»Die Enefadeh können Schmerzen ertragen«, sagte er. »Sie haben im Laufe der Jahrhunderte viel Schlimmeres ertragen müssen, glaub mir. Ich war mir nur nicht sicher, wie viel du ertragen kannst.«
»Danke für dein Vertrauen.«
T’vril zuckte bei meinem Ton zusammen. »Ich wusste, dass du dir etwas aus Si’eh machst. Als Scimina damit bei ihm anfing, da dachte ich ...« Er sah weg und breitete hilflos seine Hände aus. »Ich dachte, es wäre besser für dich, das nicht zu sehen.«
»Weil ich so willensschwach und sentimental bin, dass ich all meine Geheimnisse ausplaudere, um ihn zu retten?«
Er schaute mich wütend an. »Weil du nicht wie wir anderen bist. Ich dachte, du würdest alles tun, was dir möglich ist, um einen Freund vor Schmerzen zu bewahren, ja. Ich wollte dir das ersparen. Hasse mich dafür, wenn du willst.«
Ich drehte mich zu ihm um und war insgeheim erstaunt. T’vril sah mich immer noch als das unschuldige, großmütige Mädchen, das an seinem ersten Tag in Elysium so dankbar für seine Freundlichkeit gewesen war. Wie viele Jahrhunderte war das her? Nicht einmal zwei Wochen.
»Ich hasse dich nicht«, sagte ich.
T’vril atmete aus und gesellte sich am Fenster zu mir. »Nun ... Scimina war wütend, als du gegangen bist, wie du dir vorstellen kannst.«
Ich nickte. »Nahadoth? Si’eh?«
»Zhakkarn und Kurue haben sie fortgebracht. Scimina hat das Interesse an uns verloren und ist kurz nach dir gegangen.«
»›Uns‹?«
Er zögerte eine Sekunde, und ich konnte beinahe hören, wie er sich leise verfluchte. Nach einem Moment sagte er: »Ihr ursprünglicher Plan war, das kleine Spielchen mit den Dienern zu spielen.«
»Ah, ja.« Ich spürte, wie ich wieder wütend wurde. »Und da hast du vorgeschlagen, dass sie stattdessen Si’eh benutzen soll?«
Er sprach angespannt. »Wie ich schon sagte, Yeine, die Enefadeh können Seiminas Zeitvertreib überleben. Sterbliche normalerweise nicht. Du bist nicht die Einzige, die ich beschützen muss.«
Das machte es auch nicht richtiger, aber nachvollziehbar. Wie so vieles in Elysium war es falsch, aber nachvollziehbar. Ich seufzte.
»Ich hatte mich selbst zuerst angeboten.«
Ich schreckte auf. T’vril sah aus dem Fenster und hatte ein wehmütiges Lächeln auf den Lippen. »Als Lady Yeines Freund«, sagte ich. »Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich das vorausgesetzt habe. Aber sie sagte, dass ich nicht besser wäre als die übrigen Diener.« Sein Lächeln verschwand, und ich sah, wie die Muskeln an seinem Kiefer zuckten.
Wieder einmal zur Seite geschoben, wurde mir klar. Noch nicht einmal sein Schmerz ist gut genugfür die Zentralfamilie. Trotzdem konnte er sich nicht zu sehr beklagen; seine Unwichtigkeit hatte ihm viel Leiden erspart.
»Ich muss gehen«, sagte T’vril. Er hob eine Hand, zögerte und legte sie dann auf meine Schulter. Die Geste und das Zögern erinnerten mich an Si’eh. Ich legte meine Hand auf seine. Ich würde ihn vermissen — was paradox war, da ich diejenige war, die zum Sterben verurteilt war.
»Natürlich bist du mein Freund«, flüsterte ich. Seine Hand drückte für einen Moment fester zu, dann ging er zur Tür.
Bevor er hinausgehen konnte, hörte ich ihn erschreckt murmeln. Die Stimme, die ihm antwortete, kannte ich ebenfalls. Ich drehte mich um, und als T’vril hinausging, kam Viraine herein.
»Entschuldigung«, sagte er. »Darf ich hereinkommen?« Er schloss die Tür nicht, falls ich Nein sagte.
Einen Moment lang starrte ich ihn an und war erstaunt über seine Dreistigkeit. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass er Sci- minas Folter an Si’eh und Nahadoth magisch ermöglicht hatte. Das war seine wahre Rolle hier, so viel wusste ich jetzt — er unterstützte all das Böse, das meine Familie sich ausdachte; besonders wenn es um die Götter ging. Er war der Bewahrer und Antreiber der Enefadeh und derjenige, der die Arameripeitsche schwang.
Aber ein Aufseher ist nicht allein für das Elend eines Sklaven verantwortlich. Ich seufzte und sagte nichts. Offensichtlich deutete er dies als Zustimmung. Viraine schloss die Tür und kam hinüber. Anders als T’vril brachte er keine Entschuldigung zum Ausdruck, nur die übliche, zurückhaltende Kälte der Arameri.
»Es war nicht klug von Euch, sich in Menchey einzumischen«, sagte er.
»Das hat man mir vor Augen geführt.«
»Wenn Ihr mir vertraut hättet ...«
Mein Mund klappte völlig ungläubig auf.
»Wenn Ihr mir vertraut hättet«, wiederholte Viraine mit einem Anflug von Sturheit, »hätte ich Euch geholfen.«
Ich hätte beinahe gelacht. »Für welchen Preis?«
Viraine schwieg einen Moment, dann stellte er sich neben mich — fast an dieselbe Stelle, an der T’vril gestanden hatte. Er fühlte sich allerdings ganz anders an. Hauptsächlich wärmer. Ich konnte die Wärme seines Körpers von da, wo ich stand, spüren.
»Habt Ihr eine Begleitung für den Ball gewählt?«
»Begleitung?« Die Frage erwischte mich auf dem falschen Fuß. »Nein. Ich habe mir kaum Gedanken über den Ball gemacht. Vielleicht komme ich auch gar nicht.«
»Das müsst Ihr. Dekarta wird Euch auf magische Weise zwingen, wenn Ihr nicht freiwillig erscheint.«
Natürlich. Viraine wäre zweifellos derjenige, der diesen Zwang ausüben würde. Ich schüttelte den Kopf und seufzte. »Also gut. Wenn Großvater mich unbedingt demütigen will, kann ich nichts tun, außer es zu erdulden. Aber ich sehe keinen Grund, das Gleiche einer Begleitung anzutun.«
Er nickte langsam. Das hätte mir eine Warnung sein sollen. Ich hatte noch nie gesehen, dass Viraine sich anders als lebhaft verhalten hatte, auch nicht, wenn er entspannt war.
»Vielleicht hättet Ihr wenigstens ein bisschen Spaß an dem Abend«, sagte er, »wenn ich Euer Begleiter wäre.«
Ich schwieg so lange, dass er sich herumdrehte. Er sah meinen Blick und lachte. »Ist es für Euch so ungewöhnlich, dass Euch jemand den Hof macht?«
»Jemand, der kein Interesse an mir hat? Ja.«
»Woher wisst Ihr, dass ich kein Interesse habe?«
»Warum solltet Ihr?«
»Brauche ich einen Grund?«
Ich verschränkte meine Arme. »Ja.«
Viraine zog seine Augenbrauen hoch. »Dann muss ich mich schon wieder entschuldigen. Mir war nicht bewusst, dass ich auf Euch in den letzten Wochen einen so schlechten Eindruck gemacht habe.«
»Viraine ...« Ich rieb mir die Augen. Ich war müde — nicht körperlich, aber seelisch, und das war schlimmer. »Ihr wart äußerst hilfreich, das stimmt, aber ich kann nicht sagen, dass Ihr liebenswürdig seid. Ich habe sogar hin und wieder Euren Geisteszustand angezweifelt. Nicht, dass Euch das irgendwie von den anderen Arameri unterscheiden würde.«
»Schuldig im Sinne der Anklage.« Er lachte wieder. Auch das fühlte sich falsch an. Er gab sich zu viel Mühe. Er schien es zu bemerken und wurde plötzlich wieder ernst.
»Eure Mutter«, sagte er, »war meine erste Geliebte.«
Meine Hand zuckte zum Messer. Es befand sich auf der ihm abgewandten Seite, und er bemerkte es nicht.
Nachdem es keine offensichtliche Regung von mir gab, schien er sich zu entspannen. Er schaute nach unten auf die Lichter der Stadt unter uns. »Ich wurde hier geboren, wie die meisten Arameri, aber die von hohem Geblüt schickten mich zum Litaria — der Schreiberakademie —, als ich vier Jahre alt war und man mein Talent für Sprachen bemerkte. Als ich zurückkehrte, war ich erst zwanzig und der jüngste Meister, der je zugelassen wurde. Einsame Klasse, wenn ich das so sagen darf, aber immer noch sehr jung. Ein Kind sozusagen.«
Ich war selbst noch nicht zwanzig, aber natürlich werden Barbaren früher erwachsen als zivilisierte Leute. Ich sagte nichts.