Er schüttelte den Kopf, als ob er mich für meine Ungeduld tadelte. »Ich will auch frei sein.«
Ich stutzte. »Aber wenn der Lord der Finsternis jemals befreit wird ...« Was geschah mit der sterblichen Seele, die sich in dem Körper des Gottes befand? Würde er schlafen und nie aufwachen? Würde ein Teil von ihm überdauern — gefangen und be- wusst in einem fremden Geist? Oder würde er einfach aufhören, zu existieren?
Er nickte, und mir wurde klar, dass ihm all diese Gedanken und noch mehr im Laufe der Jahrhunderte auch schon gekommen sein mussten. »Er hat versprochen, mich zu vernichten, wenn dieser Tag je kommen sollte.«
Und als mir klar wurde, dass dieser Naha an jenem Tag jubeln würde, lief es mir kalt über den Rücken. Vielleicht hatte er schon vorher versucht, sich umzubringen, nur, um am nächsten Morgen wieder aufzuerstehen, weil er von einer Magie, die einen Gott quälen soll, gefangen gehalten wird.
Nun, wenn alles so lief wie geplant, würde er bald frei sein.
Ich stand auf und ging zu dem unbeschädigten Fenster. Die Sonne stand hoch am Himmel, es war bereits Nachmittag. Der letzte Tag meines Lebens war halb vorüber. Ich versuchte, mir darüber klar zu werden, wie ich die restliche Zeit verbringen sollte, als ich eine neue Präsenz spürte. Ich drehte mich um. Si’eh stand dort und sah vom Bett aus zu mir, zu Naha und wieder zurück.
»Es scheint dir gut zu gehen«, sagte ich erfreut. Er war wieder richtig jung; auf einem seiner Knie prangte ein Grasfleck. Der Ausdruck in seinen Augen, als er Naha ansah, war allerdings alles andere als kindlich. Als sich seine Pupillen zu bösartigen Schlitzen verengten, wusste ich, dass ich eingreifen musste. Ich ging zu Si’eh und trat dabei absichtlich in sein Gesichtsfeld. Dann breitete ich mit einer einladenden Geste meine Arme aus.
Er legte seine Arme um mich, was zunächst liebevoll erschien. Dann aber hob er mich hoch, stellte mich hinter sich, drehte sich um und sah erneut Naha an.
»Ist alles in Ordnung mit dir, Yeine?«, fragte er und hockte sich hin. Das war nicht das Hocken eines Kämpfers, sondern eher die Bewegung, die ein Tier macht, bevor es abspringt. Naha erwiderte kalt seinen Blick.
Ich legte meine Hand auf seine Schulter, die wie ein Bogen gespannt war. »Es geht mir gut.«
»Dieser hier ist gefährlich, Yeine. Wir trauen ihm nicht.«
»Wie nett, Si’eh«, sagte Naha, und da war dieser grausame Klang wieder in seiner Stimme. Er breitete seine Arme aus und ahmte so spöttisch meine Geste nach. »Ich habe dich vermisst. Komm und gib deinem Vater einen Kuss.«
Si’eh zischte, und ich fragte mich kurz, ob ich auch nur den Hauch einer Chance hatte, ihn aufzuhalten. Dann lachte Naha und setzte sich wieder in den Stuhl. Natürlich wusste er genau, wie weit er gehen konnte.
Si’eh sah so aus, als ob er immer noch Entsetzliches vorhätte, als mir endlich die Idee kam, ihn abzulenken. »Si’eh. Ich war letzte Nacht mit deinem Vater zusammen.«
Er wirbelte herum, um mich anzusehen, und war so erschrocken, dass seine Augen schlagartig wieder menschlich wurden. Hinter ihm kicherte Naha leise.
»Das ist nicht möglich«, sagte Si’eh. »Es ist Jahrhunderte her seit ...« Er hielt inne und beugte sich nach vorne. Ich sah, wie seine Nasenflügel leicht bebten — einmal, zweimal. »Himmel und Erde. Du warst mit ihm zusammen.«
Verlegen schnupperte ich verstohlen am Kragen meines Bademantels. Ich hoffte, dass nur Götter in der Lage waren, das festzustellen.
»Ja.«
»Aber er ... das hätte ...« Si’eh schüttelte vehement seinen Kopf. »Yeine, oh, Yeine, weißt du, was das bedeutet?«
»Es bedeutet, dass dein kleines Experiment erfolgreicher war, als du dachtest«, sagte Naha. In den Schatten des Stuhls glitzerten seine Augen und erinnerten mich ein wenig an sein anderes Ich.
»Vielleicht solltest du sie auch einmal ausprobieren, Si’eh. Du musst doch genug von perversen alten Männern haben.«
Si’eh wurde stocksteif, und seine Hände ballten sich zu Fäusten. Ich staunte, dass solche Provokationen bei ihm anschlugen — aber vielleicht war das eine weitere seiner Schwächen. Er hatte sich den Gesetzen der Kindheit verschrieben; vielleicht lautete eins dieser Gesetze: Du sollst nicht ruhig bleiben, wenn du schikaniert wirst ...
Ich berührte sein Kinn und drehte sein Gesicht wieder zu mir. »Das Zimmer. Könntest du ...?«
»Oh. Ja.« Er drehte Naha demonstrativ den Rücken zu, sah sich im Zimmer um und sagte dann schnell und schrill etwas in seiner Sprache. Das Zimmer war plötzlich wieder wie neu. Einfach so.
»Praktisch«, sagte ich.
»Niemand kann Durcheinander besser aufräumen als ich.« Er ließ ein schnelles Grinsen aufblitzen.
Naha stand auf und sah die wiederhergestellten Bücherregale durch, wobei er uns geflissentlich ignorierte. Erst jetzt wurde mir klar, dass er vor Si’ehs Auftauchen anders gewesen war ... besorgt, respektvoll und beinahe freundlich. Ich öffnete den Mund, um ihm dafür zu danken, und besann mich dann eines Besseren. Si’eh hatte sich viel Mühe gegeben, diese Seite vor mir zu verbergen, aber ich hatte die Zeichen eines grausamen Zugs in ihm gesehen. Zwischen den beiden gab es seit sehr langer Zeit böses Blut, und so etwas war höchst selten einseitig.
»Lass uns irgendwo hingehen, wo wir reden können. Ich habe eine Nachricht für dich.« Si’eh unterbrach meine Tagträume und zog mich zur nächsten Wand. Wir gingen hindurch in den unge- nutzen Raum dahinter.
Einige Räume später seufzte Si’eh, öffnete seinen Mund, schloss ihn wieder und entschloss sich dann endlich, zu sprechen. »Die Nachricht, die ich bringe, ist von Relad. Er will dich sehen.«
»Warum?«
»Das weiß ich nicht. Aber ich finde, du solltest nicht hingehen.«
Ich runzelte die Stirn. »Warum nicht?«
»Denk nach, Yeine. Du bist nicht die Einzige, die morgen dem Tod ins Gesicht schaut. Wenn du Scimina zur Erbin machst, wird sie als Erstes ihren kleinen Bruder umbringen, und er weiß das. Was wäre, wenn er beschließt, dass dich umzubringen — und zwar jetzt, vor der Zeremonie — der beste Weg ist, um sein Leben ein paar Tage zu verlängern? Es wäre natürlich sinnlos, denn Dekarta hat gesehen, was mit Darr geschieht. Er wird einfach ein anderes Opfer bestimmen und der Person sagen, sie soll Scimina erwählen. Aber verzweifelte Männer denken nicht immer vernünftig.«
Si’ehs Argumentation war einleuchtend — aber etwas anderes stimmte nicht. »Hat Relad dir befohlen, mir diese Nachricht zu überbringen?«
»Nein, er hat mich gebeten. Und er bittet darum, dich zu sehen. Er sagte: Wenn du sie siehst, erinnere sie daran, dass ich nicht meine Schwester bin. Ich habe ihr nie etwas zuleide getan. Ich weiß, dass sie auf dich hört.‹« Si’eh schaute finster drein. »Erinnere sie — das war der einzige Befehl. Er weiß, wie er mit uns reden muss. Er hat mir absichtlich die Wahl gelassen.«
Ich blieb stehen. Si’eh ging ein paar Schritte weiter, bevor er es bemerkte und sich mit fragendem Gesichtsausdruck zu mir umwandte. »Und warum hast du es mir dann gesagt?«, fragte ich.
Ein Anflug von Unbehaglichkeit huschte über sein Gesicht, und er senkte den Blick. »Es stimmt, ich hätte es nicht tun sollen«, sagte er langsam. »Kurue hätte es nicht erlaubt, wenn sie es ge- wusst hätte. Aber was Kurue nicht weiß ...« Ein schwaches Lächeln erschien auf Si’ehs Gesicht. »Nun, es könnte sie heiß machen, aber wir hoffen einfach mal, dass das nicht geschieht.«
Ich verschränkte meine Arme und wartete. Er hatte meine Frage immer noch nicht beantwortet, und er wusste es.
Si’eh sah verärgert aus. »Das macht keinen Spaß mehr mit dir.«
»Si’eh.«
»Schon gut, schon gut.« Er steckte die Hände in die Taschen und zuckte mit vollkommener Lässigkeit die Schultern, aber seine Stimme war ernst.