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Wie furchtbar.

Ja, du verstehst diese Art des Verrats. Das kleine Mädchen war damals sehr jung, und deshalb verbarg man die Wahrheit vor ihr. Vielleicht sagte man ihr, dass die Mutter die Familie verlassen hätte. Vielleicht verschwand ihre Mutter; in ihrer Welt passierte so etwas. Aber das kleine Mädchen war sehr schlau, und sie liebte ihre Mutter von ganzem Herzen. Sie tat so, als ob sie die Lügen glaubte, aber in Wirklichkeit wartete sie nur auf den richtigen Augenblick.

Als sie älter und weiser war, fing sie an, Fragen zu stellen — aber nicht ihrem Vater oder anderen, die behaupteten, sich um sie zu sorgen. Man konnte ihnen nicht vertrauen. Sie fragte ihre

Sklaven, die sie bereits hassten. Sie fragte einen unschuldigen, jungen Schreiber, der in sie verliebt, intelligent und leicht zu manipulieren war. Sie fragte ihre Feinde, die Ketzer, die ihre Familie seit Generationen verfolgt hatten. Keiner von ihnen hatte einen Grund zu lügen, und aus den einzelnen Teilen setzte sie sich die Wahrheit zusammen. Dann verschrieb sie ihren Geist, ihr Herz und ihren unglaublichen Willen der Rache ... weil das eine Tochter tut, deren Mutter ermordet wurde.

Ah, ich verstehe. Aber ich frage mich: Liebte das kleine Mädchen seinen Vater?

Das frage ich mich auch. Früher wird sie das sicherlich getan haben — Kinder können nicht anders als lieben. Aber später? Kann Liebe so einfach ganz in Hass umschlagen? Oder weinte sie innerlich, als sie sich gegen ihn wandte? Ich weiß diese Dinge nicht. Aber ich weiß, dass sie eine Kette von Ereignissen in Gang setzte, die die Welt über ihren Tod hinaus erschüttern würde. Die ganze Menschheit würde ihre Rache zu spüren bekommen, nicht nur ihr Vater. Weil wir am Ende alle mitschuldig sind.

Alle? Das scheint ein wenig extrem.

Ja. Ja, das ist es. Aber ich hoife, sie bekommt, was sie möchte.

Also so sah die Arameri-Nachfolge aus: Ein Nachfolger wurde vom Familienoberhaupt bestimmt. Wenn sie die einzige Nachfolgerin war, musste sie die Person, die ihr am nächsten stand, davon überzeugen, in ihrem Namen zu sterben, den Stein zu benutzen und das Hauptsiegel auf ihre Stirn zu übertragen. Wenn es mehr als einen Nachfolger gab, wetteiferten sie gegeneinander, um das ausersehene Opfer dazu zu bringen, zwischen ihnen zu wählen. Meine Mutter war damals die einzige Erbin — wen hätte sie töten müssen, wenn sie nicht abgedankt hätte? Vielleicht hatte sie Viraine aus mehr als einem Grund zum Liebhaber gemacht. Vielleicht hätte sie Dekarta davon überzeugen können, es zu tun.

Vielleicht wollte sie deshalb nach ihrer Hochzeit und nachdem sie mit mir schwanger war nicht mehr hierher zurückkehren.

So viele Teile waren an ihren Platz gefallen. Es schwebten aber immer noch mehr unbestimmt irgendwo herum. Ich spürte, dass ich kurz davor war, alles zu verstehen, aber würde ich genug Zeit haben? Da war der Rest der Nacht, der nächste Tag und dann noch eine Nacht und ein Tag danach. Dann der Ball, die Zeremonie und das Ende.

Mehr als genug Zeit, beschloss ich.

»Das geht nicht«, sagte Si’eh erneut und drängend, während er neben mir hertrottete. »Yeine, Naha muss heilen, genau wie ich. Er kann das nicht, wenn die Augen eines Sterblichen ihn mustern.«

»Dann schaue ich ihn eben nicht an.«

»So einfach ist das nicht! Wenn er schwach ist, ist er noch gefährlicher als sonst, weil er sich kaum unter Kontrolle halten kann. Du solltest nicht ...« Seine Stimme fiel plötzlich um eine Oktave und brach wie im Stimmbruch. Er fluchte leise und blieb stehen. Ich ging weiter und war nicht überrascht, als ich ihn hinter mir aufstampfen hörte und er schrie: »Ich habe mich noch nie mit einer Sterblichen abgeben müssen, die so stur ist und mich so wütend macht wie du!«

»Danke«, rief ich zurück. Vor mir war eine Kurve, und ich blieb stehen, bevor ich sie umrundete. »Geh und ruh dich in meinem Zimmer aus«, sagte ich. »Ich lese dir eine Geschichte vor, wenn ich zurückkomme.«

Die Antwort, die er in seiner Sprache knurrte, bedurfte keiner Übersetzung. Aber die Wände stürzten nicht ein, und ich wurde nicht zu einem Frosch, also kann er nicht allzu wütend gewesen sein.

Zhakkarn hatte mir verraten, wo ich Nahadoth finden konnte. Sie hatte mich lange angeschaut, bevor sie es mir sagte. Sie hatte mein Gesicht mit Augen abgesucht, die die Entschlossenheit von Kriegern seit Anbeginn der Zeit einschätzten. Dass sie es mir sagte, war ein Kompliment — oder eine Warnung. Entschlossenheit konnte sehr schnell zu Besessenheit werden. Es war mir egal.

Zhakkarn sagte, dass Nahadoth mitten in der untersten bewohnten Etage eine Wohnung hatte. Diese Stelle lag aufgrund der Größe des Palastes in ewigem Schatten, und in der Mitte gab es keine Fenster. Alle Enefadeh hatten auf der Etage Behausungen, die sie für die unangenehmen Gelegenheiten nutzen, wenn sie schlafen, essen oder sich anderweitig um ihre halbsterblichen Körper kümmern mussten. Zhakkarn hatte nicht erwähnt, warum sie so eine unschöne Gegend gewählt hatten, aber ich glaubte, dass ich es wusste. Dort unten, direkt über dem Verlies, waren sie Enefas Stein näher als dem Himmel, dessen Itempas sich bemächtigt hatte. Vielleicht spendete ihnen das Gefühl ihrer Gegenwart Trost, zumal sie in ihrem Namen sehr viel erlitten hatten.

Die Etage war ruhig, als ich aus der Aufzugnische trat. Kein sterblicher Einwohner des Palastes lebte hier, und ich konnte es ihnen nicht verübeln. Wer hätte schon den Lord der Finsternis als Nachbarn haben wollen? Es war nicht weiter überraschend, dass die ganze Etage ungewöhnlich düster wirkte. Die Palastwände leuchteten hier nicht so hell. Nahadoths bedrückende Anwesenheit breitete sich in der gesamten Etage aus.

Aber als ich die letzte Kurve umrundete, wurde ich plötzlich von einem unerwarteten Aufblitzen geblendet. Im Nachbild dieses Blitzes sah ich eine Frau. Sie hatte bronzefarbene Haut und silbernes Haar, war fast so groß wie Zhakkarn und von strenger Schönheit. Sie kniete im Flur, als ob sie betete. Das Licht stammte von Flügeln auf ihrem Rücken, die mit hellen, spiegelnden Federn aus verschiedenen wertvollen Metallen bedeckt waren. Ich hatte diese Frau schon einmal gesehen, in einem Traum ...

Dann blinzelte ich mit meinen tränenden Augen, schaute noch einmal hin — und das Licht war weg. An seiner Stelle befand sich korpulent wie immer die unscheinbare Kurue, die sich mühsam auf die Füße erhob und mich wütend anstarrte.

»Es tut mir leid«, sagte ich, da ich offensichtlich die Meditation einer Göttin unterbrochen hatte. »Aber ich muss mit Nahadoth sprechen.«

Es gab nur eine Tür auf diesem Flur, und Kurue stand genau davor. Sie verschränkte ihre Arme. »Nein.«

»Lady Kurue, ich weiß nicht, wann ich noch einmal die Chance bekomme, diese Dinge zu fragen ...«

»Was genau bedeutet ›nein‹ in eurer Sprache? Offensichtlich verstehst du kein Senmite ...«

Bevor unser Streit eskalieren konnte, glitt die Wohnungstür einen Spalt zur Seite. Ich konnte durch den Schlitz nichts erkennen, außer Dunkelheit. »Lass sie reden«, sagte Nahadoths tiefe Stimme von drinnen.

Kurues Gesichtsausdruck verfinsterte sich noch mehr. »Naha, nein.« Ich erschrak ein wenig, da ich noch nie gehört hatte, wie ihm jemand widersprach. »Es ist ihre Schuld, dass du in diesem Zustand bist.«

Ich errötete, aber sie hatte recht. Aus dem Zimmer kam keine Antwort. Kurues Fäuste ballten sich, und sie starrte mit einem ausgesprochen bösen Blick in die Dunkelheit.

»Würde es helfen, wenn ich eine Augenbinde trage?«, fragte ich. Es lag etwas in der Luft, das auf einen lange währenden Ärger hindeutete, der über diesen Austausch hinausging. Ah, natürlich — Kurue hasste Sterbliche, da sie uns zu recht für ihren versklavten Zustand verantwortlich machte. Sie dachte, dass Nahadoth verrückt nach mir wäre. Wahrscheinlich hatte sie auch damit recht, da sie die Göttin der Weisheit war. Ich fühlte mich nicht beleidigt, als sie mich mit neuer Verachtung ansah.