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Er hob eine Hand und legte sie ernüchtert an meine Wange. Es kam mir in den Sinn, dass er, obwohl er versuchte, sich wie ein Mensch zu benehmen, gar nichts mit seinem Tages-Ich gemeinsam hatte. Nichts an ihm außer seiner Erscheinung war menschlich — nicht seine Bewegungen, nicht die Geschwindigkeit, mit der er von einem Ausdruck zum anderen wechselte, und ganz besonders nicht seine Augen. Eine menschliche Maske reichte einfach nicht aus, um seine wahre Natur zu verbergen. In meinen Augen war es so offensichtlich, dass ich staunte, warum die anderen Leute auf dem Balkon nicht schreiend vor Angst wegrannten, weil sich der Lord der Finsternis in ihrer Nähe befand.

»Meine Kinder denken, dass ich den Verstand verliere«, sagte er und steichelte mein Gesicht äußerst zärtlich. »Kurue sagt, dass ich all unsere Hoffnungen deinetwegen aufs Spiel setze. Sie hat recht.«

Ich stutzte verwirrt. »Mein Leben gehört immer noch euch. Ich werde mich an unsere Abmachung halten, obwohl ich den Wettbewerb verloren habe. Ihr habt in gutem Glauben gehandelt.«

Er seufzte und beugte sich zu meiner Überraschung nach vorne, um seine Stirn an meine zu legen. »Sogar jetzt sprichst du von deinem Leben wie von einer Ware, die für unseren ›guten

Glauben‹ verkauft wurde. Was wir dir angetan haben, ist ekelerregend.«

Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, ich war zu verblüfft. Plötzlich flackerte in mir die Einsicht auf, dass es genau das war, wovor Kurue Angst hatte — Nahadoths flatterhafter, leidenschaftlicher Sinn für Ehre. Er war in den Krieg gezogen, um seiner Trauer über Enefa Ausdruck zu verleihen; er hatte sich und seine Kinder aus reiner Sturheit in der Sklaverei belassen, anstatt seinem Bruder zu vergeben. Er hätte anders mit seinem Bruder umgehen können, damit nicht das ganze Universum und so viele Leben auf dem Spiel gestanden hätten. Aber das war das Problem: Wenn der Lord der Finsternis etwas mochte, dann wurden seine Entscheidungen unvernünftig und seine Handlungen drastisch.

Und entgegen aller Vernunft fing er an, mich zu mögen.

Schmeichelhaft. Beängstigend. Ich konnte nicht erraten, was er unter solchen Umständen tun würde. Aber was noch wichtiger war, ich erkannte, was das kurzfristig bedeutete. In einigen Stunden würde ich sterben, und er würde erneut trauernd zurückbleiben.

Wie seltsam, dass dieser Gedanke mein Herz ebenfalls schmerzen ließ.

Ich legte meine Hände um das Gesicht des Lords der Finsternis und seufzte. Ich schloss meine Augen, damit ich die Person hinter der Maske spüren konnte. »Es tut mir leid«, sagte ich. Und so war es auch. Ich hatte nie beabsichtigt, ihm Schmerzen zuzufügen.

Er bewegte sich nicht und ich auch nicht. Es fühlte sich gut an, sich an ihn zu lehnen und in seinen Armen auszuruhen. Es war eine Illusion, aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich sicher.

Ich weiß nicht, wie lange wir so dastanden, aber wir hörten es beide, als die Musik sich veränderte. Ich richtete mich auf und sah mich um. Die Handvoll Gäste, die sich mit uns auf der Terrasse befunden hatten, waren hineingegangen. Das bedeutete, dass es Mitternacht war — Zeit für den Haupttanz des Abends, den Höhepunkt des Balls.

»Willst du hineingehen?«, fragte Nahadoth.

»Nein, natürlich nicht. Mir geht es gut hier draußen.«

»Sie tanzen zu Ehren von Itempas.«

Ich sah ihn verwirrt an. »Warum sollte mir das etwas ausmachen?«

Sein Lächeln erwärmte mich von innen heraus. »Hast du dich so vollkommen von dem Glauben deiner Ahnen abgewendet?«

»Meine Ahnen haben dich verehrt.«

»Und Enefa und Itempas und unsere Kinder. Die Darre waren eine der wenigen Rassen, die uns alle ehrten.«

Ich seufzte. »Seitdem ist viel Zeit vergangen. Zu viel hat sich verändert.«

»Du hast dich verändert.«

Dazu konnte ich nichts sagen, es war die Wahrheit.

Einer plötzlichen Regung folgend, ging ich ein Stück von ihm weg, nahm seine Hände und zog ihn in eine Tanzposition. »Auf die Götter«, sagte ich. »Alle.«

Es war so erfreulich, ihn zu überraschen. »Ich habe noch nie zu meinen Ehren getanzt.«

»Na dann, jetzt aber.« Ich zuckte mit den Schultern und wartete auf einen neuen Refrain, bevor ich ihn mit meinen Schritten mitzog. »Einmal ist immer das erste Mal.«

Nahadoth sah belustigt aus, aber er bewegte sich leichtfüßig im Rhythmus mit mir trotz der komplizierten Schritte. Jedes adlige Kind lernte diese Tänze, aber ich hatte sie nie gemocht. Amn- Tänze erinnerten mich an die Amn selbst — kalt, steif und mehr auf Erscheinung als auf Freude bedacht. Aber hier, auf einem dunklen Balkon unter einem mondlosen Himmel mit einem Gott als Tanzpartner lächelte ich, während wir uns hin und her drehten. Es fiel nicht schwer, sich an die Schritte zu erinnern, während er sanft gegen meine Hände und meinen Rücken drückte, um die Führung zu übernehmen. Es war leicht, die Eleganz der Takte mit einem Partner zu genießen, der wie der Wind dahinglitt. Ich schloss meine Augen, legte mich in die Drehungen und seufzte vor Vergnügen, als die Musik anschwoll und sich meiner Stimmung anpasste.

Als die Musik aufhörte, lehnte ich mich an ihn und wünschte, die Nacht würde nie enden — und das nicht nur wegen dem, was mich bei Morgengrauen erwartete.

»Wirst du morgen bei mir sein?«, fragte ich und meinte den wahren Nahadoth und nicht sein Tages-Ich.

»Ich habe die Erlaubnis, während der gesamten Zeremonie ich selbst zu bleiben.«

»Damit Itempas dich fragen kann, ob du zu ihm zurückkehren willst.«

Sein Atem kitzelte weich und kühl mein Haar, als er lachte. »Und dieses Mal werde ich es tun, aber nicht so, wie er es erwartet.«

Ich nickte und lauschte dem langsamen, merkwürdigen Puls seines Herzens. Er klang entfernt und hallte, als ob man ihn über Meilen hinweg hörte. »Was wirst du tun, wenn ich gewinne? Ihn töten?«

Sein Schweigen warnte mich, bevor die eigentliche Antwort kam. »Ich weiß es nicht.«

»Du liebst ihn immer noch.«

Er antwortete nicht, obwohl er einmal über meinen Rücken streichelte. Ich machte mir nichts vor. Er wollte nicht mich beruhigen.

»Es ist in Ordnung«, sagte ich. »Ich verstehe.«

»Nein«, sagte er. »Kein Sterblicher könnte das verstehen.«

Ich sagte nichts mehr, und er sagte auch nichts mehr. Und so ging die lange Nacht vorüber.

Ich hatte zu viele Nächte mit zu wenig Schlaf durchgestanden. Ich musste im Stehen eingeschlafen sein, denn plötzlich blinzelte ich und hob meinen Kopf. Der Himmel hatte eine andere Farbe — ein verschwommenes Mittelding zwischen Schwarz und Grau. Der Neumond schwebte knapp über dem Horizont und war ein dunkler Fleck am langsam heller werdenden Himmel.

Nahadoths Finger drückten wieder sanft zu, und mir wurde klar, dass er mich geweckt hatte. Er schaute zur Balkontür hinüber. Viraine stand dort mit Scimina und Relad. Ihre weißen Gewänder schienen zu leuchten, so dass ihre Gesichter im Schatten lagen.

»Zeit«, sagte Viraine.

Ich horchte in mich hinein und war zufrieden, als ich Stille und keine Angst dort fand.

»Ja«, sagte ich. »Lasst uns gehen.«

Drinnen war der Ball noch in vollem Gange, obwohl ich schon weniger Menschen tanzen sah als vorher. Dekartas Thron auf der anderen Seite der Menge war leer. Vielleicht war er schon vorzei- tig gegangen, um sich vorzubereiten.

Nachdem wir die stillen und außergewöhnlich hellen Flure Ely- siums betreten hatten, gab Nahadoth seine Maskerade auf. Sein Haar wurde länger, und seine Kleidung veränderte die Farbe von einem Schritt zum anderen. Er hatte wieder blasse Haut; wahrscheinlich waren wohl zu viele meiner Verwandten in der Nähe. Wir nahmen einen Aufzug nach oben und verließen ihn auf der obersten Etage von Elysium, die ich inzwischen schon auf Anhieb erkannte. Als wir den Aufzug verließen, sah ich, dass die Türen zum Solarium offen standen. Der gepflegte Wald dahinter lag im Schatten und war ruhig. Das einzige Licht stammte vom Zentralturm des Palastes, der sich im Herzen des Solariums erhob und wie der Mond strahlte. Ein schwach erleuchteter Pfad führte von uns weg zwischen den Bäumen hindurch zum Fundament des Turms.