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»Mein Vater war inzwischen verstorben«, fuhr er fort. »Meine Mutter ...«, er zuckte mit den Schultern, »war eines Nachts verschwunden. So etwas passiert hier. Es war auch besser so. Als ich zurückkehrte, verlieh man mir den Status eines Vollbluts, und sie war von niederem Geblüt. Wenn sie noch lebte, wäre ich nicht länger ihr Sohn.« Er sah mich nach einer Pause an. »Das muss sich herzlos für Euch anhören.«

Ich schüttelte langsam meinen Kopf. »Ich bin lange genug in Elysium.«

Er gab ein leises Geräusch von sich, das irgendwo zwischen Belustigung und Zynismus lag. »Ich hatte es schwerer, mich an diesen Ort zu gewöhnen als Ihr«, sagte er. »Eure Mutter half mir. Sie war ... in vielen Dingen, wie Ihr. Sanft an der Oberfläche und darunter vollkommen anders.«

Ich war überrascht von seiner Beschreibung und warf ihm einen Blick zu.

»Natürlich war ich in sie verliebt. Ihre Schönheit, ihre Scharfsinnigkeit, all diese Macht ...« Er zuckte mit den Schultern. »Aber ich wäre damit zufrieden gewesen, sie aus der Ferne zu bewundern. 5o jung war ich auch wieder nicht. Niemand war überraschter als ich, als sie mir mehr anbot.«

»Meine Mutter würde das nicht tun.«

Viraine schaute mich an, und ich erwiderte den Blick zornig.

»Es war eine kurze Affäre«, sagte er. »Nur ein paar Wochen. Dann begegnete sie Eurem Vater und verlor das Interesse an mir.« Er lächelte dünn. »Ich kann nicht behaupten, dass ich glücklich darüber war.«

»Ich sagte Euch ...«, begann ich hitzig.

»Ihr habt sie nicht gekannt«, sagte er leise. Es war dieses Leise, das mich verstummen ließ. »Kein Kind kennt seine Eltern wirklich.«

»Ihr habt sie auch nicht gekannt.« Ich weigerte mich, darüber nachzudenken, wie kindisch sich das anhörte.

Einen Moment lang war solche Trauer in Viraines Gesicht, so andauernder Schmerz, dass ich wusste, er sagte die Wahrheit. Er hatte sie geliebt. Er war ihr Geliebter gewesen. Sie war fortgegangen, hatte meinen Vater geheiratet und Viraine mit Erinnerungen und Sehnsucht zurückgelassen. Und jetzt brannte mir neue Trauer auf der Seele, weil er recht hatte — ich hatte sie nicht gekannt. Nicht, wenn sie so etwas tun konnte.

Viraine schaute weg. »Nun. Ihr wolltet den Grund für mein Angebot, Euch zu begleiten, wissen. Ihr seid nicht die Einzige, die ihr nachtrauert.« Er atmete tief ein. »Wenn Ihr Eure Meinung ändert, lasst es mich wisen.« Er neigte seinen Kopf und ging zur Tür.

»Wartet«, sagte ich, und er blieb stehen. »Ich sagte Euch bereits: Meine Mutter tat nichts ohne Grund. Also warum hat sie sich mit Euch eingelassen?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Was glaubt Ihr?«

Er dachte eine Weile darüber nach und schüttelte dann den Kopf. Er lächelte wieder, hoffnungslos und verbittert. »Ich glaube, ich will es gar nicht wissen. Und Ihr auch nicht.«

Er ging. Ich starrte die geschlossene Tür lange Zeit an.

Dann ging ich und suchte nach Antworten.

Zunächst ging ich zum Zimmer meiner Mutter, wo ich das Kästchen mit den Briefen aus dem Kopfteil des Bettes nahm. Als ich es in meinen Händen hielt und mich umdrehte, starrte meine unbekannte Großmutter mütterlicherseits mich aus ihrem Bilderrahmen heraus an. »Tut mir leid«, murmelte ich und ging.

Es war nicht schwer, einen passenden Flur zu finden. Ich ging einfach so lange, bis ich das Prickeln einer mir bekannten Macht in unmittelbarer Nähe spürte. Ich folgte diesem Gefühl bis zu einer ansonsten unauffälligen Wand und wusste, dass ich eine gute Stelle gefunden hatte.

Die Sprache der Götter sollte nicht von Sterblichen benutzt werden, aber ich hatte die Seele einer Göttin. Für etwas muss- te das gut sein.

»Atadie«, flüsterte ich, und die Wand öffnete sich.

Ich ging durch zwei ungenutzte Räume, bevor ich Si’ehs Sonnensystemmodell fand. Als sich die Wand hinter mir wieder schloss, sah ich mich um und bemerkte, dass dieser Ort im Gegensatz zum letzten Mal geradezu leer wirkte. Einige Dutzend der bunten Sphären lagen verstreut auf dem Boden und bewegten sich nicht. Einige wiesen Risse auf, bei anderen fehlten Stücke. Nur eine Handvoll schwebte an ihren Plätzen, der gelbe Ball war nirgendwo zu sehen.

Hinter den Spähren lag Si’eh auf einer sanft geschwungenen Erhöhung aus Palastmaterial; Zhakkarn kauerte neben ihm. Si’eh war jünger als in der Arena, aber immer noch zu alt: Er hatte lange Beine, war schlaksig und wirkte wie ein Spätteenager. Zu meiner Überraschung hatte Zhakkarn ihr Kopftuch abgenommen, und ihr Haar lag in winzigen, plattgedrückten Locken an ihrem Kopf Es war meinem sehr ähnlich, nur ihres war blauweiß.

Beide starrten mich an. Ich hockte mich neben sie und stellte das Kästchen ab. »Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte ich Si’eh.

Si’eh versuchte, sich aufzusetzen, aber an seinen Bewegungen sah ich, wie schwach er war. Ich wollte ihm helfen, aber Zhakkarn kam mir zuvor und stützte seinen Rücken mit einer großen Hand. »Erstaunlich, Yeine«, sagte Si’eh. »Du hast die Wände alleine geöffnet? Ich bin beeindruckt.«

»Kann ich dir helfen?«, fragte ich. »Irgendwie?«

»Spiel mit mir.«

»Spiel ...« Aber ich hielt inne, als ich Zhakkarns strengen Blick auffing. Ich dachte einen Moment nach, dann streckte ich meine Hände mit den Handflächen nach oben aus. »Leg deine Hände auf meine.«

Das tat er. Seine Hände waren größer als meine, und sie zitterten wie die eines alten Mannes. Es war so falsch. Aber er grinste. »Glaubst du, dass du schnell genug bist?«

Ich schlug nach seinen Händen und punktete. Er bewegte sich so langsam, dass ich währenddessen ein Gedicht hätte aufsagen können. »Offensichtlich schon.«

»Anfängerglück. Lass mal sehen, ob du das noch mal schaffst.«

Wieder schlug ich nach seinen Händen. Diesmal war er schneller, und ich hätte beinahe danebengeschlagen. »Ha! Also gut, aller guten Dinge sind drei.« Ich schlug noch einmal, und diesmal ging es ins Leere.

Überrascht sah ich auf zu ihm. Er grinste und war sichtlich jünger, wenn auch nicht viel. Ein Jahr vielleicht. »Siehst du? Ich sagte doch, du bist zu langsam.«

Ich verstand und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Hast du vielleicht Lust, Fangen zu spielen?«

Es war Mitternacht. Mein Körper wollte schlafen und nicht spielen, und das machte mich langsam. Dadurch hatte Si’eh einen Vorteil; erst recht, nachdem er sich genug erholt hatte und rennen konnte. Danach jagte er mich durch den ganzen Raum und amüsierte sich prächtig, da ich ihm nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Es tat ihm sichtlich gut, dass ich mitmachte, bis er schließlich von selbst anhielt und wir beide japsend zu Boden fielen. Endlich sah er wieder normal aus — ein dürrer neun- oder zehnjähriger Junge, hübsch und sorglos. Ich stellte den Grund für meine Liebe zu ihm nicht länger in Frage.

»Also, das hat Spaß gemacht«, sagte Si’eh schließlich. Er setzte sich auf, reckte sich und fing an, die toten Sphären zu sich zu rufen. Sie rollten über den Boden zu ihm hin, er hob sie auf, tätschelte sie liebevoll, hob sie hoch und schubste jede geschickt in eine Drehbewegung, bevor er sie losließ und sie davonschwebten. »Und was ist in dem Kästchen?«

Ich warf Zhakkarn, die sich an unserem Spiel nicht beteiligt hatte, einen Blick zu. Ich vermutete, dass Kinderspiele sich nicht besonders gut mit dem Wesen des Kampfes vertrugen. Sie nickte mir einmal zu und diesmal zustimmend. Ich errötete und sah weg.

»Briefe«, sagte ich und legte meine Hand auf das Kästchen meiner Mutter. »Sie sind ...« Ich zögerte, weil mir die Worte im Hals stecken blieben. »Die Briefe meines Vaters an meine Mutter und einige Entwürfe von ihm an sie, die er nicht abgeschickt hatte. Ich glaube ...« Ich schluckte. Meine Kehle war plötzlich eng, meine Augen brannten. In Trauer liegt keine Logik.

Si’eh ignorierte mich, schob meine Hand zur Seite und öffnete das Kästchen. Ich gewann meine Fassung wieder, während er jeden einzelnen Brief herausnahm, überflog, auf den Boden legte und schließlich aufstand, um das Muster zu erweitern. Ich hatte keine Ahnung, was er tat. Schließlich legte er den letzten Brief in die Ecke eines fünf mal fünf Schritte großen Quadrats. Ein kleineres Quadrat an der Seite war für die Briefe meiner Mutter. Dann stand er auf, verschränkte seine Arme und starrte hinunter auf das Durcheinander.