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Der Klumpen erzitterte. Nur für einen kurzen Moment schwebte dort ein perfekter, hübscher silberner Samen, bevor er sich wieder in den dunklen Klumpen verwandelte.

Wenn Viraine mich in dem Moment angesehen hätte, wäre wahrscheinlich alles verloren gewesen. Ich verstand, was geschehen war; die Eingebung kam wie ein einziger, eiskalter Blitzschlag, und ich erkannte die Gefahr — und das war auf meinem Gesicht abzulesen. Der Stein war wie Nahadoth, wie alle Götter, die an die Erde gefesselt waren; seine wahre Form verbarg sich hinter einer Maske. Die Maske verlieh ihm ein durchschnittliches, unwichtiges Aussehen. Aber für diejenigen, die genauer hinsahen und mehr erwarteten — besonders die, die seine wahre Natur kannten —, würde er zu mehr werden. Er würde seine Form ändern, um all ihr Wissen widerzuspiegeln.

Ich war verurteilt, und der Stein war die Klinge meines Scharfrichters. Ich hätte ihn als bedrohliches, schreckliches Ding sehen müssen. Dass ich Schönheit und Versprechen sah, war eine eindeutige Warnung an alle Arameri, dass ich mehr vorhatte, als nur heute zu sterben.

Glücklicherweise sah Viraine mich noch immer nicht an. Er hatte sich dem östlichen Himmel zugewandt, genau wie jeder andere im Zimmer. Ich schaute von Gesicht zu Gesicht und sah Stolz, Angst, Erwartung, Bitterkeit. Letzteres gehörte zu Nahadoth, der außer mir der Einzige war, der nicht den Himmel anschaute. Stattdessen trafen sich unsere Blicke und versenkten sich ineinander. Womöglich war das der Grund, warum wir die Einzigen waren, die nicht von der Sonne beeinflusst wurden, als sie begann, sich über den Horizont zu wölben, und Macht die ganze Welt zum Beben brachte wie einen erschütterten Spiegel.

Von dem Moment an, wenn die Sonne aus der Sicht der Sterblichen verschwindet, bis das letzte Licht erloschen ist: Das ist Zwielicht. Von dem Moment an, wenn die Sonne beginnt, sich über dem Horizont zu wölben, bis sie nicht länger die Erde berührt: Das ist Dämmerung.

Ich sah mich überrascht um und hielt den Atem an, als der Stein vor mir aufblühte.

Das war das einzig passende Wort für das, was ich da sah. Der hässliche Klumpen zitterte und entfaltete sich — Lagen schälten sich herunter, um Licht freizugeben. Aber es war nicht das gleichmäßig weiße Licht von Itempas, und es war auch nicht das wabernde Unlicht Nahadoths. Dies war das seltsame Licht, das ich in dem Verlies gesehen hatte. Es war grau und unschön und schien jegliche Farbe aus der Umgebung herauszuziehen. Der Stein hatte jetzt keine Form mehr, noch nicht einmal die des silbernen Aprikosenkerns. Er war ein Stern, der Licht abgab, aber irgendwie ohne Stärke war.

Trotzdem fühlte ich seine wahre Kraft, die in Wellen auf mich abstrahlte. Ich bekam Gänsehaut, und mir drehte sich der Magen um. Ich machte ungewollt einen Schritt rückwärts und verstand nun, warum T’vril die Bediensteten vorgewarnt hatte. In dieser Macht lag nichts Gesundes. Sie war ein Bestandteil der Göttin des Lebens, aber diese war tot. Der Stein war nur ein grausiges Relikt.

»Nenne deine Wahl, wer unsere Familie führen soll, Enkelin«, sagte Dekarta.

Ich wandte mich von dem Stein ab, obwohl seine Strahlung auf der Gesichtshälfte, die ihm zugewandt blieb, Juckreiz hervorrief. Einen Moment lang verschwamm alles vor meinen Augen. Ich fühlte mich so schwach. Das Ding brachte mich um, und ich hatte es noch nicht einmal berührt.

»R-Relad«, sagte ich. »Ich wähle Relad.«

»Was?« Seiminas Stimme, entsetzt und empört. »Was hast du gesagt, du Bastard?«

Hinter mix bewegte sich etwas. Es war Viraine, der auf meine Seite des Sockels gekommen war. Auf meinem Rücken spürte ich seine Hand, die mich stützte, als mir von der Kraft des Steins schwindelig wurde und ich schwankte. Ich sah diese Geste als Trost an und gab mir mehr Mühe, stehenzubleiben. Als Viraine ein Stück zur Seite trat, fiel mein Blick auf Kurue. Ihr Ausdruck war grimmig und entschlossen.

Ich glaubte, ich wusste, weshalb.

Die Sonne bewegte sich schnell, wie es ihre Gewohnheit war. Sie war bereits zur Hälfte über die Horizontlinie hinausgetreten. Bald war nicht länger Dämmerung, sondern Tag.

Dekarta nickte, unbeeindruckt von Seiminas plötzlichem Gestammel. »Dann nimm den Stein«, befahl er mir. »Setze deine Wahl in die Tat um.«

Meine Wahl. Ich hob meine zitternde Hand, um den Stein zu nehmen, und fragte mich, ob der Tod Schmerzen bereitete. Meine Wahl.

»Tu es«, flüsterte Relad. Er beugte sich vor, und sein ganzer Körper war angespannt. »Tu es, tu es, tu es ...«

»Nein!« Scimina wieder, ein Schrei. Ich sah aus dem Augenwinkel, wie sie auf mich zusprang.

»Es tut mir leid«, flüsterte Viraine hinter mir — und plötzlich hielt alles an.

Ich blinzelte und war nicht sicher, was geschehen war. Etwas veranlasste mich dazu, nach unten zu sehen. Dort ragte durch das Mieder meines hässlichen Kleides etwas Neues hervor: die Spitze einer Messerklinge. Sie war auf der rechten Seite des Brustbeins, neben der Rundung meiner Brust, aus meinem Körper getreten. Der Stoff, der sich darum befand, veränderte sich und wurde zu einem seltsamen, nassen Schwarz.

Blut, wie mir klar wurde. Das Licht des Steins stahl sogar diese Farbe.

Mein Arm wurde bleischwer. Was hatte ich getan? Ich konnte mich nicht erinnern. Ich war sehr müde. Ich musste mich hinlegen.

Das tat ich auch.

Und ich starb.

Zwielicht und Dämmenung

Ich weiß jetzt wieder, wer ich bin.

Ich habe an mir festgehalten und werde dieses Wissen nicht wieder loslassen.

Ich trage in mir die Wahrheit, zukünftig und vergangen — untrennbar.

Ich werde das hier zu Ende bringen.

In dem Zimmer mit den gläsernen Wänden geschehen viele Dinge auf einmal. Ich bewege mich zwischen meinen früheren Begleitern. Ich bin unsichtbar; aber ich sehe alles.

Mein Körper fällt zu Boden und bewegt sich nicht. Nur eine Blutlache breitet sich darum aus. Dekarta starrt mich an, vielleicht sieht er andere tote Frauen. Relad und Scimina schreien Viraine mit verzerrten Gesichtern an. Ich kann ihre Worte nicht hören. Viraine starrt mit seltsam leerem Gesichtsausdruck auf mich herab und schreit ebenfalls etwas. Alle Enefadeh stehen wie angewurzelt da. Si’eh zittert, seine Katzenmuskeln krampfen sich zusammen und sind zum Zerreißen gespannt. Zhakkarn zittert ebenfalls, und ihre gewaltigen Fäuste sind geballt. Ich bemerke, dass zwei von ihnen keine Anstalten machen, sich zu bewegen, und weil ich es bemerke, schaue ich genauer hin. Kurue steht kerzengerade, und sie sieht ruhig, aber resigniert aus. Ein Schatten von Traurigkeit legt sich wie der Umhang, den ihre Flügel bilden, um sie. Die anderen können ihn nicht sehen.

Nahadoth — ah. Sein Ausdruck ist erst geschockt und dann voller Qual, während er mich anstarrt. Mich, die auf dem Boden liegt und ihr Herzblut vergießt, nicht mich, die ihn beobachtet. Wie kann ich nur beides sein 1, frage ich michßüchtig, bevor ich die Frage beiseiteschiebe. Sie ist unwichtig.

Wichtig ist der aufrichtige Schmerz in Nahadoths Augen, der weit über das Entsetzen hinausgeht, dass eine Chance auf Freiheit verlorenging. Sein Schmerz gilt aber nicht mir allein, denn auch er sieht andere tote Frauen. Würde er um mich trauern, wenn ich nicht die Seele seiner Schwester in mir trüge?

Das ist eine unfaire Frage und sehr kleinlich von mir.

Viraine bückt sich und reißt das Messer aus meiner Leiche. Daraufhinßießt noch mehr Blut, aber nicht viel. Mein Herz hat bereits aufgehört zu schlagen. Ich bin auf die Seite gefallen und liege halb zusammengerollt wie im Schlaf. Aber ich bin keine Göttin. Ich werde nicht wieder aufwachen.

»Viraine.« Jemand. Dekarta. »Erkläre dich.«