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Es war schwer, Nahadoths Gesicht zu sehen. Er kauerte bei Si’eh, sein Kopf war gebeugt, und die Schwärze seiner Aura war so, wie sie in meiner ersten Nacht in Elysium gewesen war — so finster, dass es im Kopf schmerzte. Ich konzentrierte mich auf den Boden, wo die Ketten, die Si’eh gefangen gehalten hatten, zerschmettert lagen. Ihre Glieder waren mit Reif überzogen. Si’eh selber konnte ich nicht sehen — nur eine seiner Hände, die schlaff herunterhing. Dann legte sich Nahadoths Umhang um ihn, und die Dunkelheit verschluckte ihn.

»Scimina.« Da war wieder dieses Hohle, Hallende in Nahadoths Stimme. Hatte der Wahnsinn ihn wieder? Nein, das war schlicht und einfach Wut.

Aber Scimina, die auch auf den Boden geschleudert worden war, stellte sich auf ihre stöckelbeschuhten Füße und nahm sich zusammen. »Nahadoth«, sagte sie, ruhiger, als ich es mir hätte vorstellen können. Ihre Waffe war ebenfalls verschwunden, aber sie war eine wahre Arameri und hatte keine Angst vor dem Zorn des Gottes. »Wie nett, dass du dich auch schon zu uns gesellst. Setz ihn ab.«

Nahadoth stand da und warf seinen Umhang zurück. Si’eh, der jetzt ein junger Mann war — in einem Stück, bekleidet und hellwach — stand neben ihm und starrte Scimina trotzig an. Irgendwo tief in mir ließ die Anspannung etwas nach.

»Wir hatten eine Abmachung«, sagte Nahadoth, und in seiner Stimme lag immer noch Mordlust.

»In der Tat«, sagte Scimina, und jetzt war es ihr Lächeln, das mir Angst machte. »Du und Si’eh, ihr werdet beide diesem Zweck dienen. Knie nieder.« Sie zeigte auf die Blutlache und die leeren Ketten.

Das Gefühl der Macht schwoll für einen kurzen Moment in dem Raum an, so wie Druck sich auf ein Trommelfell legt. Die Wände knarrten. Ich erschauerte und fragte mich, ob dies das Ende war. Scimina hatte einen Fehler gemacht, hatte eine Lücke gelassen, und jetzt würde Nahadoth uns alle wie Insekten zerquetschen.

Aber dann bewegte Nahadoth sich zu meinem Entsetzen von Si’eh weg und ging in die Mitte des Raums. Er kniete sich hin.

Scimina drehte sich dorthin um, wo ich immer noch halb auf dem Boden lag. Beschämt stand ich auf. Ich war überrascht zu sehen, dass wir immer noch Zuschauer hatten, wenn auch wenige. T’vril, Viraine, eine Handvoll Diener und etwa zwanzig von hohem Geblüt. Ich vermute, dass die von hohem Geblüt sich von Seiminas Furchtlosigkeit inspirieren ließen.

»Das wird dir eine Lehre sein, Cousine«, sagte sie in dem süßen, höflichen Ton, den ich so sehr hasste. Sie nahm ihre Wanderung wieder auf und beobachtete Nahadoth mit einem Ausdruck, der beinahe begeistert war. »Wenn du hier in Elysium aufgewachsen wärest oder wenn deine Mutter dich vernünftig erzogen hätte, dann würdest du das wissen ... aber erlaube mir, zu erklären. Es ist schwer, einen Enefadeh zu verletzen. Ihre menschlichen Körper reparieren sich ständig und schnell, dank des Wohlwollens unseres Vaters Itempas. Aber sie haben Schwächen, Cousine, man muss sie nur verstehen. Viraine.«

Viraine war ebenfalls aufgestanden, obwohl er sein linkes Handgelenk zu schonen schien. Er sah Scimina misstrauisch an. »Ihr übernehmt bei Dekarta die Verantwortung?«

Blitzschnell drehte sie sich zu ihm um. Wäre der Stab noch in ihrer Hand gewesen, hätte Viraine eine tödliche Wunde erleiden können. »Dekarta wird in einigen Tagen tot sein, Viraine. Er ist es nicht, vor dem du dich fürchten solltest.«

Viraine gab nicht nach. »Ich tue nur meine Arbeit, Scimina, und weise Euch auf die Konsequenzen hin. Es könnte Wochen dauern, bevor er wieder einsatzfähig ist ...«

Scimina gab ein Geräusch primitiver Frustration von sich.»Sehe ich so aus, als ob mich das kümmert?«

Einen spannungsgeladenen Moment lang standen die beiden sich gegenüber, und ich dachte wirklich, dass Viraine eine Chance hatte. Sie waren beide Vollblut-Arameri. Aber Viraine war nicht in der Linie der Thronfolger, Scimina aber war es — am Ende hatte Scimina recht. Dekartas Wille zählte nicht mehr.

Ich schaute zu Si’eh, der Nahadoth anstarrte. Auf seinem viel zu alten Gesicht lag ein nicht zu deutender Ausdruck. Beide waren Götter, die älter waren als das Leben auf der Erde. Ich konnte mir die Spanne einer solchen Existenz nicht vorstellen. Ein Tag voller Schmerzen war vielleicht nicht von Bedeutung für sie — aber für mich.

»Genug«, sagte ich leise. Das Wort war in der ganzen Arena zu hören. Viraine und Scimina schauten mich überrascht an. Si’eh wirbelte ebenfalls herum und starrte mich verwirrt an. Und Nahadoth ... nein. Ich konnte ihn nicht ansehen. Er würde mich für das hier als schwach ansehen.

Nicht schwach, ermahnte ich mich. Menschlich. Wenigstens bin ich das noch.

»Genug«, sagte ich noch einmal und hob meinen Kopf mit dem wenigen mir verbliebenen Stolz. »Hör auf damit. Ich sage dir, was du wissen willst.«

»Yeine«, sagte Si’eh und klang entsetzt.

Scimina grinste. »Selbst wenn du nicht das Opfer wärest, Cousine, hättest du nie Großvaters Erbin sein können.«

Ich starrte sie wütend an. »Das sehe ich als Kompliment an, Cousine, wenn du das Vorbild bist, dem ich folgen sollte.«

Seiminas Gesicht zog sich zusammen, und einen Augenblick glaubte ich, sie würde mich anspucken. Stattdessen wandte sie sich ab und lief um Nahadoth herum, diesmal aber langsamer. »An welches Mitglied des Bündnisses bist du herangetreten?«

»Minister Gemd von Menchey.«

»Gemd?« Scimina stutzte. »Wie hast du ihn überredet? Er wollte diese Chance noch mehr als alle anderen.«

Ich atmete tief ein. »Ich hatte Nahadoth bei mir. Seine Überredungskünste sind ... beeindruckend, wie du sicherlich weißt.«

Scimina lachte auf — aber ihr Blick war nachdenklich, als sie erst mich ansah und dann ihn. Nahadoth blickte ins Leere, wie er es die ganze Zeit getan hatte, seit er kniete. Er hätte über Angelegenheiten, die außerhalb des menschlichen Denkvermögens lagen, genauso gut nachdenken können wie über die Farben von T’vrils Hose.

»Interessant«, sagte Scimina. »Zumal ich sicher bin, dass Großvater den Enefadeh nicht den Befehl gegeben hätte, das für dich zu tun. Das bedeutet, dass unser Lord der Finsternis eigenmächtig beschlossen hat, dir zu helfen. Wie um alles in der Welt hast du das geschafft?«

Ich zuckte mit den Schultern, obwohl ich mich plötzlich alles andere als entspannt fühlte. Dumm, dumm. Ich hätte die Gefahr dieser Fragenkette erkennen müssen. »Er schien es belustigend zu finden. Es gab ... einige Todesfälle.« Ich versuchte, unbehaglich dreinzuschauen, und das war nicht weiter schwer. »Ich hatte das nicht beabsichtigt, aber sie waren wirkungsvoll.«

»Ich verstehe.« Scimina blieb stehen, verschränkte ihre Arme und trommelte mit den Fingern. Mir gefiel der Ausdruck in ihren Augen nicht, obwohl er Nahadoth galt. »Und was hast du noch getan?«

Ich runzelte die Stirn. »Was noch?«

»Wir halten die Enefadeh an der kurzen Leine, Cousine, und die von Nahadoth ist die kürzeste. Wenn er den Palast verlässt, weiß Viraine davon. Und Viraine sagt mir, dass er zweimal fortgegangen ist, in zwei verschiedenen Nächten.«

Dämonen. Warum im Namen des Vaters hatten die Enefadeh mir nichts davon gesagt? Verdammte Geheimniskrämerei... »Ich bin nach Darr gegangen, um meine Großmutter zu besuchen.«

»Zu welchem Zweck?«

Um zu begreifen, warum meine Mutter mich an die Enefadeh verkauft hat .. .

Ich riss meine Gedanken davon los und verschränkte meine Arme. »Weil ich sie vermisse. Nicht, dass du so etwas verstehen würdest.«

Sie drehte sich herum, um mich anzusehen. Ein träges Lächeln umspielte langsam ihre Lippen, und plötzlich wurde mir klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Aber welchen? Hatte meine Beleidigung sie so getroffen? Nein, es war etwas anderes.