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Tief in meinem Inneren spürte ich die Wahrheit, die in seinen Worten lag, und mir wurde schlecht vor Entsetzen. Dann berührte mich etwas leicht — kühle Hände. Er massierte meine Schultern, als ob er mich trösten wollte.

»Aber irgendwann wären die Kämpfe vorbei«, sagte er. »Wenn ein Feuer ausgebrannt ist, wachsen neue Dinge nach.«

Ich spürte keine Lust oder Wut von ihm, wahrscheinlich weil er im Moment beides nicht für mich empfand. Er war nicht wie Itempas — unfähig, Veränderungen zu akzeptieren. Er verbog nicht alles, was um ihn herum war, oder zerbrach es, um es nach seinem Willen zu formen. Nahadoth verbog sich selbst nach dem Willen anderer. Der Gedanke machte mich einen Moment lang traurig.

»Bist du jemals du selbst?«, fragte ich. »Wirklich du selbst, nicht nur so, wie andere dich sehen?«

Die Hände verharrten, dann wurden sie weggezogen. »Enefa hat mich das einmal gefragt.«

»Tut mir leid ...«

»Nein.« In seiner Stimme lag Trauer. Sie verging niemals für ihn. Wie furchtbar musste es sein, ein Gott der Veränderung zu sein und dann unendliche Trauer zu ertragen.

»Wenn ich frei bin«, sagte er, »werde ich mir aussuchen, wer mich formt.«

»Aber ...« Ich stutzte. »Das ist keine Freiheit.«

»Zu Anbeginn der Wirklichkeit war ich ich selbst. Es gab nichts und niemanden, der mich beeinflusste — nur den Mahlstrom, der mich geboren hatte, und dem war es egal. Ich riss mein Fleisch entzwei, und die Grundsubstanz unseres Reiches ergoss sich daraus: Materie, Energie und mein eigenes, kaltes schwarzes Blut. Ich verschlang meinen Geist und schwelgte in der Neuartigkeit des Schmerzes.«

Tränen schössen in meine Augen. Ich schluckte schwer und versuchte, sie zurückzuhalten, aber plötzlich waren die Hände wieder da und hoben mein Kinn. Finger streichelten meine Augen, schlössen sie und wischten die Tränen fort.

»Wenn ich frei bin, werde ich wählen«, flüsterte er noch einmal ganz nah. »Du musst dasselbe tun.«

»Aber ich werde nie ...«

Er küsste mich, um mich zum Schweigen zu bringen. In dem Kuss lag Sehnsucht, greifbar und bittersüß. War das meine eigene Sehnsucht oder seine? Dann verstand ich endlich: Es machte keinen Unterschied.

Aber o Götter, o Göttin, er war so gut. Er schmeckte wie kühler Morgentau. Er machte mich durstig. Kurz bevor ich mehr wollte, zog er sich zurück. Ich kämpfte gegen die Enttäuschung an, aus Angst, was sie uns beiden antun könnte.

»Geh und ruh dich aus, Yeine«, sagte er. »Lass die Intrigen deiner Mutter sich selbst erfüllen. Du hast deine eigenen Prüfungen zu bestehen.«

Dann fand ich mich in meiner Wohnung. Ich saß auf dem Boden in einem Viereck aus Mondlicht. Die Wände waren dunkel, aber ich konnte gut sehen, da der Mond, obwohl nur ein Bruchstück von ihm tief am Himmel stand, sehr hell war. Mitternacht war längst vorbei, es war ungefähr ein oder zwei Stunden vor Sonnenaufgang. Das wurde allmählich zur Gewohnheit.

Si’eh saß in dem großen Sessel neben meinem Bett. Als er mich sah, rollte er sich auseinander und legte sich neben mich auf den Boden. Seine Pupillen waren im Mondlicht groß und rund, wie die einer ängstlichen Katze.

Ich sagte nichts. Kurz darauf streckte er die Hand aus und zog mich hinunter, bis mein Kopf in seinem Schoß lag. Ich schloss die Augen und schöpfte Trost aus dem Gefühl seiner Hand auf meinen Haaren. Nach einer Weile begann er, mir ein Schlaflied zu singen, das ich in einem Traum gehört hatte. Ich war entspannt und schlief wohlig ein.

Selbstsucht

Sag mir, was du willst, hatte der Lord der Finsternis gesagt. Etwas Besseres für die Welt, hatte ich geantwortet. Aber auch ...

Am Morgen ging ich zeitig zum Salon, bevor die Sitzung des Konsortiums begann. Ich hoffte, Ras Onchi zu finden. Vorher sah ich aber Wohi Ubm, die andere Adlige aus Hochnord, die auf der breiten, von Säulen gesäumten Treppe des Salons eintraf.

»Oh«, sagte sie nach einer unbeholfenen Vorstellung und meiner Nachfrage. Sobald ich den mitleidigen Ausdruck in ihren Augen sah, wusste ich es. »Ihr habt es noch nicht vernommen. Ras starb im Schlaf vor zwei Nächten.« Sie seufzte. »Ich kann es immer noch nicht glauben. Aber nun ja, sie war alt.« Ich kehrte nach Elysium zurück.

Für eine Weile lief ich durch die Flure und dachte über den Tod nach.

Diener nickten mir zu, als sie an mir vorbeigingen, und ich nickte zurück. Höflinge — meine Hochblutkollegen — ignorierten mich entweder oder starrten mich mit offener Neugier an.

Es musste sich herumgesprochen haben, dass ich als Erbin nicht mehr in Frage kam und in aller Öffentlichkeit von Scimina geschlagen worden war. Nicht alle Blicke waren freundlich. Ich neigte auch vor ihnen meinen Kopf. Ich war nicht so engstirnig wie sie.

Auf einer der unteren Etagen überraschte ich T’vril, der auf einem schattigen Balkon stand, ein Notizbrett vom Finger baumeln ließ und eine vorüberziehende Wolke beobachtete. Als ich ihn berührte, zuckte er schuldbewusst zusammen — fing das Notizbrett glücklicherweise aber noch auf —, was ich so deutete, dass er an mich gedacht hatte.

»Der Ball wird morgen in der Abenddämmerung beginnen«, sagte er. Ich war neben ihn an das Geländer getreten, nahm die Aussicht und den Trost seiner Gegenwart schweigend in mich auf. »Er wird bis zum Morgengrauen des nächsten Tages dauern. So ist die Tradition vor einer Nachfolgezeremonie. Morgen ist Neumond — diese Nächte waren früher den Anhängern von Nahadoth heilig. Also feiern sie jetzt hindurch.«

Ich fand das ziemlich gehässig von ihnen. Oder gehässig von Itempas.

»Direkt nach dem Ball wird der Stein der Erde durch den Zentralschacht des Palastes zum Ritualgemach im Solariumturm geschickt.«

»Ah. Ich habe gehört, wie du letzte Woche die Bediensteten davor gewarnt hast.«

T’vril drehte das Notizbrett vorsichtig zwischen seinen Fingern und sah mich nicht an. »Ja. Wenn man ihm nur flüchtig ausgesetzt ist, sollte es keine Probleme geben, aber ...« Er zuckte mit den Schultern. »Es ist ein Gegenstand der Götter. Da hält man sich am besten fern.«

Ich konnte nicht anders, ich musste lachen. »Ja, da stimme ich dir zu!«

T’vril sah mich merkwürdig an und hatte ein unsicheres Lächeln auf den Lippen. »Du scheinst dich ... wohlzufühlen.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Es liegt mir nicht, mir die ganze Zeit Sorgen zu machen. Was geschehen ist, ist geschehen.« Nahadoths Worte.

T’vril trat unbehaglich von einem Bein auf das andere und schnippte ein paar Haare, die der Wind ihm ins Gesicht geblasen hatte, weg. »Ich ... hörte, dass eine Armee sich an dem Pass, der von Menchey nach Darr führt, sammelt.«

Ich legte meine Fingerspitzen aneinander und betrachtete sie, um die Stimme, die in mir aufschrie, zum Schweigen zu bringen. Scimina hatte ihr Spiel gut gespielt. Für den Fall, dass ich sie nicht wählte, hatte sie Gemd zweifellos Anweisungen hinterlassen, mit dem Abschlachten zu beginnen. Möglicherweise würde Gemd das ohnehin tun, sobald ich die Enefadeh freigelassen hatte, aber ich zählte darauf, dass die Welt nach dem Ausbruch eines erneuten Krieges der Götter zu sehr mit Uberleben beschäftigt sein würde. Si’eh hatte versprochen, dass Darr während dieser Katastrophe sicher sein würde. Ich war mir nicht sicher, ob ich dem Versprechen in vollem Umfang vertraute, aber es war besser als nichts.

Zum wahrscheinlich hundertsten Male überlegte ich, ob ich an Relad herantreten sollte, und verwarf den Gedanken wieder. Seiminas Leute waren auf dem Boden, ihr Messer war an Darrs Kehle. Wenn ich während der Zeremonie Relad wählte, konnte er etwas unternehmen, bevor das Messer eine tödliche Wunde hervorrief? Ich konnte die Zukunft meines Volkes nicht von einem Mann abhängig machen, den ich nicht einmal respektierte.