Viraine stand neben ihm und beobachtete ihn einen Moment, dann schloss er die Augen und seufzte.
»Das kann noch Stunden dauern«, sagte Scimina. »Es würde natürlich schneller gehen, wenn das hier echtes Sonnenlicht wäre, aber darüber kann einzig und allein der Elysiumvater verfügen. Dies ist nur eine armselige Imitation.« Sie warf Viraine einen verächtlichen Blick zu. »Mehr als genug allerdings für meine Zwecke, wie du siehst.«
Ich biss mir auf die Zähne. Auf der anderen Seite des Kreises, durch die Lichtsäule und den Nebel, der durch Nahadoths dampfendes Gottesfleisch entstanden war, konnte ich Kurue sehen. Sie sah mich einmal verbittert an und schaute dann weg. Zhakkarns Blick ruhte auf Nahadoth. So zeigten Krieger, dass sie Leiden anerkannten und respektierten; sie würde den Blick nicht abwenden. Ich ebenfalls nicht. Aber Götter, Götter!
Si’eh ging in den Lichtkreis, fing dabei meinen Blick auf und ließ ihn nicht mehr los. Das Licht konnte ihm nichts anhaben, da es nicht seine Schwäche war. Er kniete neben Nahadoth und hielt den sich auflösenden Kopf an seine Brust. Dann umschlang er mit seinen Armen die bebenden Schultern — alle drei. Während der ganzen Zeit beobachtete Si’eh mich mit einem Ausdruck, den die anderen wahrscheinlich für Hass hielten. Ich wusste es besser.
Sieh her, sagten die grünen Augen, die meinen so ähnlich waren, aber so viel älter. Schau, was wir erdulden. Und dann lass uns frei.
Das werde ich, antwortete ich aus ganzer Seele — auch aus Ene- fas. Das werde ich.
Ich wusste es nicht. Egal, was sonst noch geschah, Itempas liebte Naha. Ich hätte nie gedacht, dass sich das in Hass verwandeln könnte.
»Wie zur unendlichen Hölle kommst du darauf, dass das Hass war?«
Ich warf Scimina einen Blick zu und seufzte.
»Versuchst du, in mir so viel Übelkeit zu erregen, dass ich antworte?«, fragte ich. »Noch mehr Dreck auf dem Boden? Das ist alles, was diese Farce bringen wird.«
Sie lehnte sich zurück und hob eine Augenbraue. »Kein Mitleid für deinen Verbündeten?«
»Der Lord der Finsternis ist nicht mein Verbündeter«, fuhr ich sie an. »Wie jeder in diesem Albtraumnest mich wiederholt gewarnt hat, ist er ein Ungeheuer. Aber da er sich nicht von dem Rest von euch, der mich tot sehen will, unterscheidet, dachte ich, dass ich wenigstens seine Macht ausnutzen kann, um meinem Volk zu helfen.«
Scimina sah skeptisch aus. »Und welche Hilfe hat er dir ange- deihen lassen? Du hast dich doch in der nächsten Nacht in Men- chey bemüht.«
»Keine, die Dämmerung kam zu schnell. Aber ...« Ich zögerte an dieser Stelle, dachte an die Arme meiner Großmutter und den Geruch der feuchten Darr-Luft in jener Nacht. Ich vermiss- te sie wirklich und Darr und den ganzen Frieden, den ich dort einmal gekannt hatte. Vor Elysium. Vor dem Tod meiner Mutter.
Ich senkte meine Augen und ließ meinen echten Schmerz durchscheinen. Nur das würde Scimina beschwichtigen.
»Wir haben über meine Mutter gesprochen«, sagte ich ein wenig leiser. »Und andere Dinge, persönliche Dinge — nichts davon wäre irgendwie wichtig für dich.« Mit diesen Worten sah ich sie wütend an. »Und selbst wenn du diese Kreatur die ganze Nacht hindurch röstest, werde ich dir diese Dinge nicht mitteilen.«
Scimina schaute mich lange an. Ihr Lächeln war verschwunden, ihre Augen analysierten mein Gesicht. Schließlich gab Nahadoth zwischen uns einen weiteren Ton von sich. Durch seine Zähne hindurch knurrte er wie ein Tier. Dann folgten noch mehr furchtbare, reißende Geräusche. Ich verhinderte, dass ich mich darum scherte, indem ich Scimina hasste.
Schließlich seufzte sie und ging von mir weg. »So sei es denn«, sagte sie. »Es war ein kläglicher Versuch, Cousine. Dir muss doch klar gewesen sein, dass er so gut wie keine Aussicht auf Erfolg hatte. Ich werde mich mit Gemd in Verbindung setzen und ihm sagen, dass er den Angriff fortsetzen soll. Sie werden eure Hauptstadt übernehmen und jeglichen Widerstand im Keim ersticken. Obwohl ich ihnen sagen werde, dass sie dein Volk momentan noch nicht abschlachten sollen — jedenfalls nicht mehr als nötig.«
Jetzt lagen die Karten also auf dem Tisch: Ich musste ihr zu Willen sein, oder sie würde die Mencheyev loslassen, um mein Volk auszulöschen. Ich runzelte die Stirn. »Welche Garantie habe ich, dass du sie nicht trotzdem töten wirst?«
»Gar keine. Nach dieser Torheit bin ich versucht, das aus reiner Bosheit zu tun. Aber wenn ich so darüber nachdenke, ist es mir glaube ich lieber, dass die Darre überleben. Ich vermute, dass ihr Leben wenig angenehm sein wird. Das ist Sklaverei selten — obwohl wir das natürlich anders nennen werden.« Sie warf Nahadoth einen amüsierten Blick zu. »Aber sie werden leben, Cousine, und wo Leben ist, da ist Hoffnung. Ist dir das nichts wert? Eine ganze Welt vielleicht?«
Ich nickte langsam, obwohl mein Magen sich erneut umdrehte. Ich würde nicht kriechen. »Das wird für den Moment reichen.«
»Für den Moment?« Scimina starrte mich ungläubig an und fing dann an zu lachen. »Oh, Cousine. Manchmal wünschte ich, dass deine Mutter noch am Leben wäre. Sie hätte mir wenigstens eine echte Herausforderung geboten.«
Ich hatte mein Messer verloren, aber ich war immer noch Darre. Ich wirbelte herum und schlug sie so fest, dass sie einen ihrer hochhackigen Schuhe verlor, als sie auf dem Boden aufschlug.
»Möglich«, sagte ich, während sie noch blinzelte, weil sie schockiert war und hoffentlich eine Gehirnerschütterung hatte. »Aber meine Mutter war zivilisiert.«
Ich hielt meine Fäuste so fest an meinen Seiten geballt, dass sie wehtaten, wandte der ganzen Arena den Rücken zu und ging hinaus.
Erste Liebe
Beinahe hätte ich es vergessen. Als ich in Elysium eintraf, informierte T’vril mich, dass die von hohem Geblüt sich manchmal zum Abendessen in einem der vornehmeren Säle trafen. Dies war einmal der Fall gewesen, seit ich hier war, aber ich hatte es vorgezogen, nicht teilzunehmen. Es gibt Gerüchte über Elysium, muss man wissen. Einige davon sind zu erwarten, und viele davon sind wahr, wie ich herausgefunden habe. Aber es gibt ein Gerücht, von dem ich hoffte, dass es sich nie bestätigen würde.
Die Gerüchte erinnern uns daran, dass die Amn nicht immer zivilisiert waren. Früher war Senm, genau wie Hochnord, ein Land der Barbaren, und die Amn waren schlicht die erfolgreichsten unter ihnen. Nach dem Krieg der Götter haben sie ihre barbarischen Gebräuche der ganzen Welt aufgezwungen und haben alle anderen daran gemessen, wie gut sie diese Bräuche annahmen. Aber sie haben nicht all ihre Bräuche weitergereicht. Jede Kultur hat ihre dunklen Geheimnisse. Und einst, behaupten die Gerüchte, hat die Elite der Amn den Geschmack von Menschen fleisch höher eingeschätzt als jede andere Delikatesse.
Manchmal macht mir das Blut in meinen Adern mehr Angst als die Seelen in meinem Leib.
Als Nahadoths Qualen endeten, zogen die Wolken am Nachthimmel wieder weiter. Sie hatten bewegungslos verharrt — wie eine über den Mond gezogene Haube. Auf ihr schimmerten farbige Muster wie schwache, kränkliche Regenbögen. Als die Wolken sich endlich wieder bewegten, entspannte sich etwas in mir.
Ich erwartete das Klopfen an meiner Tür fast schon, als es ertönte, und rief, man solle eintreten. In der Spiegelung des Glases sah ich T’vril, der unentschlossen auf der Schwelle stand.
»Yeine«, sagte er, stockte und schwieg.
Ich ließ ihn eine Weile zappeln, bevor ich sagte: »Komm herein.«
Er kam herein, aber nur so weit, dass er die Tür schließen konnte. Dann schaute er mich einfach an und wartete wahrscheinlich darauf, dass ich sprach. Ich hatte ihm nichts zu sagen, und schließlich seufzte er.