Im Herzen dieser dunklen Pflanze befand sich mein Köder: sein glühendes Gesicht, seine lichtlosen Augen. Ich ging auf ihn zu, tiefer in seinen Schatten hinein, und er lächelte.
»Du hättest mich nicht töten müssen«, sagte ich leise. Ich zog meinen Kopf ein, sah durch meine Wimpern hindurch zu ihm auf und krümmte meinen Körper als schweigende Einladung. Mein Leben lang hatte ich gesehen, wie hübschere Frauen als ich das taten, aber ich hatte es nie selbst gewagt. Ich hob eine Hand und bewegte sie auf seine Brust zu. Fast erwartete ich, nichts zu berühren und in die Finsternis gesogen zu werden. Aber diesmal war dort ein Körper in den Schatten, dessen Festigkeit erschreckend war. Ich konnte ihn und meine Hand, die ihn berührte, nicht sehen, aber ich spürte weiche, kühle Haut unter meinen Fingerspitzen.
Nackte Haut. Götter.
Ich leckte mir über die Lippen und schaute ihm in die Augen. »Du hättest sehr viel tun können, ohne meine ... Nützlichkeit zu beeinträchtigen.«
Er zog überrascht die Augenbrauen hoch. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich — wie eine Wolke, die vor dem Mond entlangzieht: der Schatten des Raubtiers. Seine Zähne waren schärfer, als er sprach. »Ich weiß.«
In mir veränderte sich ebenfalls etwas, als das wilde Gefühl verstummte. Der Ausdruck auf seinem Gesicht. Ein Teil von mir hatte darauf gewartet.
»Würdest du das tun?« Ich leckte mir wieder über die Lippen und schluckte gegen die plötzliche Enge in meiner Kehle an. »Mich töten? Wenn ich ... darum bitte?«
Eine Pause entstand.
Als der Lord der Finsternis mein Gesicht berührte und mit seinen Fingerspitzen meinen Kiefer nachzeichnete, dachte ich, dass ich mir etwas einbildete. In dieser Geste lag unmissverständliche Zärtlichkeit. Aber dann glitt seine Hand genauso zärtlich hinunter und legte sich um meinen Hals. Als er sich nah zu mir lehnte, schloss ich meine Augen.
»Bittest du darum?« Seine Lippen strichen über mein Ohr, als er flüsterte.
Ich öffnete meinen Mund, um zu sprechen — und konnte es nicht. Auf einmal zitterte ich. Tränen stiegen mir in die Augen und liefen über mein Gesicht auf sein Handgelenk. Ich wollte so sehr sprechen, darum bitten. Aber ich stand einfach dort, zitterte und weinte, während sein Atem mein Ohr kitzelte. Ein und aus. Drei Mal.
Dann ließ er meinen Hals los, und meine Knie knickten ein. Ich fiel nach vorne, und plötzlich war ich in seiner weichen, kühlen Dunkelheit versteckt und gegen eine Brust gedrückt, die ich nicht sehen konnte. Ich begann, hineinzuschluchzen. Nach einer Weile legte sich die Hand, die mich beinahe getötet hatte, schützend um mein Genick. Ich muss eine Stunde lang geheult haben, vielleicht auch weniger. Ich weiß es nicht. Er hielt mich die ganze Zeit fest.
Die Arena
Alles, was aus der Zeit vor dem Krieg der Götter übrig geblieben ist, sind geflüsterte Mythen und halbvergessene Legenden. Die Priester bestrafen schnell jeden, der diese Geschichten erzählt und dabei erwischt wird. Es gab nichts vor Itempas, sagen sie; selbst im Zeitalter der Drei war er der Erste und Größte. Aber die Legenden halten sich hartnäckig.
Ein Beispieclass="underline" Es wird gesagt, dass den Dreien einstmals Menschenopfer gebracht wurden. Sie füllten ein Zimmer mit Freiwilligen. Jung, alt, weiblich, männlich, arm, reich, gesund, krank — die ganze Vielfalt und Reichhaltigkeit der Menschheit. Bei einer Gelegenheit, die allen drei heilig war — dieser Teil ist im Laufe der Zeit verloren gegangen —, riefen sie ihre Götter an und baten darum, am Festmahl teilnehmen zu dürfen.
Enefa, so sagt man, beanspruchte die älteren und kranken — den Inbegriff der Sterblichkeit. Sie ließ ihnen die Wahclass="underline" Heilung oder einen sanften, friedvollen Tod. Die Geschichten besagen, dass viele das Zweite wählten, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, wieso.
Itempas nahm, was er jetzt auch nimmt — die reifsten und nobelsten, die intelligentesten und talentiertesten. Sie wurden seine
Priester, stellten Pflicht und Anstand über alles, liebten ihn und unterwarfen sich ihm in allen Dingen.
Nahadoth bevorzugte die jungen, wilden, zügellosen — obwohl er auch den ein oder anderen Erwachsenen beanspruchte. Jeden, der sich dem Moment hingab. Er verführte sie und wurde von ihnen verführt; er ergötzte sich an ihrer Hemmungslosigkeit und gab ihnen alles von sich.
Die Angst der Itempaner, über diese Zeit zu sprechen, lässt die Menschen wieder danach verlangen, und sie wenden sich der Ketzerei zu. Ich denke, dass sie die Gefahr überschätzen. So sehr ich es auch versuche, ich kann mir nicht vorstellen, wie es gewesen sein muss, in einer solchen Welt zu leben, und ich habe nicht das Verlangen, dorthin zurückzukehren. Wir haben genug Arger mit einem Gott — warum zum Mahlstrom sollte man wieder unter dreien leben wollen?
Ich verschwendete den nächsten Tag — ein Viertel meines restlichen Lebens. Ich hatte das nicht beabsichtigt. Aber ich war erst in den frühen Morgenstunden in mein Zimmer zurückgekehrt, ich hatte meine zweite Nacht mit wenig Schlaf hinter mir, und mein Körper verlangte Wiedergutmachung, indem ich bis zum Nachmittag schlief. Ich träumte von Tausenden Gesichtern, stellvertretend für Millionen, die alle vor Schmerzen, Entsetzen oder Verzweiflung verzerrt waren. Ich roch Blut und verbranntes Fleisch. Ich sah eine Wüste, die mit gefallenen Bäumen übersät war, weil sie einst ein Wald gewesen war. Ich wachte weinend auf, so schwer wog meine Schuld.
Am späten Nachmittag klopfte es an der Tür. Ich fühlte mich einsam und vernachlässigt — nicht einmal Si’eh hatte mich besucht — und öffnete sie, in der Hoffnung, einen Freund zu sehen.
Es war Relad.
»Was im Namen aller nutzlosen Götter hast du getan?«, verlangte er zu wissen.
Die Arena, hatte Relad mir gesagt. Wo die von hohem Geblüt Krieg spielten.
Dort würde ich Scimina finden, die irgendwie herausgefunden hatte, dass ich mich bemühte, ihre Einmischung zu verhindern. Er hatte das zwischen Flüchen, Obszönitäten und vielen Verleumdungen meiner minderwertigen Halbblutlinie von sich gegeben, aber so viel hatte ich verstanden. Was genau Scimina herausgefunden hatte, schien Relad nicht zu wissen, was mir etwas Hoffnung gab — aber nicht viel.
Ich zitterte vor Spannung, als ich aus dem Aufzug trat und mitten in einer Menge Rücken stand. Diejenigen, die dem Aufzug am nächsten waren, hatten etwas Platz gelassen — wahrscheinlich, weil sie von Neuankömmlingen hinten immer wieder geschubst worden waren —, aber ansonsten war das eine solide Mauer aus Menschen. Die meisten waren weiß gekleidete Bedienstete. Einige waren besser gekleidet und trugen die Zeichen der Viertel- oder Achtelblüter. Hier und da traf ich auf etwas Brokat oder Seide, als ich meine Höflichkeit über Bord warf und mich einfach hindurchdrängte. Ich kam nur langsam voran, weil die meisten größer waren als ich. Außerdem waren sie völlig fixiert darauf, was sich in der Mitte des Raums abspielte.
Ich hörte Geschrei von dort.
Möglicherweise wäre ich nie dort angekommen, wenn sich nicht jemand herumgedreht, mich erkannt und jemandem in der Nähe etwas zugeraunt hätte. Das Raunen setzte sich durch die ganze Menge fort, und plötzlich wurde ich von Dutzenden angespannter Augen angestarrt. Ich blieb stolpernd stehen und war verunsichert, aber der Weg vor mir wurde schlagartig frei, als alle zur Seite gingen. Ich eilte vor und blieb dann schockiert stehen.
Auf dem Boden kniete ein dünner, alter Mann nackt und angekettet in einer Blutlache. Sein weißes, langes Haar hing strähnig in sein Gesicht und verdeckte es zum Teil. Ich konnte hören, dass er rasselnd nach Atem rang. Seine Haut war mit Platzwunden übersät. Wenn nur sein Rücken betroffen gewesen wäre, hätte ich vermutet, dass man ihn ausgepeitscht hatte. Aber es war nicht nur sein Rücken, es waren seine Beine, seine Arme, seine Wangen und sein Kinn. Er kniete, und jetzt sah ich Schnitte auf den Sohlen seiner Füße. Er drückte sich mit den Außenseiten seiner Handgelenke schwankend hoch, und ich konnte erkennen, dass beide ein Loch aufwiesen, durch das man deutlich Knochen und Sehnen erkennen konnte.