»Den Minister der Mencheyev, einen Mann namens Gemd, der wahrscheinlich das Bündnis gegen Darr anführt. Ihn.«
»Für eine Drohung musst du die Macht haben, Schaden zuzufügen«, sagte Nahadoth.
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich wurde von den Arameri adoptiert. Gemd unterstellt bereits, dass ich eine solche Macht habe.«
»Außerhalb von Elysium endet dein Recht, uns Befehle zu geben. Dekarta wird dir nie die Erlaubnis geben, einer Nation, die ihn nicht beleidigt hat, Schaden zuzufügen.«
Ich sagte nichts.
Nahadoth warf mir einen belustigten Blick zu. »Aha. Aber ein Bluff wird diesen Mann nicht lange aufhalten.«
»Das muss er auch nicht.« Ich stieß mich von dem Geländer ab und wandte mich ihm zu. »Er muss ihn nur für die nächsten vier Tage aufhalten. Und ich kann über deine Macht außerhalb von Elysium verfügen ... wenn du mich lässt. Wirst du das tun?«
Nahadoth stellte sich auch aufrecht hin. Zu meiner Überraschung hob er eine Hand zu meinem Gesicht. Er legte sie an meine Wange und zog mit seinem Daumen die untere Rundung meiner Lippen nach. Ich werde nicht lügen: Das rief bei mir gefährliche Gedanken hervor.
»Du hast mir heute Nacht befohlen, zu töten«, sagte er.
Ich schluckte. »Aus Gnade.«
»Ja.« Da war wieder dieser verstörende, fremde Ausdruck in seinen Augen, und endlich konnte ich ihn benennen: Verstehen. Ein beinahe menschliches Mitleid, als ob er für einen kurzen Moment dachte und fühlte wie einer von uns.
»Du wirst nie Enefa sein«, sagte er. »Aber du hast etwas von ihrer Stärke. Sei nicht beleidigt wegen des Vergleichs, kleine Spielfigur.« Ich schrak zusammen und fragte mich erneut, ob er Gedanken lesen konnte. »Ich stelle ihn nicht leichtfertig an.«
Dann trat Nahadoth zurück. Er breitete seine Arme weit aus, zeigte die schwarze Leere seines Körpers und wartete.
Ich trat in ihn hinein und wurde von Finsternis umfangen. Vielleicht bildete ich mir das ein, aber es schien diesmal wärmer zu sein.
Diamanten
Du bist unbedeutend. Eine unter Millionen, weder etwas Besonderes, noch einzigartig. Ich habe nicht um diese Schmach gebeten, und ich nehme den Vergleich übel.
Fein. Ich mag dich auch nicht.
Wir tauchten unter einem Kronleuchter in einer imposanten, hell erleuchteten Halle auf, die aus weißem und grauem Marmor bestand. Enge, rechteckige Fenster säumten sie. Wenn ich Elysium niemals gesehen hätte, wäre ich beeindruckt gewesen. Auf beiden Seiten der Halle befanden sich Türen aus poliertem Dunkelholz. Ich nahm an, dass wir vor der für uns wichtigen standen. Durch die offenen Fenster hörte man Händler, die ihre Waren anpriesen, ein jammerndes Baby, ein wieherndes Pferd und Frauengelächter. Stadtleben.
Niemand war anwesend, obwohl es früher Abend war. Ich kannte Nahadoth gut genug, um den Verdacht zu hegen, dass dies Absicht war.
»Ist Gemd allein?« Ich nickte in Richtung der Türen.
»Nein. Er hat einige Wachen, Kollegen und Ratgeber bei sich.«
Natürlich. Planen bedeutete Zusammenarbeit. Ich schaute finster drein und riss mich dann zusammen: Ich konnte das nicht tun, wenn ich wütend war. Mein Ziel war es, zu verzögern — Frieden, so lange wie möglich. Wut würde da nicht helfen.
»Bitte versuche, niemanden zu töten«, murmelte ich, als wir auf die Tür zugingen. Nahadoth gab keine Antwort, aber die Halle wurde dunkler, und die Schatten wirkten im flackernden Licht der Fackeln scharf wie Rasierklingen. Die Luft fühlte sich schwer an.
Dies hatten meine Armeri-Vorfahren auf Kosten ihres eigenen Fleisch und Blutes gelernt: Der Lord der Finsternis kann nicht beherrscht werden. Er kann nur losgelassen werden. Wenn Gemd mich dazu zwang, auf Nahadoths Macht zurückzugreifen ...
Es war besser, zu beten, dass das nicht nötig sein würde.
Ich schritt voran.
Die Türen schwangen von selbst auf, als ich mich ihnen näherte, und schlugen gegen die Wände. Aufgrund des Lärms, der dadurch entstand, hätte eigentlich Gemds halbe Palastwache herbeieilen müssen, wenn sie nicht so unfähig gewesen wäre. Ich durchschritt dieTür und sorgte so für einen angemessen verblüffenden Auftritt. Ein Chor überraschter Rufe und Flüche begrüßte mich. Männer, die um einen großen, mit Papieren bedeckten Tisch gesessen hatten, versuchten, auf die Füße zu kommen, einige griffen nach ihren Waffen, andere starrten mich nur sprachlos an. Zwei von ihnen trugen dunkelrote Umhänge, die ich als dieTracht derTok-Krieger erkannte. Also das war eins der Länder, mit denen Menchey sich verbündet hatte. Am Kopfende des Tisches saß ein Mann, der ungefähr sechzig Jahre alt war: prächtig gekleidet, die Haare schwarzgrau meliert und ein Gesicht wie aus Kieselsteinen und Stahl. Er erinnerte mich an Dekarta, aber nur aufgrund seiner Haltung. Die Mencheyev waren auch ein Volk von Hochnord, und sie sahen mehr wie Darre denn wie Amn aus. Er stand halb auf, dann blieb er, wo er war — mehr ärgerlich als überrascht.
Ich fixierte meinen Blick auf ihn, obwohl ich wusste, dass Menchey — genau wie Darr — mehr von seinem Senat als von seinem Häuptling regiert wurde. Auf vielfältige Art waren wir nur Galionsfiguren, er und ich. Aber in dieser Konfrontation war er der Schlüssel.
»Minister«, sagte ich auf Senmite. »Seid gegrüßt.«
Er kniff die Augen zusammen. »Ihr seid dieses Darre-Mist- stück.«
»Eine von vielen, ja.«
Gemd wandte sich an einen seiner Männer und murmelte etwas. Der Mann huschte davon. Zweifellos, um die Wachen zu kontrollieren und herauszufinden, wie ich hineingelangt war. Dann drehte Gemd sich wieder um, sein Blick war abschätzend und argwöhnisch.
»Jetzt seid Ihr nicht unter vielen«, sagte er langsam. »Oder doch? Ihr könnt nicht so töricht gewesen sein, alleine zu kommen.«
Ich konnte gerade noch verhindern, dass ich mich umsah. Natürlich würde Nahadoth sich nicht zeigen. Die Enefadeh hatten sich immerhin bereit erklärt, mir zu helfen. Aber den Lord der Finsternis hinter mir wie einen überdimensionalen Schatten stehen zu haben, das hätte das bisschen Autorität, das ich in den Augen dieser Männer hatte, untergraben.
Aber Nahadoth war da. Ich konnte ihn spüren.
»Ich bin gekommen«, sagte ich. »Nicht ganz alleine — aber welche Arameri ist schon jemals ganz alleine, nicht wahr?«
Einer seiner Männer, der fast so prächtig gekleidet war wie Gemd, kniff seine Augen zusammen. »Ihr seid keine Arameri«, sagte er. »Sie haben Euch bis vor ein paar Monaten nicht einmal anerkannt.«
»Habt Ihr deswegen dieses Bündnis ins Leben gerufen?«, fragte ich und ging nach vorne. Einige der Männer versteiften sich, aber die meisten nicht. Ich bin nicht sehr einschüchternd. »Ich kann den Sinn darin nicht erkennen. Wenn ich für die Arameri so unwichtig bin, dann ist Darr doch keine Bedrohung.«
»Darr ist immer eine Bedrohung«, grollte ein anderer Mann. »Ihr männerverschlingenden Huren ...«
»Genug«, sagte Gemd, und der Mann verstummte.
Gut, er war also nicht nur eine Galionsfigur.
»Also geht es nicht darum, dass die Arameri mich adoptiert haben?« Ich nahm den Mann, den Gemd zum Schweigen gebracht hatte, ins Visier. »Ah, ich verstehe. Es geht um alten Groll. Der letzte Krieg zwischen unseren Völkern liegt mehr Generationen zurück, als wir alle zählen können. Reicht das Gedächtnis der Mencheyev so weit?«
»Darr hat in dem Krieg die Atir-Hochebene für sich beansprucht«, sagte Gemd ruhig. »Ihr wisst, dass wir sie zurück wollen.«
Ich wusste es, und ich wusste auch, dass das ein dummer, dummer Grund war, einen Krieg anzufangen. Die Leute, die auf dem Atir lebten, sprachen nicht einmal mehr die Sprache der Mencheyev. Das ergab alles keinen Sinn. Und es reichte, um meine Beherrschung schwinden zu lassen.