»Möglicherweise mehr als das.« Relad schritt hinunter in die Vertiefung, wo die Karte war, und blieb unterhalb von Hochnord stehen. Seine Füße standen mitten in der See der Reue, was mich kurz entgegen jeglicher Vernunft belustigte.
»Das Weiße sind deine Feinde, wie du sicherlich schon erraten hast; Seiminas Spielfiguren. Die hier ...«, er zeigte auf die gelben Steine, »gehören zu mir.«
Ich stutzte, aber noch bevor ich etwas sagen konnte, schnaubte Si’eh. »Du hast keine Verbündeten in Hochnord, Relad. Du hast den ganzen Kontinent seit Jahren ignoriert. Seiminas Sieg ist das Ergebnis deines Versäumnisses.«
»Das weiß ich«, fuhr Relad ihn an. Dann drehte er sich wieder zu mir um. »Es stimmt, ich habe keine Freunde in Hochnord. Und selbst, wenn ich welche hätte — die Königreiche dort hassen alle dein Land, Cousine. Scimina bietet ihnen lediglich eine Möglichkeit, das zu tun, was sie schon seit Generationen in den Fingern juckt.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Hochnord war einmal das Land der Barbaren, und wir Darre gehörten zu den barbarischsten. Die Priester mögen uns seither zivilisiert haben, aber niemand kann die Vergangenheit auslöschen.«
Relad nickte wegwerfend — es war ihm egal, und das sah man. Er war wirklich schrecklich ungeschickt darin, andere um den Finger zu wickeln. Erneut zeigte er auf die gelben Steine. »Söldner«, sagte er. »Hauptsächlich Piraten aus Ken und Min, einige Ghor-Nachtkämpfer und eine schlagkräftige Gruppe aus Zhu- rem-Stadt. Ich kann ihnen befehlen, für dich zu kämpfen, Cousine.«
Ich starrte die gelben Steine an und fühlte mich an meinen Gedanken über Sterbliche und das Prinzip Hoffnung erinnert.
Si’eh hüpfte hinunter in die Vertiefung der Karte und ging zu den gelben Steinen. Er schaute sie sich an, als ob er die tatsächliche Anzahl der Streitkräfte, die sie repräsentierten, sehen konnte. Er pfiff. »Du musst dich völlig verausgabt haben, um so viele zusammenzutrommeln und sie rechtzeitig nach Hochnord zu beordern, Relad. Ich wusste nicht, dass du so viel Kapital im Laufe der Jahre angehäuft hast.« Er warf Relad und mir einen Blick über die Schulter hinweg zu. »Aber sie sind viel zu weit weg, um bis morgen in Darr einzutreffen. Seiminas Freunde sind bereits unterwegs.«
Relad nickte und beobachtete mich. »Meine Streitkräfte sind nah genug, um Mencheys Hauptstadt heute Abend anzugreifen. Sie können sogar einen Tag später gegen Tokland losschlagen. Sie sind komplett ausgerüstet, ausgeruht und gut versorgt. Ihre Schlachtpläne wurden von Zhakkarn höchstpersönlich ausgearbeitet.« Er verschränkte ein wenig abwehrend seine Arme. »Wenn Menchey angegriffen wird, wird die Hälfte deiner Feinde sich von dem Angriff auf Darr abwenden. Dann muss dein Volk sich nur noch mit den Zarenne und Atir-Rebellen auseinandersetzen, wobei sie allerdings immer noch zwei zu eins in der Unterzahl wären. Aber die Darre hätten immerhin eine Außenseiterchance.«
Ich warf Relad einen scharfen Blick zu. Er hatte mich bei dem Ganzen hier gut eingeschätzt — überraschend gut. Irgendwie wusste er, dass es nicht die Aussicht auf Krieg war, die mir Angst machte, schließlich war ich eine Kriegerin. Aber ein Krieg, den man nicht gewinnen konnte, gegen Feinde, die nicht nur Beute machten, sondern unseren Lebensmut, wenn nicht sogar unser Leben zerstören würden ... das konnte ich nicht ertragen.
Bei Chancen, die zwei zu eins standen, konnte man gewinnen. Es war nicht einfach, aber machbar.
Ich warf Si’eh einen Blick zu, und er nickte. Meine Instinkte sagten mir, dass Relads Angebot glaubwürdig war, aber er wusste, wozu Relad fähig war, und würde mich warnen, falls Betrug dahintersteckte. Ich glaube, wir waren beide überrascht, dass Relad dies überhaupt bewältigt hatte.
»Du solltest öfter mal auf das Trinken verzichten, Cousin«, sagte ich leise.
Relad lächelte humorlos. »Das war keine Absicht, das kann ich dir versichern. Es ist nur, dass der bevorstehende Tod selbst den besten Wein sauer werden lässt.«
Ich verstand vollkommen.
Unbehagliches Schweigen breitete sich aus. Dann machte Relad einen Schritt nach vorne und bot mir seine Hand an. Überrascht schlug ich ein. Wir waren uns einig.
Später gingen Si’eh und ich langsam zu meinem Zimmer zurück. Er wählte diesmal eine andere Route und ging durch Teile von Elysium, die ich in den zwei Wochen seit meiner Ankunft noch nicht gesehen hatte. Dabei zeigte er mir einige Wunderwerke — unter anderem ein hohes, enges Gemach, das kein ungenutzter Raum war, aber trotzdem aus irgendeinem Grund verschlossen und vergessen wirkte. Die Decke sah aus, als ob es sich um einen Unfall in den Bauplänen der Götter handelte. Die blasse Elysi- umsubstanz hing in nach unten zugespitzten Ausstülpungen wie Stalaktiten herab, allerdings weit weniger zierlich und elegant. Einige waren so nah, dass man sie berühren konnte. Der Sinn dieses Gemachs erschloss sich mir nicht, bis Si’eh mich zu einer Holzverkleidung an der Wand führte.
Als ich sie berührte, öffnete sich ein Spalt in der Decke, durch den ein scharfer, eiskalter Windstoß hereinwehte. Ich zitterte, aber vergaß mein Unbehagen, als die Ausstülpungen der Decke anfingen zu singen. Der Wind hatte sie in Schwingungen versetzt. Es war eine Musik, wie ich sie noch nie vernommen hatte, schwingend und fremdartig — eine Vielzahl von Tönen, die zu schön war, um sie als Lärm zu bezeichnen. Ich ließ nicht zu, dass Si’eh die Holzvertäfelung berührte, um die Luft auszusperren, bis ich kein Gefühl mehr in den Fingern hatte.
In der anschließenden Stille kauerte ich an der Wand und pustete in meine Hände, um sie zu wärmen. Si’eh hockte vor mir und sah mich durchdringend an. Mir war zu kalt, und deshalb bemerkte ich es zunächst nicht, aber dann beugte er sich plötzlich vor und küsste mich. Erschreckt erstarrte ich, aber es war nicht unangenehm. Es war der Kuss eines Kindes, spontan und bedingungslos. Allein die Tatsache, dass er kein Kind war, rief bei mir Unbehagen hervor.
Si’eh lehnte sich zurück und seufzte wehmütig, als er den Ausdruck auf meinem Gesicht sah. »Tut mir leid«, sagte er und ließ sich neben mir nieder.
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen«, sagte ich. »Sag mir nur, wofür der war.« Ich erkannte, dass das ein versteckter Befehl war und fügte hinzu: »Wenn du willst.«
Er schüttelte den Kopf, spielte den Schüchternen und drückte sein Gesicht gegen meinen Arm. Ich mochte seine Wärme dort, aber ich mochte das Schweigen nicht. Ich entzog mich ihm und zwang ihn dadurch, sich gerade hinzusetzen, weil er sonst umgefallen wäre.
»Yeine!« »Si’eh!«
Er seufzte und sah verärgert aus. Dann setzte er sich in den Schneidersitz. Einen Moment lang dachte ich, er würde schmollen, aber schließlich sagte er: »Ich finde es einfach nicht fair, das ist alles. Naha durfte dich schmecken und ich nicht.«
Jetzt fühlte ich mich definitiv unbehaglich. »Selbst in meinem Barbarenland nehmen sich Frauen keine Kinder als Geliebte.«
Der Ärger in seinem Gesichtsausdruck verstärkte sich. »Ich habe dir schon einmal gesagt, ich will das nicht von dir. Ich rede hiervon.« Er ging plötzlich auf die Knie und lehnte sich nach vorne. Ich zuckte weg, und er wartete ab. Mir kam in den Sinn, dass ich ihn liebte, ihm meine innerste Seele anvertraute. Sollte ich ihm da nicht mit einem Kuss trauen? Also atmete ich tief ein und entspannte mich. Si’eh wartete, bis ich ihm zunickte und noch ein bisschen länger, nur um sicher zu sein. Dann lehnte er sich vor und küsste mich erneut.
Diesmal war es anders, weil ich ihn schmeckte — nicht Si’eh, das süße, ein wenig unanständige Kind, aber den Si’eh hinter der menschlichen Maske. Es war ... schwer zu beschreiben. Ein plötzlicher Ausbruch von etwas Erfrischendem, wie einer reifen Melone oder vielleicht eines Wasserfalls. Ein reißender Strom, ein Strudel — er floss in mich hinein, durch mich hindurch und wieder zu ihm zurück. Das ging so schnell, dass ich kaum Luft holen konnte. Salz. Blitze. Das tat so weh, dass ich mich fast entzogen hätte, aber in der Entfernung spürte ich, wie Si’ehs Hände sich schmerzhaft um meine Arme schlössen. Bevor ich aufschreien konnte, schoss ein kalter Wind durch mich hindurch und linderte sowohl den Schock als auch meine Blutergüsse.