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Trotzdem drehte ich mich um und sah die Enefadeh an, die hinter mir aufgereiht standen. Kurue konnte mir nicht in die Augen schauen, aber Zhakkarn tat es, und sie nickte mir respektvoll zu. Si’eh stieß ein leises, katzenartiges Jammern aus, das zwar nicht menschlich, aber dadurch nicht weniger gepeinigt klang. In meinen Augen brannten Tränen. Welch eine Torheit. Auch wenn ich nicht heute sterben würde, wäre ich nur ein Schluckauf in seinem endlosen Leben. Ich war diejenige, die starb — und trotzdem würde ich ihn schrecklich vermissen.

Schließlich sah ich zu Nahadoth, der hinter mir auf einem Knie in Deckung gegangen war und von den grauen Wolkenketten umrahmt wurde. Es war klar, dass sie ihn dazu zwangen, niederzuknien — hier an der Stätte von Itempas. Aber er beobachtete mich und nicht den östlichen Himmel, der immer heller wurde. Ich hatte erwartet, dass er unbeteiligt aussehen würde, aber so war es nicht. Scham, Trauer und eine Wut, die einst Planeten zerschmettert hatte, standen in seinen Augen — zusammen mit anderen Gefühlen, die zu sehr an die Nerven gingen, um sie zu benennen. Gegen meinen Willen brannten Tränen in meinen Augen. Konnte ich dem trauen, was ich sah? Durfte ich es wagen? Schließlich würde er bald wieder mächtig sein. Was kostete es ihn schon, mir jetzt Liebe vorzuspielen, um mich damit dazu zu bringen, ihren Plan auszuführen?

Voller Schmerz senkte ich meinen Blick. Ich war lange genug in Elysium, dass ich mir selber schon nicht mehr vertraute.

»Ich habe deine Mutter nicht getötet«, sagte Dekarta.

Ich schreckte auf und wandte mich ihm zu. Er hatte so leise gesprochen, dass ich einen Moment lang dachte, ich hätte mich verhört. »Was?«

»Ich habe sie nicht umgebracht. Ich hätte sie niemals getötet. Wenn sie mich nicht so gehasst hätte, hätte ich sie angefleht, nach Elysium zurückzukehren und sogar dich mitzubringen.« Zu meinem Entsetzen sah ich Nässe auf Dekartas Wangen. Er weinte. Und starrte mich wütend durch seine Tränen hindurch an. »Ich hätte sogar um ihretwillen versucht, dich zu lieben.«

»Großvater«, sagte Scimina. IhrTon grenzte an Anmaßung und vibrierte förmlich vor Ungeduld. »Obwohl ich Eure Güte gegenüber unserer Cousine zu schätzen weiß ...«

»Schweig«, knurrte Dekarta sie an. Seine Augen, die farblos wie Diamanten waren, fixierten sie so scharf, dass sie zusammenzuckte. »Du hast keine Ahnung, wie nah daran ich war, dich zu töten, als ich von Kinneths Tod erfuhr.«

Scimina versteifte sich und war ein Abbild von Dekartas Haltung. Sie befolgte seinen Befehl natürlich nicht. »Das wäre Euer Privileg gewesen, Großvater. Aber ich hatte mit Kinneths Tod nichts zu tun. Ich habe ihr oder ihrer Bastard-Tochter keine Aufmerksamkeit geschenkt. Ich weiß nicht einmal, warum Ihr sie als das heutige Opfer erwählt habt.«

»Um zu sehen, ob sie eine wahre Arameri ist«, sagte Dekarta sehr leise. Sein Blick traf wieder meinen. Es dauerte drei Herzschläge, bis ich begriff, was er damit meinte, und dann wich das Blut aus meinem Gesicht.

»Ihr dachtet, dass ich sie getötet habe«, flüsterte ich. »Allmächtiger Vater, das habt Ihr wirklich geglaubt.«

»Diejenigen zu ermorden, die wir am meisten lieben, ist eine weit zurückreichende Tradition in unserer Familie«, sagte Dekarta.

Hinter uns war der Himmel im Osten sehr hell geworden.

Ich stammelte. Es bedurfte mehrerer Anläufe, bevor ich in meiner Wut einen zusammenhängenden Satz hervorbrachte — und als es mir gelang, war er in Darre. Das wurde mir aber erst klar, als Dekarta angesichts meiner Flüche eher verwirrt denn beleidigt wirkte. »Ich bin keine Arameri!«, beendete ich den Satz und ballte die Fäuste. »Ihr esst Euren Nachwuchs, und Ihr ernährt Euch von Leiden wie Ungeheuer aus einem uralten Märchen! Außer meinem Blut werde ich nie etwas mit Euch gemeinsam haben, und wenn ich das aus mir verbannen könnte, würde ich es auch noch tun!«

»Vielleicht bist du keine von uns«, sagte Dekarta. »Ich sehe jetzt, dass du unschuldig bist, und indem ich dich töte, zerstöre ich nur, was von ihr übrig ist. Ein Teil von mir bedauert das. Aber ich werde nicht lügen, Enkelin. Es gibt noch einen anderen Teil von mir, der deinen Tod bejubeln wird. Du hast sie mir weggenommen. Sie hat Elysium verlassen, um bei deinem Vater zu sein und dich aufzuziehen.«

»Fragt Ihr Euch, warum?« Ich zeigte in dem Glaszimmer auf die Götter und Blutsverwandten, die gekommen waren, um mich sterben zu sehen. »Ihr habt ihre Mutter getötet. Habt Ihr gedacht, sie würde darüber hinwegkommen?«

Zum ersten Mal, seit ich ihn kennengelernt hatte, flackerte etwas Menschliches in Dekartas traurigem, selbstironischem Lächeln. »Ich denke ja. Das war töricht von mir, nicht wahr?«

Ich konnte nicht anders und erwiderte sein Lächeln. »Ja, Großvater, das war es.«

Dann berührte Viraine Dekartas Schulter. Uber dem östlichen Horizont stand hell und warnend ein goldener Fleck. Der Sonnenaufgang stand kurz bevor. Die Zeit für Geständnisse war vorüber.

Dekarta nickte und sah mich dann lange schweigend an, bevor er sprach. »Es tut mir leid«, sagte er sehr leise. Eine Entschuldigung, die viele Fehltritte umfasste. »Wir müssen anfangen.«

Selbst dann sagte ich immer noch nicht, was ich glaubte. Ich zeigte nicht auf Viraine und nannte ihn den Mörder meiner Mutter. Ich hatte noch Zeit. Ich hätte Dekarta darum bitten können, sich um ihn zu kümmern, bevor die Nachfolge vollzogen wurde, als einen letzten Tribut an Kinneth. Ich weiß nicht, warum ich es nicht tat. Doch, ich weiß es. Ich glaube, ab dem Moment hatten Rache und Antworten keine Bedeutung mehr für mich. Welchen Unterschied würde es machen, zu wissen, warum meine Mutter gestorben war? Sie wäre immer noch tot. Was würde es mir bringen, ihren Mörder zu bestrafen? Ich wäre auch tot. Würde irgendetwas davon meinem oder ihrem Tod Bedeutung verleihen?

Der Tod hat immer Bedeutung, Kind. Du wirst es bald verstehen.

Viraine ging langsam im Kreis durchs Zimmer. Er hob seine Hände, sah nach oben und begann — während des Gehens — zu sprechen.

»Vater des Himmels und der Erde unter uns, Meister aller Schöpfung, höre deine bevorzugten Diener. Wir erflehen deine Führung im Chaos des Ubergangs.«

Er blieb vor Relad stehen, dessen Gesicht in dem grauen Licht wächsern aussah. Ich konnte die Geste, die Viraine vollführte, nicht sehen, aber Relads Siegel glühte plötzlich weiß, als ob eine kleine Sonne auf seiner Stirn eingraviert wäre. Er zuckte nicht zusammen und zeigte auch sonst keinen Schmerz, obwohl das Licht ihn noch blasser aussehen ließ. Viraine nickte zu sich selbst und setzte seinen Weg durch das Zimmer fort. Dabei ging er hinter meinem Rücken entlang. Ich drehte meinen Kopf, um ihn zu beobachten. Aus irgendeinem Grund wollte ich ihn nicht aus dem Auge verlieren.

»Wir erflehen deine Hilfe, um unsere Feinde zu überwältigen.« Hinter mir hatte Nahadoth sein Gesicht von dem stärker werdenden Licht des Tagesanbruchs abgewendet. Die schwarze Aura um ihn herum fing an, abzubröckeln, wie sie es auch in der Nacht unter Seiminas Folter getan hatte. Viraine berührte Nahadoths Stirn. Aus dem Nichts erschien ein Siegel, das ebenfalls weiß glühend war, und Nahadoth zischte, als ob es ihm weitere Schmerzen zufügte. Viraine ging weiter.

»Wir erbitten deinen Segen für die zuletzt Erwählten«, sagte er und berührte Seiminas Stirn. Sie lächelte, als ihr Siegel entflammte. Das weiße Licht erhellte die scharfen Winkel und erwartungsvoll angespannten Ebenen in ihrem Gesicht.

Dann blieb Viraine vor mir stehen, und der Sockel befand sich zwischen uns. Als er dahinter entlangging, wurde mein Blick wieder von dem Stein der Erde angezogen. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass er so außerordentlich unscheinbar war.