»Gebietet dem Einhalt«, murmelte Gemd.
»Ich habe nicht damit angefangen.«
Er fluchte schnell in seiner Sprache. »Macht, dass es aufhört, gottverdammt! Was für ein Ungeheuer seid Ihr?«
Ich konnte nicht anders, als zu lachen. Dass in dem Gelächter kein Humor lag, sondern nur bittere Selbstverachtung, dürfte ihnen entgangen sein.
»Ich bin eine Arameri«, sagte ich.
Einer der Männer hinter uns verstummte plötzlich, und ich drehte mich um. Es war nicht der Tok — er kreischte immer noch, während die Schwärze sich sein Rückgrat hinunterfraß. Der Diamant hatte sich ausgebreitet, umschloss Rishs Mund und nahm die gesamte untere Hälfte seines Gesichts ein. Auf seinem Torso schien er zum Stillstand gekommen zu sein, obwohl er sich immer noch an dem anderen Bein hinunterarbeitete. Ich vermutete, dass er dann aufhörte, wenn er alle Teile des Körpers, die nicht lebenswichtig waren, verschlungen hatte. Rish würde verstümmelt und vielleicht wahnsinning zurückbleiben, aber leben. Ich hatte Nahadoth schließlich gebeten, nicht zu töten.
Ich wandte meine Augen ab, sonst hätte ich mich verraten, indem ich mich übergab.
»Ihr müsst eins verstehen«, sagte ich. Das Entsetzen war aus meinem Herzen bis in meine Stimme gelangt und verlieh ihr eine tiefere Klangfarbe. Diese leichte Resonanz hatte ich vorher nicht gehabt. »Wenn es mein Volk rettet, dass ich diese Männer sterben lasse, dann werden sie sterben.« Ich lehnte mich vor und legte meine Hände auf den Tisch. »Wenn es mein Volk rettet, dass ich jeden in diesem Raum, jeden in diesem Palast töte, dann wisset, Gemd: Ich werde es tun. Ihr würdet es auch tun, wenn Ihr an meiner Stelle wäret.«
Er hatte Rish angestarrt. Jetzt flog sein Blick zu mir, und ich sah Erkenntnis und Verachtung in seinen Augen. Lag da ein Hauch von Selbstverachtung in dem Hass? Hatte er mir geglaubt, als ich sagte: Ihr würdet es auch tun? Denn er würde es tun. Jeder würde es tun, das war mir jetzt klar. Es gab nichts, das wir Sterbliche nicht taten, wenn es darum ging, unsere Liebsten zu beschützen.
Ich würde mir das den Rest meines Lebens vor Augen halten.
»Genug.« Ich konnte Gemd kaum über die Schreie hinweg hören, aber ich sah, wie sich sein Mund bewegte. »Genug. Ich werde den Angriff widerrufen.«
»Und das Bündnis auflösen?«
»Ich kann nur für Menchey sprechen.« Sein Ton klang gebrochen. Er schaute mir nicht in die Augen. »Die werden es vielleicht fortsetzen wollen.«
»Dann warnt sie, Minister Gemd. Das nächste Mal, wenn ich mich gezwungen sehe, das hier zu tun, werden nicht nur zwei, sondern zweihundert leiden. Wenn sie es darauf anlegen, zweitausend. Ihr habt diesen Krieg gewählt, nicht ich. Ich werde nicht fair kämpfen.«
Gemd schaute mich mit stummem Hass an. Ich hielt seinem Blick für eine Weile länger stand, dann ging ich zu den beiden Männern hinüber. Die glitzernden, tödlichen schwarzen Flecken schadeten mir nicht, obwohl sie unter meinen Füßen knirschten.
Nahadoth konnte die Magie aufhalten, dessen war ich sicher. Er konnte sie möglicherweise sogar wiederherstellen — aber die Sicherheit Darrs hing davon ab, dass ich Gemd das Fürchten lehrte.
»Bereite dem ein Ende«, flüsterte ich.
Das Schwarze breitete sich schlagartig aus und verschlang innerhalb von Sekunden beide Männer. Kältedämpfe umgaben sie, und ihre Todesschreie vermischten sich mit den Geräuschen von zerplatzendem Fleisch und brechenden Knochen. Dann war es still. Wo vorher die beiden Männer gelegen hatten, befanden sich nun zwei facettenreiche Edelsteine, die zusammengekauerten Gestalten glichen. Hübsch und sehr wertvoll, wie ich annahm; immerhin konnten ihre Familien ab heute sorglos leben. Falls denn die Familien die Uberreste ihrer Lieben verkauften.
Auf meinem Weg hinaus ging ich zwischen den Diamanten hindurch. Die Wachen, die hinter mir hereingekommen waren, gingen mir hastig aus dem Weg. Einige von ihnen stolperten. Hinter mir schlössen sich die Türen, diesmal leise, und ich blieb stehen.
»Soll ich dich nach Hause bringen?«, fragte Nahadoth hinter mir.
»Nach Hause?« »Elysium.«
Ah, ja. Das Zuhause der Arameri.
»Dann mal los«, sagte ich.
Dunkelheit umfing mich. Als sie sich lichtete, waren wir wieder im Vorhof von Elysium, diesmal aber im Garten der Hunderttausend und nicht am Pier. Ein Pfad polierter Steine wand sich durch ordentliche Blumenbeete, und an jedem stand ein anderer exotischer Baum. Zwischen den Blättern hindurch konnte ich in der Ferne den Sternenhimmel und die Berge, die bis zu ihm aufragten, sehen.
Ich ging durch den Garten, bis ich einen Fleck mit freier Sicht unter einem winzigen Satinglockenbaum fand. Meine Gedanken drehten sich in langsamen, trägen Kreisen. Allmählich gewöhnte ich mich daran, die Kälte Nahadoths hinter mir zu spüren.
»Meine Waffe«, sagte ich zu ihm.
»So wie du meine bist.«
Ich nickte und seufzte in eine Brise hinein, die meine Haare hochhob und die Blätter des Satinglockenbaums zum Rauschen brachte. Als ich mich umdrehte, um Nahadoth anzusehen, zog ein Wolkenfetzen vor der Sichel des Mondes her. Sein Umhang schien während dieses kurzen Moments einzuatmen. Er wuchs unglaublich, bis er fast den Palast durch schwarze Wellen verfinsterte. Dann war die Wolke vorüber, und er war wieder einfach nur ein Umhang.
Ich fühlte mich plötzlich wie dieser Umhang — wild, außer Kontrolle, schwindlig und lebendig. Ich hob meine Arme und schloss meine Augen, als eine weitere Brise wehte. Es fühlte sich so gut an.
»Ich wünschte, ich könnte fliegen«, sagte ich.
»Ich kann dir diese Magie für eine Weile schenken.«
Ich schüttelte den Kopf, schloss meine Augen und wiegte mich im Wind. »Magie ist falsch.« Ich wusste das jetzt nur zu gut.
Er sagte nichts dazu, was mich überraschte, bis ich näher darüber nachdachte. Nachdem er die Scheinheiligkeit so vieler Arameri-Generationen erlebt hatte, war es ihm wahrscheinlich inzwischen egal, denn er beschwerte sich nicht mehr.
Es war verlockend, so sehr verlockend, sich auch nicht mehr darum zu scheren. Meine Mutter, Darr, die Nachfolge — was machte das alles schon? Ich könnte all das so leicht vergessen und den Rest meines Lebens — die ganzen vierTage — einfach nur mit Vorlieben oder Vergnügungen, die mir gefielen, verbringen.
Jedes Vergnügen, außer einem.
»Letzte Nacht«, sagte ich und nahm meine Arme wieder herunter. »Warum hast du mich nicht getötet?«
»Du bist nützlicher, wenn du lebst.«
Ich lachte. Ich fühlte mich leichtsinnig und unbekümmert. »Heißt das, dass ich die einzige Person in Elysium bin, die keine Angst vor dir haben muss?« Ich wusste, dass das eine dumme Frage war, noch bevor ich sie ganz ausgesprochen hatte, aber ich glaube, ich war in dem Moment nicht ganz bei Verstand.
Glücklicherweise antwortete der Lord der Finsternis nicht auf meine dumme, gefährliche Frage. Ich warf ihm einen Blick zu, um seine Stimmung auszuloten, und sah, dass sein Umhang sich wieder verändert hatte. Diesmal hatten sich die Strähnen lang und dünn weitergewebt und schwebten wie Lagerfeuerrauch durch den Garten. Diejenigen, die mir am nächsten waren, drehten sich nach innen und umgaben mich von allen Seiten. Sie erinnerten mich an bestimmte Pflanzen in meiner Heimat, denen Zähne oder klebrige Tentakel wuchsen, damit sie Insekten einfangen konnten.