Выбрать главу

»Es geht nicht nur um deine Augen«, sagte Kurue. »Es geht um deine Erwartungen, Ängste und Begierden. Ihr Sterblichen wollt, dass er ein Ungeheuer ist, und so wird er zu einem ...«

»Dann werde ich eben nichts wollen«, sagte ich. Ich lächelte, als ich das sagte, aber ich war jetzt verärgert. Vielleicht lag Weisheit in ihrem blinden Hass auf die Menschheit. Wenn sie das Schlimmste von uns erwartete, dann konnten wir sie nicht enttäuschen. Aber darum ging es nicht. Sie stand mir im Weg, und ich hatte noch etwas zu erledigen, bevor ich starb. Ich würde ihr befehlen, zur Seite zu sehen, wenn es sein musste.

Sie starrte mich an und erkannte vielleicht meine Absichten. Einen Moment später schüttelte sie den Kopf und machte eine wegwerfende Geste. »Fein. Du bist eine Närrin. Und du bist nicht besser, Naha. Ihr habt euch verdient.« Mit den Worten ging sie fort und murmelte immer noch, als sie um eine Kurve ging. Ich wartete, bis das Geräusch ihrer Schritte verklungen war — es wurde nicht leiser, sondern hörte einfach auf —, und drehte mich dann herum, um die Türe zu öffnen.

»Komm«, sagte Nahadoth von drinnen.

Ich räusperte mich und war auf einmal nervös. Warum machte er mir immer zur falschen Zeit Angst? »Entschuldigt, Lord Nahadoth«, sagte ich, »aber vielleicht sollte ich lieber hier draußen bleiben. Wenn es wahr ist, dass allein meine Gedanken Euch schon etwas anhaben können ...«

»Deine Gedanken konnten mir schon immer etwas anhaben. All dein Entsetzen, all deine Bedürfnisse — sie ziehen und zerren als schweigende Befehle an mir.«

Ich wurde vor Entsetzen steif. »Ich wollte nicht zu Eurem Leiden beitragen.«

Eine Pause entstand, und ich hielt den Atem an.

»Meine Schwester ist tot«, sagte Nahadoth sehr leise. »Mein Bruder ist verrückt geworden. Meine Kinder — die wenigen, die noch übrig sind — hassen und fürchten mich genauso, wie sie mich verehren.«

Und ich verstand: Was Scimina ihm angetan hatte, war gar nichts. Was waren ein paar Augenblicke Leiden neben den Jahrhunderten voller Trauer und Einsamkeit, die Itempas ihm auferlegt hatte? Und da stand ich nun und grämte mich wegen meines eigenen unbedeutenden Beitrags.

Ich öffnete die Tür und trat ein.

Im Inneren des Zimmers war die Finsternis vollkommen. Ich blieb kurz bei der Tür stehen und hoffte, dass meine Augen sich daran gewöhnten, aber das geschah nicht. In der Stille, nachdem die Türe geschlossen wurde, nahm ich in einiger Entfernung langsames, gleichmäßiges Atmen wahr.

Ich streckte meine Hände aus und begann, mich blindlings in die Richtung des Geräusches zu tasten. Dabei hoffte ich, dass Götter nicht viele Möbel brauchten. Oder Treppen.

»Bleib, wo du bist«, sagte Nahadoth. »Ich bin ... es ist in meiner Nähe nicht sicher.« Dann, leiser: »Aber ich bin froh, dass du hier bist.«

Das war der andere Nahadoth — nicht der sterbliche, aber auch nicht das irre Biest aus dem kalten Wintermärchen. Dies war der Nahadoth, der mich an dem ersten Abend geküsst hatte, derjenige, der mich scheinbar wirklich mochte. Der, dem ich am wenigsten entgegenzusetzen hatte.

Ich atmete tief ein und versuchte, mich auf die weiche, leere Dunkelheit zu konzentrieren.

»Kurue hat recht. Es tut mir leid. Es ist meine Schuld, dass Scimina dich bestraft hat.«

»Sie tat es, um dich zu bestrafen.«

Ich zuckte zusammen. »Noch schlimmer.«

Er lachte leise, und ich fühlte, wie ein Hauch an mir vorbeistreifte, weich wie eine warme Sommernacht. »Nicht für mich.«

Da war was dran. »Gibt es etwas, das ich tun kann, um dir zu helfen?«

Ich fühlte die Brise erneut, und diesmal kitzelte sie die kleinen Härchen auf meiner Haut. Ich stellte mir plötzlich vor, wie er hinter mir stand, mich festhielt und in die Biegung meines Nackens ausatmete.

Von der anderen Seite des Zimmers erklang ein leises, verlangendes Geräusch, und plötzlich war ich von Lust umgeben — mächtig, brutal und nicht ein bisschen zärtlich. O Götter. Schnell fixierte ich meine Gedanken wieder auf Finsternis, Nichts, Finsternis, meine Mutter. Ja.

Es schien lange zu dauern, aber schließlich ging dieses schreckliche Verlangen vorbei.

»Es wäre besser«, sagte er mit beunruhigender Sanftheit, »wenn du nicht versuchen würdest, zu helfen.«

»Es tut mir leid ...«

»Du bist eine Sterbliche.« Das schien alles zu erklären. Ich senkte beschämt meinen Blick. »Du hast eine Frage über deine Mutter.«

Ja. Ich atmete tief ein. »Dekarta hat ihre Mutter getötet«, sagte ich. »War das der Grund, warum sie zugestimmt hat, euch zu helfen?«

»Ich bin ein Sklave. Kein Arameri würde sich mir anvertrauen. Wie ich dir schon sagte, alles, was sie tat, war, als Erste Fragen zu stellen.«

»Und als Gegenleistung habt ihr sie um Hilfe gebeten?«

»Nein. Sie trug immer noch das Blutsiegel. Man konnte ihr nicht vertrauen.«

Unwillkürlich hob ich eine Hand an meine Stirn. Ich vergaß ständig, dass das Zeichen sich dort befand. Ich hatte vergessen, dass es auch in der Politik Elysiums eine Rolle spielte. »Also wie ...«

»Sie ist mit Viraine ins Bett gegangen. Zukünftigen Erben wird eigentlich von der Nachfolgezeremonie erzählt, aber Dekarta hatte befohlen, dass man ihr die Einzelheiten verschweigt. Viraine wusste es nicht besser, also erzählte er Kinneth, wie die Zeremonie normalerweise abläuft. Ich nehme an, das reichte ihr, um sich die Wahrheit zusammenzureimen.«

Ja, das hatte es. Sie hatte Dekarta bereits in Verdacht gehabt, und Dekarta hatte scheinbar vor ihren Verdächtigungen Angst gehabt. »Was hat sie getan, als sie es wusste?«

»Sie kam zu uns und fragte, wie sie sich von ihrem Zeichen befreien könne. Wenn sie etwas gegen Dekarta unternehmen konnte, so sagte sie, dann würde sie den Stein für uns benutzen, um uns freizusetzen.«

Ich schnappte erstaunt über ihren Wagemut und ihren Zorn nach Luft. Ich war nach Elysium gekommen und war bereit gewesen, zu sterben, um meine Mutter zu rächen, und nur Glück und die Enefadeh hatten das möglich gemacht. Meine Mutter hatte ihre eigene Rache erschaffen. Sie hatte ihr Volk verraten, ihr Erbe und sogar ihren Gott — und das alles nur, um einen einzigen Mann zu schlagen.

Scimina hatte recht. Im Vergleich zu meiner Mutter war ich nichts.

»Ihr habt mir gesagt, dass nur ich den Stein benutzen kann, um euch zu befreien«, sagte ich. »Weil ich Enefas Seele besitze.«

»Ja. So wurde es Kinneth erklärt. Aber da sich eine Gelegenheit ergab ... Wir schlugen ihr vor, sich enterben zu lassen, um sich von dem Siegel zu befreien. Und wir haben sie auf deinen Vater angesetzt.«

Irgendwas in meiner Brust schnürte mir die Luft ab. Ich schloss meine Augen. So viel zum Thema der märchenhaften Romanze meiner Eltern.

»War sie ... sofort einverstanden, für euch ein Kind auszutragen?«, fragte ich. Meine Stimme klang selbst in meinen Ohren sehr leise, aber es war still im Raum. »Haben sie und mein Vater mich für euch ... gezüchtet?«

»Nein.«

Ich konnte ihm keinen Glauben schenken.

»Sie hasste Dekarta«, fuhr Nahadoth fort, »aber sie war immer noch sein Lieblingskind. Wir haben ihr nichts von Enefas Seele oder unseren Plänen erzählt, weil wir ihr nicht trauten.«

Mehr als verständlich.

»Also gut«, sagte ich und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. »Sie traf meinen Vater, der einer von Enefas Anhängern war. Sie heiratete ihn, weil sie wusste, dass es ihr helfen würde, ihr Ziel zu erreichen. Außerdem wusste sie, dass man sie wegen der Heirat aus der Familie werfen würde. Das befreite sie von dem Siegel.«

»Ja. Und es diente als Test ihrer Absichten, denn es bewies uns, dass sie es ernst meinte. Sie erreichte außerdem zum Teil ihr Zieclass="underline" Als sie ging, war Dekarta am Boden zerstört. Er trauerte, als ob sie gestorben wäre. Sein Leid schien sie zu erfreuen.«