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Aber ich war abgelenkt von den Gestalten, die rechts und links der Tür standen.

Kurue erkannte ich sofort. Ich hatte die Schönheit ihrer Gold- Silber-Platin-Flügel nicht vergessen. Zhakkarn war ebenfalls großartig in ihrer silbernen, mit eingravierten Siegeln überzogenen Rüstung; ihr Helm glänzte im Licht. Das letzte Mal hatte ich diese Rüstung in einem Traum gesehen.

Die dritte Gestalt, die zwischen ihnen stand, war weniger beeindruckend, aber dafür sehr seltsam: eine schlanke Katze mit schwarzem Fell, die den Leoparden meines Heimatlandes glich, aber bedeutend größer war. Allerdings hatte kein Wald diesen Leopard hervorgebracht. Sein Fell kräuselte sich wie Wellen in einem unsichtbaren Wind und schimmerte zwischen matt und einem vertrauten, unglaublich tiefen Schwarz. Also sah er doch wie sein Vater aus.

Ich musste einfach lächeln. Danke, formte ich mit meinen Lippen. Die Katze entblößte ihre Zähne als Antwort, und man konnte das beim besten Willen nicht als Drohgebärde ansehen. Gleichzeitig zwinkerte sie mir mit einem grüngeschlitzten Auge zu.

Ich machte mir nichts vor, was ihre Anwesenheit betraf. Zhakkarn war nicht in voller Kampfrüstung, nur um uns durch ihren Glanz allein zu beeindrucken. Der zweite Krieg der Götter würde bald beginnen, und sie waren bereit. Si’eh ... nun, Si’eh war wahrscheinlich meinetwegen hier. Und Nahadoth ...

Ich sah ihn über meine Schulter hinweg an. Er beobachtete weder mich noch seine Kinder. Stattdessen schaute er nach oben, zur Spitze des Turms.

Viraine schüttelte den Kopf und beschloss offenbar, keine Einwände zu erheben. Er warf Scimina einen Blick zu, die mit den

Schultern zuckte. Dann schaute er zu Relad, der ihn wütend anstarrte, als ob er sagen wollte: Warum sollte ich mich darum scheren?

Unsere Blicke trafen sich — meine und Relads. Er war blass, und Schweiß perlte auf seiner Oberlippe, aber er nickte mir leicht zu. Ich erwiderte das Nicken.

»So sei es«, sagte Viraine, und wir gingen alle ins Solarium auf den Zentralturm zu.

Das Nachfolgeritual

Obs so nennen konnte.

Der Raum war von Glas umschlossen, wie eine überdimensionale Glasglocke. Wäre da nicht ein blasser, reflektierender Film gewesen, hätte es so ausgesehen, als ob wir im Freien oben auf einer Turmspitze stünden, der man die Spitze abgeschnitten hatte. Der Boden des Zimmers bestand aus demselben weißen Material wie der Rest von Elysium und war kreisrund. Das unterschied es von allen anderen Zimmern, die ich in den letzten beiden Wochen im Palast gesehen hatte. Es machte ihn zu einem Ort, der Itempas heilig war.

Wir standen hoch über dem großen weißen Hauptteil des Palastes. Aus diesem schrägen Winkel konnte ich nur einen winzigen Teil des Vorhofs sehen. Ich erkannte ihn an dem grünen Klecks des Gartens und der Spitze des Piers. Mir war nie klar geworden, dass Elysium rund war. Darüber hinaus war die Erde eine dunkle Masse, die sich wie eine große Schale um uns herumzubiegen schien. Kreise waren in Kreisen, die in Kreisen waren; es war in der Tat ein heiliger Ort.

Man betrat das Zimmer von unten nach oben durch den Boden, und Dekarta stand dem Eingang gegenüber. Er stützte sich schwer auf seinen wunderschönen Darrholz-Stab, den er zweifellos benötigt hatte, um die steile Wendeltreppe, die in dieses Zimmer führte, heraufzusteigen. Hinter und über ihm bedeckten Wolken den Himmel, gebündelt und aneinandergereiht wie eine Perlenkette. Sie waren so grau und hässlich wie mein Ballkleid, außer im Osten, wo die Wolken begannen, gelbweiß zu erstrahlen.

»Beeilt euch«, sagte Dekarta und nickte zu Punkten innerhalb des Raumes. »Relad hier. Scimina da, ihm gegenüber. Viraine zu mir. Yeine, hier.«

Ich tat wie mir geheißen und stellte mich vor einen einfachen weißen Sockel, der auf dem Boden stand und ungefähr brusthoch war. In seiner Oberfläche war ein Loch von der Größe einer Handfläche — der Schacht, der aus dem Verlies hier hoch führte. Einige Zoll darüber schwebte ein winziger, dunkler Gegenstand ohne Halterung in der Luft. Er war verwittert, unförmig und sah sehr nach einem Klumpen Dreck aus. Das war der Stein der Erde? Das hier?

Ich tröstete mich mit der Tatsache, dass wenigstens die arme Seele aus dem Verlies jetzt tot war.

Dekarta hielt inne und starrte wütend die Enefadeh hinter mir an. »Nahadoth, du kannst deine angestammte Position einnehmen. Was den Rest von euch angeht — ich habe eure Anwesenheit nicht befohlen.«

Zu meiner Überraschung antwortete Viraine. »Ihre Anwesenheit könnte gute Dienste leisten, Mylord. Der Elysiumvater wäre möglicherweise erfreut, seine Kinder zu sehen, sogar diese Verräter.«

»Kein Vater freut sich, Kinder zu sehen, die sich gegen ihn gewandt haben.« Dekartas Blick schwenkte zu mir. Ich fragte mich, ob er mich sah oder nur Kinneths Augen in meinem Gesicht.

»Ich möchte, dass sie hier sind«, sagte ich.

Er zeigte keine Reaktion, außer dass er seine ohnehin schon sehr dünnen Lippen noch mehr zusammenkniff. »Das müssen gute Freunde sein, wenn sie kommen, um dich sterben zu sehen.«

»Es wäre schwieriger, sich dem hier ohne ihre Unterstützung zu stellen, Großvater. Sagt mir, habt Ihr Ygreth eine Begleitung erlaubt, als Ihr sie ermordet habt?«

Er richtete sich auf, was er selten tat. Zum ersten Mal sah ich einen Schatten des Mannes, der er einmal gewesen war, groß und hager wie jeder Amn und so großartig wie meine Mutter. Es war erschreckend, diese Ähnlichkeit auf einmal zu sehen. Er war allerdings zu dünn für seine Größe, was seine ungesunde Hagerkeit nur betonte. »Ich werde meine Handlungen nicht vor dir rechtfertigen, Enkelin.«

Ich nickte. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie die anderen mich beobachteten. Relad sah ängstlich aus, Scimina verärgert. Viraine — ich konnte seinen Ausdruck nicht deuten, aber er beobachtete mich mit einer plötzlichen Intensität, die mich verwirrte. Aber ich konnte dafür keinen weiteren Gedanken erübrigen. Dies war vielleicht meine letzte Chance, herauszufinden, warum meine Mutter gestorben war. Ich glaubte immer noch, dass Viraine die Tat verübt hatte, auch wenn das immer noch keinen Sinn ergab, weil er sie geliebt hatte. Aber wenn er auf Geheiß von Dekarta gehandelt hatte ...

»Ihr müsst mir nichts erklären«, antwortete ich. »Ich kann es erraten. Als Ihr jung wart, wart Ihr wie diese beiden...« Ich zeigte auf Relad und Scimina. »Selbstverliebt, vergnügungssüchtig und grausam. Aber Ihr wart nicht so herzlos wie sie, nicht wahr? Ihr habt Ygreth geheiratet, und Euch muss wirklich etwas an ihr gelegen haben, sonst hätte Eure Mutter sie nicht als Euer Opfer auserwählt, als die Zeit reif war. Aber Ihr habt Macht noch mehr geliebt, und so seid Ihr auf den Handel eingegangen. Ihr wurdet Familienoberhaupt. Und Eure Tochter wurde Eure Todfeindin.«

Dekartas Lippen zuckten, und ich konnte nicht sagen, ob das ein Zeichen von Gefühlen war oder die Schüttellähmung, die ihn hin und wieder heimzusuchen schien. »Kinneth liebte mich.«

»Ja, das tat sie.« Weil das die Art Frau war, die meine Mutter gewesen war. Sie konnte lieben und hassen gleichzeitig; sie konnte das eine benutzen, um das andere zu verbergen und zu nähren. Sie war, wie Nahadoth gesagt hatte, eine wahre Arameri gewesen. Nur waren ihre Ziele andere.

»Sie liebte Euch«, sagte ich, »und ich denke, dass Ihr sie getötet habt.«

Diesmal war ich sicher, dass Schmerz über das Gesicht des alten Mannes huschte. Es befriedigte mich für einen Augenblick, aber auch nicht länger. Der Krieg war verloren — dieses Scharmützel hatte keinen Einfluss auf das große Ganze. Ich würde sterben. Und obwohl mein Tod die Sehnsüchte so vieler erfüllen würde — die meiner Eltern, die der Enefadeh, meine eigenen —, konnte ich ihn unter diesen unpersönlichen Umständen nicht ertragen. Mein Herz war voller Angst.