanden. Das seltsame Gefühl der Kontrastlosigkeit, der Düsternis war hier noch stärker. Das Licht strahlte Viraines Gesicht so von unten her an, dass es eigentlich die Winkel und Schatten seines Ausdrucks hätte verstärken müssen; stattdessen nahm es sie weg.