Das verstand ich. Das verstand ich so gut.
»Aber dann ... dann hat Dekarta den Wandelnden Tod benutzt und wollte damit meinen Vater töten.« Ich sprach langsam. Es war schwer, dieses komplizierte Gebilde zusammenzufügen. »Er muss meinen Vater dafür verantwortlich gemacht haben, dass sie fortging. Vielleicht hat er sich auch eingeredet, dass sie nach dem Tod meines Vaters zurückkommen würde.«
»Dekarta hat den Tod nicht auf Darr losgelassen.«
Ich versteifte mich. »Was?«
»Wenn Dekarta Magie ausführen will, dann benutzt er uns. Keiner von uns hat die Plage über dein Land gebracht.«
»Aber wenn ihr nicht ...«
Nein. O nein.
Es gab außer den Enefadeh noch eine Quelle der Magie in Ely- sium. Noch jemand, der die Macht der Götter befehligen konnte, wenn auch in abgeschwächtem Maße. Der Tod hatte in dem Jahr nur ein Dutzend Menschen in Darr getötet, was — gemessen an normalen Umständen — nur einen kleinen Ausbruch bedeutete.
»Viraine«, flüsterte ich. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. »Viraine.«
Er hatte den Märtyrer so überzeugend gespielt; den Unschuldigen, der von meiner intriganten Mutter ausgenutzt worden war. In der Zwischenzeit hatte er versucht, meinen Vater umzubringen, und gewusst, dass sie Dekarta dafür verantwortlich machen würde und nicht ihn. Er hatte in den Fluren wie ein Geier gewartet, als sie kam und Dekarta um das Leben ihres Mannes anflehte. Vielleicht hatte er sich hinterher zu erkennen gegeben und ihr gegenüber Dekartas Ablehnung bedauert. Um den Grundstein dafür zu legen, sie zurückzugewinnen? Ja, das passte zu ihm.
Und dennoch war mein Vater nicht gestorben. Meine Mutter war nicht nach Elysium zurückgekehrt. Hatte Viraine ihr all diese Jahre nachgetrauert und meinen Vater und mich gehasst, weil wir seine Pläne durchkreuzt hatten? War Viraine derjenige gewesen, der das Kästchen mit den Briefen durchwühlt hatte? Vielleicht hatte er diejenigen, die ihn erwähnten, in der Hoffnung verbrannt, seine Jugendsünde vergessen zu machen. Vielleicht hatte er sie behalten und sich vorgestellt, dass die Briefe noch eine Spur der Liebe enthielten, die er nie verdient hatte.
Ich würde ihn zur Strecke bringen. Ich würde sehen, wie sein weißes Haar als roter Vorhang in sein Gesicht fiel.
In meiner Nähe erklang ein Geräusch, als ob Kieselsteine auf dem harten Elysiumbaustoffboden vorbeisprängen. Oder die Spitzen von Klauen ...
»Welch Zorn«, hauchte der Lord der Finsternis, und seine Stimme war voller tiefer Schluchten und Eis. Und plötzlich war er sehr, sehr nah. Genau hinter mir. Wenn er mich berührte, würde ich schreien. »Oh, ja. Befiehl mir, süße Yeine. Ich bin deine Waffe. Sag nur ein Wort, und ich werde den Schmerz, den er mir heute Abend zufügte, gnädig erscheinen lassen.«
Mein Ärger war verschwunden, weggefroren. Langsam atmete ich tief ein, dann noch einmal, um mich zu beruhigen. Kein Hass. Keine Angst vor dem, was aus dem Lord der Finsternis dank meiner Unachtsamkeit geworden war. Ich fixierte meine Gedanken auf die Finsternis und das Schweigen und antwortete nicht. Ich wagte es nicht.
Nach einer sehr langen Weile hörte ich ein leises, enttäuschtes Seufzen. Weiter entfernt diesmal; er war zur anderen Seite des Zimmers zurückgekehrt. Langsam erlaubte ich meinen Muskeln, sich zu entspannen.
Es war gefährlich, diese Fragenkette jetzt weiterzuverfolgen. Es gab so viele Geheimnisse aufzudecken und so viele emotionale Fallgruben. Ich schob die Gedanken an Viraine mit großer Anstrengung beiseite.
»Meine Mutter wollte meinen Vater retten«, sagte ich. Ja. Das zu verstehen war etwas Gutes. Sie musste sich nach und nach in ihn verliebt haben, egal, wie seltsam die Beziehung begonnen hatte. Ich wusste, dass er sie liebte. Ich hatte es in seinen Augen gesehen.
»Ja«, sagte Nahadoth. Seine Stimme war wieder so ruhig wie vor meinem Ausrutscher. »Ihre Verzweiflung machte sie verletzlich. Natürlich haben wir daraus Vorteil gezogen.«
Beinahe wäre ich ärgerlich geworden, fing mich aber gerade rechtzeitig.
»Natürlich. Also habt ihr sie überredet, Enefas Seele in ihrem Kind aufzunehmen. Und ...« Ich atmete tief durch, hielt inne und versammelte meine Kraft. »Mein Vater wusste es?«
»Ist mir nicht bekannt.«
Wenn die Enefadeh nicht wussten, was mein Vater von der Sache gehalten hatte, dann wusste es niemand hier. Ich wagte nicht, nach Darr zurückzukehren, um Beba zu fragen.
Also zog ich es vor, daran zu glauben, dass mein Vater es wusste und mich trotzdem geliebt hatte. Dass Mutter nach ihren anfänglichen Zweifeln sich entschieden hatte, mich zu lieben. Dass sie die grässlichen Geheimnisse ihrer Familie in der vergeblichen Hoffnung vor mir verborgen hatte, dass ich ein einfaches, friedliches Leben in Darr vor mir hatte ... wenigstens so lange, bis die Götter zurückkehrten, um zu verlangen, was ihnen gehörte.
Ich musste ruhig bleiben, aber ich konnte nicht alles zurückhalten. Ich schloss meine Augen und fing an zu lachen. So viele Hoffnungen ruhten auf mir.
»Darf ich keine für mich haben?«, flüsterte ich.
»Was würdest du wollen?«, fragte Nahadoth.
»Was?«
»Wenn du frei sein könntest.« Etwas lag in seiner Stimme, das ich nicht verstand. Schwermut? Ja, und noch mehr. Güte? Zuneigung? Nein, das war unmöglich. »Was würdest du für dich selbst wollen?«
Bei dieser Frage schmerzte mein Herz. Ich hasste ihn, weil er das gefragt hatte. Es war seine Schuld, dass meine Wünsche nie in Erfüllung gehen konnten — seine Schuld und die meiner Eltern, Dekartas und sogar Enefas.
»Ich habe genug davon, nur das zu sein, was andere aus mir gemacht haben«, sagte ich. »Ich will ich selbst sein.«
»Sei nicht kindisch.«
Ich sah erschreckt und ärgerlich hoch, obwohl es natürlich nichts zu sehen gab. »Was?«
»Du bist das, was deine Schöpfer und deine Erfahrungen aus dir gemacht haben, wie jedes andere Wesen in diesem Universum auch. Akzeptiere das und fertig; dein Gejammer ermüdet mich.«
Hätte er das in seiner üblichen kalten Stimme gesagt, wäre ich beleidigt hinausgegangen. Aber er klang wirklich müde, und ich erinnerte mich an den Preis, den er für meine Selbstsucht gezahlt hatte.
In meiner Nähe bewegte sich die Luft erneut, sanft, beinahe wie eine Berührung. Als er sprach, war er näher bei mir. »Die Zukunft kannst du allerdings selbst gestalten, sogar jetzt noch. Sag mir, was du willst.«
Darüber hatte ich — über meine Rache hinausgehend — nie wirklich nachgedacht. Ich wollte ... all die Dinge, die eine junge Frau möchte. Freunde. Familie. Dass diejenigen, die man liebte, glücklich waren.
Und außerdem ...
Ich erschauerte, obwohl es nicht kalt im Zimmer war. Die Fremdartigkeit dieses neuen Gedankens machte mich misstrauisch. War das ein Zeichen von Enefas Einfluss?
Akzeptiere das und fertig.
»Ich ...« Ich schloss meinen Mund, schluckte und versuchte es erneut. »Ich möchte ... etwas anderes für die Welt.« Ah, aber die Welt würde tatsächlich eine andere sein, wenn Nahadoth und Itempas damit fertig waren. Ein Haufen Geröll, unter dem die Menschlichkeit als Ruine begraben lag. »Etwas Besseres.«
»Was?«
»Ich weiß es nicht.« Ich ballte meine Fäuste. Ich hatte Schwierigkeiten, das auszudrücken, was ich sagen wollte, und war über meine eigene Frustration erstaunt. »Jeder hat im Augenblick ... Angst.« Das war schon näher dran. Ich ließ nicht locker. »Wir sind der Gnade der Götter unterworfen und gestalten unser Leben nach euren Launen. Selbst wenn eure Streitigkeiten nichts mit uns zu tun haben, sterben wir. Wie wäre es, wenn ... wenn ihr einfach ... fortgehen würdet?«
»Noch mehr würden sterben«, sagte der Lord der Finsternis. »Die, die uns verehren, würden durch unsere Abwesenheit verängstigt. Einige würden beschließen, dass andere die Schuld daran tragen, und diejenigen, die diese neue Ordnung mit offenen Armen aufnehmen, würden alle ablehnen, die die alten Gebräuche beibehalten. Die Kriege würden Jahrhunderte andauern.«