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Nur die Götter konnten mir jetzt noch helfen.

»Relad hat sich in seinen Gemächern eingeschlossen«, sagte T’vril, der offensichtlich genauso dachte wie ich. »Er empfängt keine Besuche und lässt niemanden hinein, nicht einmal die Diener. Weiß der Vater, was er isst — oder trinkt. Es laufen Wetten bei denen von hohem Geblüt, dass er sich noch vor dem Ball das Leben nimmt.«

»Ich vermute, es gibt wenig anderes, das interessant ist und auf das man wetten könnte.«

T’vril warf mir einen Blick zu und überlegte wahrscheinlich, ob er noch mehr sagen sollte. »Es gibt auch Wetten, dass du dir das Leben nimmst.«

Ich lachte in die Brise hinein. »Wie stehen die Chancen? Glaubst du, dass sie mich auch wetten lassen würden?«

T’vril drehte sich zu mir herum, und seine Augen hatten plötzlich einen eifrigen Ausdruck. »Yeine ... wenn, wenn du ...« Er brach ab, schwieg und schaute weg, seine Stimme klang bei dem letzten Wort sehr erstickt.

Ich ergriff seine Hand und hielt sie, während er den Kopf hängen ließ, zitterte und nach Fassung rang. Er führte und beschützte die Diener hier — Tränen hätten ihn schwach aussehen lassen. Männer waren da schon immer sehr zerbrechlich.

Einige Momente später atmete er tief ein. Seine Stimme war höher als sonst, als er sagte: »Soll ich dich zu dem Ball morgen Abend begleiten?«

Als Viraine mir dasselbe angeboten hatte, hatte ich ihn gehasst. T’vrils Angebot ließ mich ihn noch ein wenig mehr lieben. »Nein, T’vril. Ich möchte keine Begleitung.«

»Es könnte helfen, einen Freund dort zu haben.«

»Vielleicht. Aber so etwas werde ich nicht von meinen neuen Freunden verlangen.«

»Du verlangst nicht — ich biete es an.«

Ich trat näher zu ihm und lehnte mich gegen seinen Arm. »Ich werde schon zurechtkommen, T’vril.«

Er betrachtete mich lange, dann schüttelte er langsam den Kopf. »Das wirst du, nicht wahr? Ach, Yeine. Ich werde dich vermissen.«

»Du solltest von hier fortgehen, T’vril. Such dir eine nette Frau, die sich um dich kümmert und dich mit Seide und Juwelen überhäuft.«

T’vril starrte mich an und brach dann in Gelächter aus. Diesmal war es nicht verkrampft. »Eine Darrefrau?«

»Nein, bist du verrückt? Du hast doch gesehen, wie wir sind. Such dir ein Ken-Mädchen. Vielleicht vererben sich die hübschen Flecken, die du hast.«

»Hübsche ... Sommersprossen, du Barbarin! Man nennt sie Sommersprossen.«

»Wie auch immer.« Ich hob seine Hand, küsste ihren Rücken und ließ ihn los. »Leb wohl, mein Freund.«

Ich ließ ihn dort stehen. Er lachte immer noch, als ich ging.

Aber...?

Aber das war nicht alles, was ich wollte.

Die Unterredung half mir, mich zu entscheiden, was ich als Nächstes tun wollte. Ich suchte Viraine auf.

Seit meiner Unterhaltung mit Nahadoth in der Nacht zuvor war ich hin- und hergerissen, ob ich ihn zur Rede stellen sollte. Ich war jetzt davon überzeugt, dass Viraine und nicht Dekarta meine Mutter getötet hatte. Verstehen konnte ich es aber immer noch nicht: Wenn er sie liebte, warum hatte er sie dann umgebracht? Und warum jetzt, zwanzig Jahre, nachdem sie ihm das Herz gebrochen hatte? Ein Teil von mir dürstete nach Verstehen.

Dem anderen Teil von mir war es egal, ob er es getan hatte. Dieser Teil von mir wollte Blut sehen, und ich wusste, wenn ich ihm folgte, würde ich etwas Dummes tun. Es würde viel Blut fließen, wenn ich Rache an den Arameri übte — einen zweiten Krieg der Götter zu entfesseln hieße Entsetzen und Tod zu bringen. So viel Blut hätte mir genügen müssen ... aber ich würde nicht mehr leben, um es zu sehen. Wir sind da sehr selbstsüchtig, wir Sterblichen.

Also suchte ich Viraine auf.

Er antwortete nicht, als ich an die Tür seiner Werkstatt klopfte. Einen Moment lang zögerte ich und überlegte, ob ich die Sache weiterverfolgen sollte. Dann hörte ich von drinnen einen schwachen, gedämpften Laut.

Die Türen in Elysium kann man nicht abschließen. Rang und Politik verschaffen denen vom hohen Geblüt mehr Sicherheit als genug, denn nur diejenigen, die gegen Vergeltungsschläge immun sind, wagen es, in die Privatsphäre eines anderen einzudringen. Ich, die dazu verdammt war, in etwas weniger als einem Tag zu sterben, war genau deswegen immun, und so schob ich die Tür ein wenig zur Seite.

Zuerst sah ich Viraine nicht. Da war der Arbeitstisch, an dem ich gezeichnet worden war, und er war leer. Alle Arbeitstische waren leer, was mir seltsam erschien. Ebenso wie die Tierkäfige hinten im Raum, was noch seltsamer war. Erst dann bemerkte ich Viraine. Zum Teil, weil er so still stand, und zum Teil, weil er mit seinem weißen Haar und seiner weißen Kleidung so perfekt zu seiner blitzblanken, sterilen Umgebung passte.

Er stand in der Nähe der großen Kristallkugel hinten im Zimmer. Erst dachte ich, dass er sich an sie gelehnt hatte, um in ihre durchsichtigen Tiefen zu schauen. Vielleicht hatte er mir so während meiner einsamen, fehlgeschlagenen Unterhaltung mit den mir unterstellten Nationen nachspioniert. Aber dann bemerkte ich, dass er vornübergebeugt stand und sich mit einer Hand auf der polierten Oberfläche der Kugel abstützte. Sein Kopf hing herab. Ich konnte seine freie Hand durch den weißen Vorhang seines Haares nicht sehen, aber irgendetwas an seinen verstohlenen Bewegungen erkannte ich sofort. Er schniefte, und das bestätigte meinen Verdacht: Allein in seiner Werkstatt, am Vorabend der einmaligen Triumphbeteuerung seines Gottes, weinte Viraine.

Eine Schwäche, die einer Darrefrau nicht würdig war, dämpfte meinen Ärger. Ich wusste nicht, warum er weinte. Vielleicht hatten all seine Missetaten die Überbleibsel seines Gewissens für einen Moment wiederbelebt. Vielleicht hatte er sich den Zeh gestoßen. Aber in dem Moment, als ich dastand und ihn beim Weinen beobachtete — etwas, das T’vril erfolgreich vermieden hatte —, da konnte ich nicht anders, als mich zu fragen: Was wäre, wenn auch nur eine dieser Tränen für meine Mutter war? Es gab nur wenige Menschen, die außer mir um sie getrauert hatten.

Ich schloss dieTür und ging.

Wie dumm von mir.

Ja. Selbst dann verschließt du dich noch der Wahrheit.

Kenne ich sie?

Jetzt, ja. Damals, nein.

Warum ...

Du stirbst. Deine Seele befindet sich im Krieg. Und ein anderes Gedächtnis lenkt dich ab.

Sag mir, was du willst, hatte der Lord der Finsternis gesagt.

Scimina war in ihrem Quartier und hatte eine Anprobe für ihr Ballkleid. Es war weiß — eine Farbe, die ihr nicht besonders gut stand. Zwischen dem Material und ihrer hellen Haut gab es nicht genug Kontrast, und das Ergebnis war, dass sie blass aussah. Immerhin, das Kleid war schön und bestand aus glänzendem Material, das durch winzige Diamanten, die das Mieder zierten, und das Futter des Rocks noch großartiger wurde. Alles glitzerte im Licht, als sie sich auf dem Podest für die Schneider drehte.

Ich wartete geduldig, während sie sie mit Anweisungen bedachte. Aul der anderen Seite des Zimmers saß die menschliche Version von Nahadoth auf der Fensterbank und schaute hinaus in die Nachmittagssonne. Falls er gehört hatte, dass ich eintrat, so gab er es nicht zu erkennen und sah nicht auf.

»Ich gebe zu, ich bin neugierig«, sagte Scimina und wandte sich mir schließlich zu. Ich verspürte flüchtig eine gehässige Befriedigung, als ich den großen Bluterguss auf ihrem Kieferknochen bemerkte. Gab es keine magische Möglichkeit, so kleine Wunden zu heilen? Ach, wie schade. »Was könnte dich dazu bringen, mich hier zu besuchen? Gedenkst du, für deine Nation um Gnade zu flehen?«

Ich schüttelte den Kopf. »Das würde nichts nützen.«