Sie lächelte beinahe liebenswürdig. »Stimmt. Nun denn. Was willst du?«
»Dein Angebot annehmen«, sagte ich. »Ich hoffe, es steht noch?«
Wieder eine kleine Befriedigung: der verständnislose Ausdruck auf ihrem Gesicht. »Welches Angebot meinst du, Cousine?«
Ich nickte an ihr vorbei zu der schweigenden Figur am Fenster. Er war bekleidet. Ich sah ein einfaches schwarzes Hemd, Hosen und zur Abwechslung ein schlichtes Eisenhalsband. Das war gut. Ich fand ihn nackt wesentlich geschmackloser. »Du hast gesagt, dass ich mir dein Haustier einmal ausleihen könnte.«
Hinter Scimina drehte sich Naha zu mir um und starrte mich an. Seine braunen Augen waren geweitet. Auch Scimina starrte kurz auf mich und brach dann in Gelächter aus.
»So ist das!« Zum Entsetzen der Schneider verlagerte sie ihr Gewicht auf eine Seite und legte eine Hand auf ihre Hüfte. »Ich kann dir deine Wahl nicht verdenken, Cousine. Mit ihm hat man mehr Spaß als mit T’vril. Aber - verzeih mir - du bist so ein kleines Wesen. Und mein Naha ist so ungeheuer ... stark. Bist du sicher?«
Ihre Beleidigungen waberten wie Luft an mir vorbei, und ich bemerkte sie kaum. »Das bin ich.«
Scimina schüttelte irritiert den Kopf. »Also gut. Ich kann ihn im Moment sowieso nicht gebrauchen, er ist heute schwach. Wahrscheinlich genau richtig für dich also.« Sie hielt inne und warf einen Blick zu den Fenstern, um die Position der Sonne zu bestimmen. »Natürlich weißt du, dass du dich vor Sonnenuntergang hüten musst.«
»Natürlich.« Ich lächelte, was mir ein Stirnrunzeln von ihr eintrug. »Ich gedenke nicht, früher als nötig zu sterben.«
Etwas wie Misstrauen flackerte kurz in Seiminas Augen auf, und ich spürte, wie die Spannung meinen Magen umdrehte. Aber dann zuckte sie mit den Schultern.
»Geh mit ihr«, sagte sie, und Nahadoth erhob sich.
»Für wie lange?«, fragte er, und seine Stimme klang neutral.
»Bis sie tot ist.« Scimina lächelte und breitete ihre Arme in einer großherzigen Geste aus. »Wer bin ich, dass ich einen letzten Wunsch verweigern würde? Aber wenn du schon dabei bist, Nahadoth, achte darauf, dass sie nichts tut, das zu anstrengend ist — zumindest nichts, das sie handlungsunfähig machen würde. Wir brauchen sie übermorgen wohlauf.«
Die eiserne Kette war mit einer Wand in der Nähe verbunden gewesen. Sie fiel bei Seiminas Worten herunter. Naha hob das abgetrennte Ende auf. Dann stand er da und beobachtete mich mit ausdrucksloser Miene.
Ich neigte meinen Kopf vor Scimina. Sie ignorierte mich und wandte ihre Aufmerksamkeit mit einem verärgerten Knurren wieder den Schneidern zu — einer von ihnen hatte den Saum schlecht abgesteckt. Ich ging und kümmerte mich nicht darum, ob Nahadoth mir jetzt oder später folgte.
Was würde ich wollen, wenn ich frei sein könnte?
Sicherheit für Darr.
Dass der Tod meiner Mutter etwas zu bedeuten hatte.
Änderungen für die Welt.
Und für mich selbst ...
Ich verstehe jetzt. Ich habe gewählt, wer mich formen wird.
»Sie hat recht«, sagte Naha, als wir in meiner Wohnung standen. »Ich bin zu nicht viel zu gebrauchen im Moment.« Er sagte es regungslos, mit keinerlei Gefühl in der Stimme, aber ich erriet seine Bitterkeit.
»Fein«, sagte ich. »Ich habe ohnehin kein Interesse.« Ich stellte mich ans Fenster.
Hinter mir war lange Zeit Schweigen, dann kam er herüber.
»Etwas hat sich verändert.« Das Licht reichte nicht, um seine Spiegelung zu sehen, aber ich konnte mir seinen misstrauischen Ausdruck vorstellen. »Du bist anders.«
»Viel ist geschehen, seit wir uns zum letzten Mal begegnet sind.«
Er berührte meine Schulter. Als ich seine Hand nicht abwehrte, nahm er auch die andere und drehte mich sanft herum, bis ich ihn ansah. Ich ließ ihn gewähren. Er starrte mich an und versuchte, in meinen Augen zu lesen — vielleicht auch, mich einzuschüchtern.
Nur war er auf so kurze Entfernung alles andere als einschüchternd. Tiefe Müdigkeitsfalten gingen von seinen eingefallenen Augen aus; die Augen waren blutunterlaufen und sahen noch gewöhnlicher aus als vorher. Seine Haltung war gekrümmt und seltsam. Erst jetzt verstand ich, dass er kaum in der Lage war, zu stehen. Nahadoths Folter hatte auch ihn in Mitleidenschaft gezogen.
Mein Gesicht muss Mitleid gezeigt haben, weil er plötzlich die Stirn runzelte und sich aufrichtete. »Warum hast du mich hergebracht?«
»Setz dich«, sagte ich und zeigte auf das Bett. Ich versuchte, mich wieder dem Fenster zuzuwenden, aber seine Finger umklammerten meine Schultern. Wenn er im vollen Besitz seiner Kräfte gewesen wäre, hätte er mir wehgetan. Das wusste ich jetzt. Er war ein Sklave, eine Hure, dem man nicht einmal zeitweilig Kontrolle über seinen eigenen Körper erlaubte. Er hatte nur die Macht, die er über seine Geliebten und seine Benutzer ausüben konnte. Das war nicht viel.
»Wartest du auf ihn?«, fragte er. Die Art, wie er »ihn« aussprach, drückte tiefste Abneigung aus. »Ist es das?«
Ich löste seine Hände von meinen Schultern und schob sie energisch fort. »Setz dich. Jetzt.«
Das »jetzt« zwang ihn dazu, mich loszulassen, die paar Schritte zu meinem Bett zu gehen und sich hinzusetzen. Er tat es und starrte die ganze Zeit wütend vor sich hin. Ich drehte mich wieder zu dem Fenster um und ließ seinen Hass an meinem Rücken ohne Wirkung verpuffen. »Ja«, sagte ich. »Ich warte auf ihn.«
Eine verblüffte Pause. »Du bist in ihn verliebt. Du warst es bisher nicht, aber jetzt bist du es. Nicht wahr?«
Du verschließt dich der Wahrheit.
Ich ließ mir die Frage durch den Kopf gehen.
»In ihn verliebt?« Ich sprach es langsam aus. Der Satz fühlte sich seltsam an, als ich darüber nachdachte. Wie ein Gedicht, das man zu oft gelesen hatte. »In ihn verliebt.«
Eine weitere Erinnerung lenkt dich ab.
Ich war überrascht, echte Angst in Nahas Stimme zu hören. »Sei kein Dummkopf. Du weißt nicht, wie oft ich neben einer Leiche aufgewacht bin. Wenn du stark bist, kannst du ihm widerstehen.« »Ich weiß. Ich habe schon einmal Nein zu ihm gesagt.« »Dann ...« Verwirrung.
Ich hatte eine plötzliche Erleuchtung, wie sein Leben bisher verlaufen sein musste, das Leben des anderen, ungewollten Nahadoth. Jeden Tag war er ein Spielzeug der Arameri. Jede Nacht gab es keinen Schlaf, sondern Vergessen, das so nah am Tod war, wie ein Sterblicher diesem Ereignis kommen kann. Kein Frieden, keine wahre Erholung. Jeden Morgen schreckliche Überraschungen: ominöse Verletzungen. Tote Geliebte. Und die seelenzermürbende Gewissheit, dass es immer so weitergehen würde.
»Träumst du?«, fragte ich.
»Was?«
»Träumen. Nachts, wenn du ... bei ihm bist. Tust du’s?«
Nahadoth runzelte einen Moment lang die Stirn, als ob er versuchte, die Falle in meiner Frage herauszufinden. Schließlich sagte er: »Nein.«
»Überhaupt nicht?«
»Manchmal blitzen Bilder auf.« Er gestikulierte vage und sah mich nicht an. »Erinnerungen vielleicht. Ich weiß nicht, was das ist.«
Ich lächelte und fühlte ihm gegenüber plötzliche Wärme. Er war wie ich. Zwei Seelen oder doch zumindest zwei Identitäten in einem Körper. Vielleicht hatten die Enefadeh daher ihre Idee.
»Du siehst müde aus«, sagte ich. »Du solltest ein bisschen schlafen.«
Er stutzte. »Nein. Ich schlafe nachts genug.«
»Schlaf jetzt«, sagte ich, und er fiel so schnell auf die Seite, dass ich unter anderen Umständen gelacht hätte. Ich ging hinüber zum Bett, hob seine Beine hinein und legte ihn bequem hin. Dann kniete ich mich neben das Bett und legte meinen Mund an sein Ohr.
»Hab angenehme Träume«, befahl ich ihm. Das Stirnrunzeln auf seinem Gesicht veränderte sich leicht, wurde weicher und glättete sich.
Zufrieden stand ich auf und ging zurück zum Fenster und wartete.
Warum kann ich mich nicht daran erinnern, was als Nächstes geschah?