»Es fehlen einige«, sagte Zhakkarn. Ich erschrak und stellte fest, dass sie hinter mir stand und ebenfalls auf das Muster hinunterstarrte.
Verwirrt schaute ich auch hin, aber ich konnte aus dieser Entfernung weder die feine Handschrift meiner Mutter noch die etwas breitgezogene Handschrift meines Vaters lesen. »Woher wisst ihr das?«
»Sie beziehen sich beide auf vorangegangene Briefe«, sagte Zhakkarn und zeigte hier und da auf bestimmte Seiten.
»Und die Kette ist an viel zu vielen Stellen unterbrochen«, fügte Si’eh hinzu, während er vorsichtig zwischen den Seiten umherging. Ab und zu hockte er sich hin und schaute sich die Briefe genauer an. »Deine Eltern waren Gewohnheitstiere. Sie schrieben mit der Genauigkeit eines Uhrwerks ein Jahr lang einmal die Woche. Aber hier fehlen sechs — nein, sieben Wochen. Es gibt keine Entschuldigungen für die verpassten Wochen, und da sehe ich den Bezug auf die früheren Briefe.« Er sah mich über die Schulter hinweg an. »Wusste noch jemand außer dir, dass es dieses Kästchen dort gab? Moment, nein, das ist zwanzig Jahre her — der halbe Palast könnte es gewusst haben.«
Ich schüttelte den Kopf und runzelte die Stirn. »Sie waren verborgen. Der Ort schien unberührt.«
»Das kann auch bedeuten, dass es so lange her ist, dass der Staub Zeit hatte, sich zu setzen.« Si’eh richtete sich auf und drehte sich zu mir um. »Was wolltest du dort eigentlich finden?«
»Viraine ...« Ich biss die Zähne zusammen. »Viraine behauptet, dass er der Geliebte meiner Mutter war.«
Si’eh zog seine Augenbrauen hoch und tauschte einen Blick mit Zhakkarn aus. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Wort ›Lie- be‹ mit dem in Verbindung bringen würde, was sie mit ihm gemacht hat.«
Angesichts dieser beiläufigen Bestätigung konnte ich nicht protestieren. Ich setzte mich hin.
Si’eh ließ sich neben mir auf seinen Bauch plumpsen und stützte sich auf den Ellenbogen auf. »Was? Halb Elysium ist zu irgendeinem Zeitpunkt mit der anderen Hälfte im Bett.«
Ich schüttelte meinen Kopf. »Nichts. Es ist nur ... ein bisschen viel auf einmal.«
»Er ist nicht dein Vater oder so was, wenn du dir darüber Sorgen machst.«
Ich verdrehte meine Augen und hob meine braune Darre-Hand. »Tue ich nicht.«
»Lust wird oft als Waffe benutzt«, sagte Zhakkarn. »Darin liegt keine Liebe.«
Ich schaute sie finster an und war von dieser Vorstellung überrascht. Mir gefiel es immer noch nicht, dass meine Mutter mit Viraine zusammen gewesen sein sollte, aber es half, die Tatsache als Taktik anzusehen. Nur, was hatte sie damit erreichen wollen? Was wusste Viraine, das kein anderer in Elysium wusste? Besser gesagt, was hätte der junge, verliebte Viraine, der neu in Elysium war, zu viel Selbstbewusstsein hatte und eifrig darauf bedacht war, zu gefallen, wohl eher verraten als jeder andere Arameri?
»Etwas über Magie«, murmelte ich zu mir selbst. »Das muss es gewesen sein, was sie aus ihm herausholen wollte. Etwas über ... euch?« Ich warf Zhakkarn einen Blick zu.
Zhakkarn zuckte mit den Schultern. »Wenn sie in derartige Geheimnisse eingeweiht wurde, hat sie sie nie angewendet.«
»Hmm. Wofür ist Viraine hier noch verantwortlich?«
»Magiebenutzung«, sagte Si’eh und zählte an den Fingern ab. »Alles von Routine bis zu, na ja, uns. Informationsverbreitung — er ist der Verbindungsmann zwischen Dekarta und dem Orden der Itempaner. Er beaufsichtigt alle wichtigen Zeremonien und Rituale.«
Si’eh brach ab. Ich schaute ihn an, und Überraschung malte sich auf seinem Gesicht. Ich warf Zhakkarn einen Blick zu, die nachdenklich aussah.
Zeremonien und Rituale. In meinen Bauch spürte ich ein aufgeregtes Kribbeln, als mir klar wurde, was Si’eh meinte. Ich setzte mich kerzengerade auf. »Wann war die letzte Nachfolge?«
»Dekartas war vor vierzig Jahren«, sagte Zhakkarn.
Meine Mutter war bei ihrem Tod fünfundvierzig. »Sie wäre zu jung gewesen, um zu verstehen, was bei der Zeremonie vor sich ging.«
»Sie war nicht bei der Zeremonie«, sagte Si’eh. »Dekarta hatte mir befohlen, an dem Tag mit ihr zu spielen, damit sie beschäftigt ist.«
Das war überraschend. Warum hätte Dekarta meine Mutter, seine Erbin, von der Zeremonie fernhalten sollen, die sie doch eines Tages selbst durchlaufen musste?
Ein intelligentes Kind hätte ihren Sinn begreifen können. Ging es darum, dass sie einen Diener während der Zeremonie töteten? Ich konnte mir keinen Arameri vorstellen, am allerwenigsten meinen Großvater, der diese harte Realität selbst einem Kind vorenthalten hätte.
»Ist bei der Zeremonie etwas Ungewöhnliches geschehen?«, fragte ich. »Habt ihr euch damals an den Stein herangemacht?«
»Nein, wir waren noch nicht bereit. Es war eine normale Nachfolge, wie die hundert anderen, die seit unserer Gefangennahme durchgeführt wurden.« Si’eh seufzte. »Zumindest erzählt man mir das, ich war ja nicht dort. Niemand von uns war es, außer Nahadoth. Sie wollen ihn immer dabeihaben.«
Ich stutzte. »Warum nur ihn«?
»Itempas wohnt der Zeremonie bei«, sagte Zhakkarn. Während ich sie mit offenen Mund anstarrte, versuchte in meinem Kopf der Gedanke Gestalt anzunehmen, dass der Elysiumvater hier war, genau hier, hierher kam. Zhakkarn fuhr fort: »Er begrüßt persönlich den neuen Herrscher der Arameri. Dann bietet er Nahadoth Freiheit an, aber nur, wenn er Itempas dient. Bisher hat sich Nahadoth geweigert, aber Itempas weiß, dass er gerne seine Meinung ändert. Er wird weiterhin fragen.«
Ich schüttelte meinen Kopf und versuchte, mich von dem Gefühl der Ehrerbietung zu befreien, das man mir ein Leben lang eingetrichtert hatte. Der Elysiumvater bei der Nachfolgezeremonie. Er würde dort sein, um mich sterben zu sehen. Er würde seinen Segen dazu geben.
Abscheulich. Mein Leben lang hatte ich ihn verehrt.
Um mich von meinen wirbelnden Gedanken abzulenken, kniff ich mich mit meinen Fingern in den Nasenrücken. »Also wer war das letzte Mal das Opfer? Irgendein anderer unglückseliger Verwandter, der in diesen Familienalbtraum hineingezogen wurde?«
»Nein, nein«, sagte Si’eh. Er stand auf, reckte sich noch einmal, beugte sich dann tief hinunter und machte einen Handstand, wobei er bedenklich wackelte. Zwischen seinen keuchenden Atemzügen sprach er weiter. »Der Anführer eines Arameri-Clans ... muss den Willen haben, zu töten ... und zwar jeden in diesem Palast ... wenn Itempas das will. Um sich zu beweisen ... müssen die künftigen Anführer ... jemanden, dem sie nahestehen, opfern.«
Ich dachte darüber nach. »Also wurde ich auserwählt, weil weder Relad noch Scimina irgendjemandem nahestehen?«
Si’eh wackelte zu sehr, fiel auf den Boden, machte eine Rolle und stand sofort wieder. Dann untersuchte er seine Fingernägel, als ob er nie hingefallen wäre. »Na ja, ich denke schon. Niemand weiß wirklich, warum Dekarta dich auserwählt hat. Aber bei Dekarta war das Opfer Ygreth.«
Der Name kam mir bekannt vor, obwohl ich ihm nicht sofort ein Gesicht zuordnen konnte. »Ygreth?«
Si’eh sah mich überrascht an. »Seine erste Frau. Deine Großmutter mütterlicherseits. Hat Kinneth dir das nicht erzählt?«
Rasende Wut
Bist du noch wütend auf mich?
Nein.
Das ging schnell.
Wut ist sinnlos.
Das sehe ich nicht so. Wut kann unter den richtigen Umständen sehr mächtig sein. Lass mich dir eine Geschichte erzählen, um das zu verdeutlichen. Es war einmal ein kleines Mädchen, dessen Vater seine Mutter ermordete.