Ich hätte einen Schreiber entsenden sollen.
Der Ballsaal von Elysium: ein riesiger Saal mit hoher Decke, dessen Wände noch lebhafter wie Perlmutt schimmerten als der Rest des Palastes und eine leicht rosige Schattierung aufwiesen. Nach dem unnachgiebigen Weiß des restlichen Elysiums schien dieser Farbhauch beinahe erschreckend lebendig. Kronleuchter, die wie ein Sternenhimmel aussahen, drehten sich über unseren Köpfen, und Musik lag in der Luft. Ein Sextett spielte auf einem Podest in unserer Nähe komplizierte Amn-Melodien. Zu meiner Überraschung bestanden die Böden nicht aus dem üblichen Ely- siummaterial. Sie waren klar und golden, wie dunkler, polierter Bernstein. Es konnte sich aber nicht um Bernstein handeln, da nirgendwo Nähte zu sehen waren und ein zusammenhängendes Stück die Größe eines kleinen Hügels erfordert hätte. Trotzdem sah es so aus.
Menschen füllten diesen prächtigen Ort. Ich war erstaunt über die unglaubliche Anzahl der Anwesenden, allen war eine Ausnahmegenehmigung erteilt worden, um für diese eine Nacht in Elysium weilen zu dürfen. In der Halle befanden sich fast tausend Menschen: stolze Hochblüter und die übereifrigsten der Salonbeamten, Könige und Königinnen der Länder, die viel wichtiger waren als meins, berühmte Künstler und Mätressen, jeder, der etwas auf sich hielt. Ich war in den letzten Tagen so in meine Probleme vertieft gewesen, dass ich die Kutschen, die den ganzen Tag ankamen und wieder fortfuhren und so viele nach Elysium brachten, nicht bemerkt hatte. Mein Fehler.
Ich wäre gerne in den Saal gegangen und hätte mich unter die Menge gemischt, so gut es eben ging. Sie trugen alle Weiß, was traditionell die Farbe offizieller Anlässe in Elysium war. Nur ich trug Farbe. Aber ich hätte ohnehin nicht untertauchen können, denn als ich den Raum betrat und oben an der Treppe stehenblieb, räusperte sich ein Diener, der in meiner Nähe stand und eine merkwürdige weiße Livree trug, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und donnerte so lautstark, dass ich zusammenzuckte: »Die Lady Yeine Arameri, erwählte Erbin des Dekarta, wohlwollende Beschützerin des Königreichs der Hunderttausend! Unser Ehrengast!«
Das verpflichtete mich dazu, oben an der Treppe stehenzubleiben, während sich alle Blicke auf mich richteten.
Ich hatte noch nie in meinem Leben vor so einer Horde gestanden. Panik erfüllte mich für einen kurzen Moment. Außerdem war ich davon überzeugt, dass sie es wussten. Wie sollten sie es auch nicht wissen? Es gab höflichen, zurückhaltenden Applaus. Ich sah viele lächelnde Gesichter, aber keine wahre Freundlichkeit. Interesse, ja ... die Art Interesse, die man für eine preisgekrönte Färse hegte, die bald darauf geschlachtet wird und auf den Tellern der Privilegierten landete. Wie wird sie schmecken?, interpretierte ich in ihre strahlende, lebhafte Aufmerksamkeit hinein. Wenn wir doch nur einen Bissen bekommen könnten.
Mein Mund wurde trocken. Meine Knie rasteten ein, und das war das Einzige, das mich davon abhielt, mich auf meinen unbequem hohen Schuhen umzudrehen und davonzulaufen. Das und noch eine Erkenntnis: Meine Eltern hatten sich auf einem Ara- meri-Ball kennengelernt. Vielleicht in genau diesem Raum. Meine Mutter hatte auf denselben Treppenstufen gestanden. Sie hatte ebenfalls einen Raum voller Leute, die ihre Angst und ihren Hass hinter ihrem Lächeln verbargen, vor sich gesehen.
Sie hätte zurückgelächelt.
Also fixierte ich meinen Blick auf einen Punkt direkt über der Menge. Ich lächelte, hob meine Hand zu einem höflichen, königlichen Winken — und hasste sie zurück. Dadurch schrumpfte die Angst, und ich konnte die Treppen hinunterschreiten, ohne Angst zu haben, dass ich stolpern würde, oder mich fragen zu müssen, ob ich anmutig aussah.
Auf halbem Weg nach unten blickte ich durch den Ballsaal und sah Dekarta auf einem Podest gegenüber der Tür. Irgendwie hatten sie seinen riesigen Stuhl-nicht-Thron aus Stein aus dem Audienzzimmer hierhergewuchtet. Er beobachtete mich daraus mit seinen farblosen Augen.
Ich neigte meinen Kopf. Er blinzelte. Morgen, dachte ich. Morgen.
Die Menge teilte sich und schloss sich um mich herum wie Lippen.
Ich bahnte mir meinen Weg durch die Speichellecker, die versuchten, sich mit belanglosem Geschwätz einzuschleimen, und durch ehrlichere Leute, die mir nur kühl oder sarkastisch zunickten. Schließlich erreichte ich einen Bereich in der Nähe eines Tisches mit Erfrischungen, wo sich weniger Menschen befanden. Ich bekam ein Glas Wein von einem Diener, leerte es, bekam noch eins und bemerkte dann an der Seite bogenförmige Glastüren. Ich betete, dass sie sich öffneten und nicht nur Dekoration waren, und ging dorthin. Sie führten nach draußen, auf eine große Terrasse, auf der sich bereits einige Gäste eingefunden hatten, um sich an der magisch gefilterten und erwärmten Nachtluft zu erfreuen. Einige flüsterten untereinander, als ich vorbeiging, aber die meisten waren zu sehr mit ihren Geheimnissen, Verfuhrungen oder anderweitigen Aktivitäten beschäftigt, die in den schattigen Ecken derartiger Veranstaltungen stattfanden. Ich blieb nur am Geländer stehen, weil es dort war. Dann versuchte ich eine Zeit lang, meine zitternde Hand zu beruhigen, damit ich meinen Wein trinken konnte.
Von hinten kam eine Hand, bedeckte meine und half mir, das Glas ruhig zu halten. Ich wusste, wer da war, noch bevor ich die vertraute kühle Ruhe in meinem Rücken spürte.
»Sie wollen, dass diese Nacht dich bricht«, sagte der Lord der Finsternis. Sein Atem bewegte meine Haare, kitzelte mein Ohr und ließ meine Haut mit Dutzenden delikater Erinnerungen kribbeln. Ich schloss meine Augen und war dankbar für die Einfachheit des Begehrens.
»Es gelingt ihnen«, sagte ich.
»Nein. Kinneth hat dir mehr Stärke gegeben.« Er nahm das Glas aus meiner Hand und entfernte es aus meiner Sicht, als ob er es selbst trinken wollte. Dann gab er es mir zurück. Aus dem weißen Wein — eine unglaublich leichte Auslese, die beinahe farblos war und blumig schmeckte — war etwas Dunkelrotes geworden, das in dem Licht des Balkons fast schwarz erschien. Sogar als ich das Glas gegen den Himmel erhob, waren die Sterne nur als entferntes Glitzern durch die Linse des tiefen Burgunderrots zu erkennen. Ich nippte probeweise und erschauerte, als der Geschmack über meine Zunge rollte. Süß, aber mit einem Hauch beinahe metallischer Bitterkeit und einem salzigen Nachgeschmack, wie von Tränen.
»Und wir haben dich gestärkt«, sagte Nahadoth. Er sprach in meine Haare hinein, einer seiner Arme glitt von hinten um mich herum und zog mich dichter an ihn heran. Unwillkürlich lehnte ich mich entspannt an ihn.
Ich drehte mich in dem Halbkreis seines Arms herum und hielt überrascht an. Der Mann, der auf mich herunterblickte, sah nicht wie Nahadoth aus — in keiner seiner Formen, in denen ich ihn gesehen hatte. Er sah menschlich aus, Amn, und sein Haar war dunkelblond und fast so kurz wie meins. Sein Gesicht war recht gutaussehend, aber es war nicht das Gesicht, das er benutzte, um mich zufriedenzustellen, und auch nicht das Gesicht, das Scimi- na erschaffen hatte. Es war nur ein Gesicht. Und er trug Weiß. Das schockte mich noch mehr als alles andere und ließ mich verstummen.
Nahadoth — denn er war es, ich spurte das, egal, wie er aussah — sah belustigt aus. »Der Lord der Finsternis ist bei den Feiern der Diener des Itempas nicht willkommen.«
»Ich hätte nicht gedacht ...« Ich berührte seinen Ärmel. Er bestand nur aus edel verarbeitetem Stoff und war Teil einer Jacke, die entfernt militärisch aussah. Ich streichelte ihn und war enttäuscht, als er sich nicht zur Begrüßung um meine Finger ringelte.
»Ich habe das Material, aus dem das Universum besteht, hergestellt. Dachtest du, dass weiße Fäden für mich eine Herausforderung wären?«
Ich lachte auf und verfiel im nächsten Moment in erschrecktes Schweigen. Ich hatte noch nie gehört, dass er einen Witz machte. Was hatte das zu bedeuten?