»Was ist das hier für ein Ort?«, fragte ich.
»Wir befinden uns unterhalb des Palastes. Um genau zu sein sind wir in der Stützsäule, die uns über die Stadt erhebt.«
»Die Säule ist hohl?«
»Nein. Nur dieser Ort hier oben.« Er beobachtete mich, und sein Blick versuchte etwas zu erfassen, das ich nicht ergründen konnte. »Ihr wart gestern nicht bei den Festlichkeiten.«
Ich war nicht sicher, ob diejenigen von hohem Geblüt über die Festivitäten der Diener Bescheid wussten und sie ignorierten oder ob es sich um ein Geheimnis handelte. Falls das Zweitere der Fall war, sagte ich: »Mir war nicht nach Feiern zumute.«
»Wenn Ihr teilgenommen hättet, wäre das hier weniger überraschend für Euch.« Er zeigte auf das Gitter zu seinen Füßen.
Ich blieb, wo ich war, und wurde plötzlich von Furcht durchströmt. »Wovon redet Ihr?«
Er seufzte, und plötzlich wurde mir klar, dass er selbst ebenfalls ziemlich schlechte Laune hatte. »Einer der Höhepunkte der Feuertagsfestlichkeit. Ich werde oft darum gebeten, für Unterhaltung zu sorgen. Tricks und dergleichen.«
»Tricks?« Ich runzelte die Stirn. Soviel ich wusste, war die Schreiberei viel zu mächtig und gefährlich, um sie bei Tricks aufs Spiel zu setzen.
»Tricks. Die Art, die prinzipiell einen menschlichen Freiwilligem benötigen.« Er lächelte mir verhalten zu, als mir die Kinnlade herunterfiel. »Die von hohem Geblüt sind so schwer zu unterhalten, müsst Ihr wissen — Ihr seid natürlich eine Ausnahme. Der Rest ...« Er zuckte mit den Schultern. »Wenn man sein Leben lang allen möglichen Marotten nachgehen kann, hängt die Messlatte für Unterhaltung sehr hoch. Oder tief.«
Aus dem Gitter zu seinen Füßen und dem Raum dahinter hörte ich ein hohles, angestrengtes Stöhnen, das mir beide Seelen gefrieren ließ.
»Was im Namen der Götter habt Ihr getan?«, flüsterte ich.
»Die Götter haben nichts damit zu tun.« Er seufzte und starrte in die Grube. »Warum habt Ihr mich gesucht?«
Ich zwang meinen Blick und meine Gedanken fort von dem Gitter. »Ich ... Ich muss wissen, ob es eine Möglichkeit gibt, jemandem von Elysium aus eine Nachricht zu schicken. Vertraulich.«
Der Blick, mit dem er mich ansah, wäre unter normalen Umständen vernichtend gewesen. Aber ich merkte, dass seine übliche sarkastische Einstellung durch das, was sich in dem Verlies befand, gelitten hatte. »Ihr wisst schon, dass es zu meinen Routinepflichten gehört, dergleichen Nachrichten auszuspionieren?«
Ich neigte meinen Kopf. »So etwas habe ich mir gedacht. Deshalb frage ich Euch. Wenn es eine Möglichkeit gibt, das zu tun, dann kennt Ihr sie.« Ich schluckte und verfluchte mich dann innerlich dafür, meine Nervosität zu zeigen. »Ich bin bereit, Euch für Eure Bemühungen zu entschädigen.«
In dem seltsam düsteren Licht wurde sogar Viraines Überraschung gedämpft. »So, so.« Ein müdes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Lady Yeine, vielleicht seid Ihr doch eine wahre Arameri.«
»Ich tue, was nötig ist«, sagte ich geradeheraus. »Und Ihr wisst so gut wie ich, dass ich nicht mehr viel Zeit für Spitzfindigkeiten habe.«
Daraufhin verschwand sein Lächeln. »Ich weiß.«
»Dann helft mir.«
»Welche Nachricht wollt Ihr an wen senden?«
»Wenn ich wollte, dass der halbe Palast davon weiß, dann würde ich nicht fragen, wie man sie auf vertrauliche Art verschicken kann.«
»Ich frage deshalb, weil es nur eine Möglichkeit gibt, eine solche Nachricht zu verschicken: durch mich, Lady.«
Ich hielt unangenehm überrascht inne. Wenn ich es mir recht überlegte, leuchtete das sogar ein. Ich wusste nicht genau, wie die Nachrichtenkristalle funktionierten, aber wie alle auf den Siegeln basierende Magie, imitierte ihre Funktion nur etwas, das ein fähiger Schreiber ebenfalls konnte.
Aber ich mochte Viraine nicht. Die Gründe dafür verstand ich selber noch nicht ganz. Ich hatte die Bitterkeit in seinen Augen gesehen und die Verachtung in seiner Stimme gehört, wenn er von Dekarta oder anderen von hohem Geblüt sprach. Wie die Enefadeh war er eine Waffe und wahrscheinlich ebenso ein Sklave. Aber ich fühlte mich in seiner Gegenwart unbehaglich. Ich vermute, das liegt daran, dass er sich scheinbar niemandem verpflichtet fühlte — er ergriff keine Partei außer seiner eigenen. Das bedeutete, ich konnte mich darauf verlassen, dass er meine Geheimniss bewahrte, vorausgesetzt, es lohnte sich für ihn. Doch was wäre, wenn er einen größeren Nutzen daraus ziehen konnte, meine Geheimnisse an Dekarta weiterzugeben? Oder noch schlimmer — an Re- lad und Scimina? Männern, die jedem zu Diensten waren, konnte niemand trauen.
Er grinste, während er mich bei meinen Überlegungen beobachtete. »Natürlich könntet Ihr auch Si’eh bitten, die Nachricht für Euch zu überbringen. Oder Nahadoth. Ich bin sicher, dass er das tun würde, wenn man ihn entsprechend motiviert.«
»Ich bin sicher, das würde er«, antwortete ich kalt ...
Die Sprache der Darre kennt ein Wort für die Anziehungskraft, die Gefahr ausübt: esui. Krieger werfen sich wegen esui in hoffnungslose Kämpfe und sterben mit einem Lachen auf den Lippen. Esui zieht ebenfalls Frauen zu Geliebten, die schlecht für sie sind — Männer, die schlechte Väter wären, Frauen des Feindes. Das Senmiten-Wort, das dem am nächsten kommt, ist Lust, wenn man die Abweichungen Mordlust und Lebenslust mit in Betracht zieht. Trotzdem schließen sie die vielschichtige Bedeutung von esui noch nicht hinreichend ein. Es ist Herrlichkeit, es ist Torheit. Es ist alles, das nicht sinnvoll, nicht vernünftig und keinesfalls sicher ist — aber ohne esui hat das Leben keinen Sinn.
Ich glaube, dass esui mich zu Nahadoth hinzieht. Vielleicht ist es das auch, was ihn zu mir hinzieht.
Aber ich schweife ab.
»... aber dann wäre es ein Leichtes für einen anderen von hohem Geblüt, die Herausgabe der Nachricht zu befehlen.«
»Glaubt Ihr wirklich, dass ich mich auf Eure Intrigen einlassen würde? Nachdem ich schon seit zwei Jahrzehnten zwischen Re- lad und Scimina lebe?« Viraine rollte mit den Augen. »Mir ist es doch egal, wer von Euch Dekartas Nachfolger wird.«
»Das nächste Familienoberhaupt könnte Euer Leben einfacher machen. Oder schwerer.« Ich sagte das in neutralem Ton und überließ es ihm, ob er eine Drohung oder ein Versprechen hörte. »Ich würde meinen, dass die ganze Welt ein Interesse daran hat, wer auf dem Steinthron endet.«
»Sogar Dekarta unterliegt einer höheren Macht«, erklärte Viraine. Während ich mich fragte, was in Gottes Namen das im Zusammenhang mit unserer Diskussion zu bedeuten hatte, schaute er in das Loch hinter dem Metallgitter, und das Licht spiegelte sich in seinen Augen. Dann veränderte sich sein Ausdruck, so dass ich sofort wachsam wurde. »Kommt«, sagte er. Er zeigte auf das Gitter. »Schaut.«
Ich runzelte die Stirn. »Warum?«
»Ich möchte etwas wissen.«
»Was?«
Er sagte nichts und wartete. Schließlich seufzte ich und ging zu dem Rand des Gitters.
Zuerst sah ich nichts. Dann ertönte wieder ein hohles Stöhnen, und etwas schlurfte in Sichtweite. Es bedurfte meiner ganzen Kraft, nicht wegzurennen und mich zu übergeben.
Man nehme ein menschliches Wesen. Man verdrehe die Extremitäten und zerre an ihnen wie an Lehm. Dann füge man neue hinzu, die Gott weiß welchen Sinn erfüllen sollen. Man hole einige seiner Innereien aus dem Körper und erhalte sie weiterhin funktionstüchtig. Man versiegele den Mund und ... Elysiumva- ter. Gott aller Götter.
Und das Schlimmste war: Ich konnte immer noch die Intelligenz und das Bewusstsein in den verzerrten Augen sehen. Sie hatte ihm nicht einmal die Flucht in den Wahnsinn erlaubt.
Ich konnte meine Reaktion nicht völlig verbergen. Ein dünner Schweißfilm glänzte auf meiner Stirn und meiner Oberlippe, als ich aufsah und Viraines forschendem Blick begegnete.