»Du hast zugestimmt, uns zu helfen, das ist alles. Das macht dich zu unserer Verbündeten, nicht zu unserem Werkzeug. Kurue hat unrecht, wir sollten dir nichts verschweigen.«
Ich nickte. »Danke.«
»Dank mir, indem du es Kurue gegenüber nicht erwähnst. Oder Nahadoth oder Zhakkarn, wo wir gerade dabei sind.« Er hielt inne und lächelte mich dann plötzlich vergnügt an. »Obwohl es scheint, als ob Nahadoth seine eigenen Geheimnisse hätte, was dich angeht.«
Meine Wangen wurden heiß. »Das war meine Entscheidung.« Die Worte sprudelten aus mir heraus, da ich mich unnötigerweise zu einer Erklärung verpflichtet fühlte. »Ich habe ihn überrumpelt und ...«
»Yeine, bitte. Du willst jetzt nicht versuchen, mir zu sagen, dass du ihn ausgenutzt hättest oder so was in der Art?«
Da ich eigentlich genau das hatte sagen wollen, schwieg ich.
Si’eh schüttelte den Kopf und seufzte. Ich erschrak, als ich in seinem Lächeln eine merkwürdige Traurigkeit sah. »Ich bin froh, Yeine ... mehr, als du glaubst. Er ist seit dem Krieg so alleine gewesen.«
»Er ist nicht allein. Er hat euch.«
»Wir trösten ihn, ja, und halten ihn davon ab, völlig den Verstand zu verlieren. Wir können sogar seine Geliebten sein, obwohl diese Erfahrung für uns genauso ... anstrengend ist wie für dich.« Ich errötete erneut, obwohl das zum Teil an dem beunruhigenden Gedanken lag, dass Nahadoth seinen Kindern beiwohnte. Aber die Drei waren schließlich Geschwister. Die Götter leben nicht nach Regeln.
Als ob er den Gedanken gehört hätte, nickte Si’eh. »Er braucht Gleichgestellte, keine Mitleidsangebote seiner Kinder.«
»Ich bin keinem der Drei ebenbürtig, Si’eh, egal, wessen Seele in mir wohnt.«
Er wurde ernst. »Liebe kann den Boden zwischen Sterblichen und Göttern ebnen, Yeine. Das haben wir zu respektieren gelernt.«
Ich schüttelte den Kopf. Das hatte ich von dem Moment an gewusst, seit das verrückte Verlangen, mit einem Gott schlafen zu wollen, über mich gekommen war. »Er liebt mich nicht.«
Si’eh rollte mit den Augen. »Ich liebe dich, Yeine, aber manchmal kannst du wirklich eine Sterbliche sein.«
Völlig verdutzt schwieg ich. Si’eh schüttelte seinen Kopf, rief eine seiner schwebenden Kugeln aus dem Nichts herbei und warf sie von einer Hand in die andere. Diese war blaugrün, was gnadenlos meine Erinnerungen neckte. »Also, was gedenkst du wegen Relad zu tun?«
»Was ... oh.« Dieser ständige Wechsel zwischen göttlichen und weltlichen Dingen war so verwirrend. »Ich werde mich mit ihm treffen.«
»Yeine ...«
»Er wird mich nicht töten.« Vor meinem geistigen Auge sah ich wieder Relads Gesicht wie vor zwei Nächten, umrahmt von dem Türrahmen meines Zimmers. Er war gekommen, um mir von Si’ehs Folter zu erzählen, was noch nicht einmal T’vril getan hatte.
Sicherlich war ihm klar gewesen, dass Scimina den Wettbewerb gewinnen würde, wenn sie mich dazu zwang, meine Geheimnisse preiszugeben. Also warum hatte er es getan?
Ich hatte da meine eigene Theorie, die auf dem Treffen im Solarium beruhte. Ich war der Meinung, dass Relad noch weniger Arameri war, als T’vril, vielleicht noch weniger als ich.
Irgendwo unter all der Bitterkeit und Selbstverachtung, versteckt unter zigtausend schützenden Lagen, hatte Relad Arameri ein weiches Herz.
Nutzlos für einen Arameri-Erben, wenn es stimmte. Jenseits von nutzlos — gefährlich. Aber genau deswegen war ich gewillt, das Risiko einzugehen und ihm zu vertrauen.
»Ich könnte mich immer noch für ihn entscheiden«, sagte ich zu Si’eh, »und er weiß das. Es wäre unsinnig, weil es das Leiden meines Volkes besiegeln würde. Aber ich könnte es tun. Ich bin seine letzte Hoffnung.«
»Du klingst sehr überzeugt«, sagte Si’eh zweifelnd.
Ich hatte den plötzlichen Drang, Si’ehs Haare zu zerzausen. Vielleicht würde es ihm aufgrund seiner Wesensart sogar gefallen: Was ihm aber nicht gefallen würde, wäre der Gedanke, der hinter diesem Impuls stand: Si’eh war in einem wesentlichen Punkt wirklich ein Kind. Er verstand Sterbliche nicht. Er lebte seit Jahrhunderten unter uns, seit Jahrtausenden, aber trotzdem war er nie einer von uns gewesen. Er kannte das Prinzip Hoffnung nicht.
»Ich bin sehr sicher«, sagte ich. »Aber ich wäre dankbar, wenn du mit mir kommst.«
Er sah überrascht aus, nahm jedoch sofort meine Hand. »Gern. Aber warum?«
»Geistiger Beistand. Und nur für den Fall, dass ich mich fürchterlich irre.«
Er grinste und öffnete eine weitere Wand, die uns dorthin bringen würde.
Relads Wohnung war so groß wie Seiminas, und beide waren dreimal so groß wie meine. Wenn ich ihre Wohnungen an meinem ersten Tag in Elysium gesehen hätte, wäre mir sofort klar geworden, dass ich keine wirkliche Mitstreiterin um Dekartas Regentschaft war.
Seine Wohnung war allerdings ganz anders angeordnet als die von Scimina: ein riesiger, offener Raum mit einer kurzen Treppe im Hintergrund, die auf eine Galerie führte.
Die Hauptetage wurde dominiert von einer viereckigen Vertiefung im Boden, in die man eine Weltkarte aus wunderschön gefärbten Keramikfliesen gelegt hatte. Abgesehen davon war der Raum überraschend karg. Es gab nur wenige Möbelstücke — ein Sideboard, das mit Alkoholflaschen überladen war, und ein kleines Bücherregal. Und dann war da noch Relad, der bei der Karte stand. Er sah steif und förmlich aus und war erschreckend nüchtern.
»Sei gegrüßt, Cousine«, sagte er, als ich hereinkam. Dann hielt er inne und warf Si’eh einen wütenden Blick zu. »Es ist nur Yeine eingeladen.«
Ich legte eine Hand auf Si’ehs Schulter. »Er war besorgt, dass du mir vielleicht etwas antun willst, Cousin. Willst du das?«
»Was? Selbstverständlich nicht!« Der überraschte Gesichtsausdruck von Relad beruhigte mich. Tatsächlich deutete alles an dieser kleinen Szene darauf hin, dass Relad mich um den Finger wickeln wollte — und man wickelte Leute, die überflüssig waren, nicht um den Finger. »Warum zum Mahlstrom sollte ich das tun? Tot nützt du mir nichts.«
Ich knipste mein Lächeln an und beschloss, diese taktlose Bemerkung durchgehen zu lassen. »Das ist gut zu wissen, Cousin.«
»Stört euch nicht an mir«, sagte Si’eh. »Ich bin nur eine Fliege an der Wand.«
Relad strengte sich an und beachtete ihn nicht. »Kann ich dir etwas anbieten? Tee? Oder sonst etwas?«
»Nun, wenn du so fragst ...«, fing Si’eh an, aber ich drückte fest seine Schulter. Ich wollte Relad nicht provozieren, jedenfalls jetzt noch nicht.
»Danke, nein«, sagte ich. »Aber ich weiß das Angebot zu schätzen. Ich weiß ebenso deine Warnung von vorgestern Nacht zu schätzen, Cousin.« Ich streichelte Si’ehs Haar.
Relad rang genau drei Sekunden lang mit einer angemessenen Erwiderung und murmelte schließlich: »Schon gut.«
»Warum hast du mich hergebeten?«
»Ich habe ein Angebot für dich.« Er zeigte mit einer fahrigen Geste auf den Boden.
Ich schaute auf die Weltkarte im Boden, und meine Augen fanden automatisch Hochnord und die kleine Ecke darin, die Darr darstellte. Vier polierte, flache weiße Steine lagen in einiger Entfernung um Darrs Grenzen herum — einer in jedem der drei Königreiche, die — wie ich vermutete — Teil des Bündnisses waren, und in Menchey lag noch ein zweiter. Alle befanden sich auf mehreren Seiten an Darrs Grenze. Mitten in Darr lag ein grau marmorierter Stein, der wahrscheinlich unsere lächerliche Truppenstärke symbolisieren sollte. Aber genau südlich von Menchey an der Küste, wo der Kontinent auf die See der Reue traf, befanden sich drei gelblich-weiße Steine. Ich hatte keine Ahnung, was sie darstellten.
Ich sah auf zu Relad. »Darr ist das Einzige, um das ich mir Sorgen mache. Scimina hat mir das Leben meines Volkes angeboten. Kannst du mir das auch anbieten?«