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Viraine steht auf und schaut hoch zum Himmel. Die Sonne steht zu drei Vierteln über dem Horizont. Ein seltsamer Ausdruck geht über sein Gesicht — ein Anflug von Angst. Dann ist er wieder verschwunden, und Viraine schaut auf das blutige Messer in seiner Hand. Er lässt es auf den Boden fallen. Das klappernde Geräusch ist weit entfernt, aber mein Blick konzentriert sich auf seine Hand. Mein Blut ist über seine Finger gespritzt. Sie zittern leicht.

»Es war unumgänglich«, sagt er, halb zu sich selbst. Dann reißt er sich zusammen und sagt: »Sie war eine Waffe, Mylord. Lady Kinneths letzter Schlag gegen Euch, und die Enefadeh waren insgeheim einverstanden. Ich habe nicht genug Zeit, um alles zu erklären. Es muss genügen, wenn ich sage, dass die ganze Welt den Preis gezahlt hätte, wenn sie den Stein berührt und ihren Wunsch geäußert hätte.«

Si’eh hat es geschafft, sich gerade hinzustellen, vielleicht weil er nicht mehr versucht, Viraine zu töten. Seine Stimme ist in der Katzenform tiefer und ein halbes Knurren. »Woher wusstest du das?«

»Ich habe es ihm gesagt.«

Kurue.

Die anderen starren sie ungläubig an. Aber sie ist eine Göttin. Selbst als Verräterin wird sie ihre Würde nicht aufgeben.

»Ihr habt Euch vergessen«, sagt sie und schaut jeden ihrer Mit-Enefadeh der Reihe nach an. »Wir sind zu lange der Gnade anderer Wesen ausgeliefert gewesen. Es gab eine Zeit, da wären wir nicht so tief gesunken, uns auf einen Sterblichen zu verlassen — erst recht nicht auf einen Nachkommen ausgerechnet des Sterblichen, der uns verraten hat.« Wenn sie auf meine Leiche sieht, hat sie Shahar Arameri vor Augen. Ich trage die Last so vieler toter Frauen. »Ich würde lieber sterben, als sie um meine Freiheit zu bitten. Ich würde sie lieber töten und mit ihrem Tod die Gnade von Itempas erkaufen.«

Nach ihren Worten entsteht atemlose Stille. Nicht aus Schock, sondern aus Zorn.

Si’eh durchbricht sie als Erster und knurrt ein leises, bitteres Lachen. »Ich verstehe. Du hast Kinnethgetötet.«

Alle Menschen im Zimmer schrecken auf, nur Viraine nicht. Dekarta lässt seinen Stock fallen, weil seine knorrigen Finger sich halb zu Fäusten geballt haben. Er sagt etwas. Ich höre es nicht.

Kurue scheint ihn auch nicht zu hören, obwohl sie ihren Kopf Richtung Si’eh neigt. »Das war das einzig Vernünftige. Das Mädchen musste hier in der Dämmerung sterben.« Sie zeigt auf den Stein. »Die Seele wird in der Nähe der fleischlichen Uberreste verweilen. Und bald wird Itempas eintreffen, um sie endlich zu holen und zu zerstören.«

»Und damit unsere Hoffnungen«, sagt Zhakkarn mit zusammengebissenen Zähnen.

Kurue seufzt. »Unsere Mutter ist tot, Schwester. Itempas hat gewonnen. Ich hasse es ebenfalls, aber es wird Zeit, dass wir es akzeptieren. Was glaubst du denn, was passiert wäre, wenn wir es geschafft hätten, uns zu befreien? Nur wir vier gegen den Lord Bright und Dutzende unserer Brüder und Schwestern? Und was den Stein angeht — wir haben niemanden, der ihn für uns benutzen könnte, aber Itempas hat seine Arameri-Schoßhündchen. Wir würden wieder in der Sklaverei enden oder noch schlimmer. Nein.«

Dann dreht sie sich zu Nahadoth um und schaut ihn zornig an. Wie hatte ich nur diesen Ausdruck in ihren Augen übersehen können? Er war schon immer dort. Sie sah Nahadoth an, wie meine Mutter wahrscheinlich Dekarta angesehen hatte: mit Trauer und Verachtung in einem. Das hätte mich eigentlich warnen müssen.

»Wenn du willst, hass mich dafür, Naha. Aber denk daran, wenn du deinen lächerlichen Stolz geschluckt und Itempas das gegeben hättest, was er wollte, wäre keiner von uns hier. Jetzt werde ich ihm geben, was er will, und er hat mir versprochen, mich dafür freizulassen.«

Nahadoth sprach sehr leise. »Du bist eine Närrin, Kurue, wenn du glaubst, dass Itempas etwas anderes außer meiner Unterwerfung akzeptieren wird.«

Dann sieht er hoch. Ich habe kein Fleisch in dieser Vision, diesem Traum, aber ich habe das Bedürfnis, zu zittern. Seine Augen sind schwärzer als schwarz. Die Haut um sie herum ist mit Falten und Rissen übersät wie eine Porzellanmaske, die kurz davor ist, zu zerplatzen. Durch diese Risse schimmert weder Blut noch Fleisch, sondern ein unmögliches Schwarz, das wie ein Herzschlag pulsiert. Als er lächelt, kann ich seine Zähne nicht sehen.

»Nicht wahr ... Bruder?« In seiner Stimme hallt Leere wider. Er schaut Viraine an.

Viraine, der durch die aufgehende Sonne wie eine Silhouette wirkt, dreht sich zu Nahadoth um — aber er scheint in meine Augen zu blicken. In die des beobachtenden, schwebenden Ichs. Er lächelt. Die Trauer und die Angst, die in dem Lächeln liegen, sind etwas, das ich als Einzige in diesem Zimmer verstehen kann. Ich weiß das instinktiv, aber ich weiß nicht, warum.

Dann, kurz bevor die unterste Rundung der Sonne sich vom Horizont löst, erkenne ich, was ich in ihm gesehen habe. Zwei Seelen. Itempas hat wie seine beiden Geschwister ein zweites Ich.

Viraine legt seinen Kopf zurück und schreit. Aus seiner Kehle ergießt sich glühend heißes, weißes Licht. Es durchßutet das Zimmer und blendet mich. Ich stelle mir vor; wie die Menschen in der Stadt und den umliegenden Ländereien unter uns dieses Licht noch meilenweit entfernt sehen. Sie werden denken, dass eine Sonne auf die Erde gekommen ist, und sie haben recht.

In der Helligkeit höre ich, wie die Arameri aufschreien — außer Dekarta. Er allein hat dem schon einmal beigewohnt. Als das Licht verblasst, erblicke ich Bright Itempas, den Elysiumvater.

Das Relief in der Bibliothek war überraschend präzise, obwohl die Unterschiede prägnant sind. Sein Gesicht ist noch perfekter, die Linien und die Gleichmäßigkeit darin sind von Bildhauerkunst nicht zu erfassen. Seine Augen haben das Gold der gleißenden Mittagssonne. Obwohl sein Haar genauso weiß ist wie Viraines, ist es noch kürzer und wesentlich dichter gelockt als meins. Seine Haut ist ebenfalls etwas dunkler, matt glänzend und makellos. Das überrascht mich, obwohl es das nicht tun sollte. Es muss die Amn maßlos ärgern. Auf den ersten Blick ist mir bereits klar, warum Naha ihn liebt.

In Itempas’Augen liegt auch Liebe, als er um meine Leiche und ihren Heiligenschein aus gerinnendem Blut herumgeht. »Nahadoth«, sagt er, lächelt und streckt seine Hände aus. Sogar in meinem fleischlosen Zustand erschauere ich. Was seine Zunge mit diesen Silben anstellt! Er ist gekommen, um den Gott der Verführung zu verführen, und er ist gut vorbereitet!

Nahadoth kommt plötzlich frei und kann sich hinstellen, was er auch tut. Aber er ergreift nicht die dargebotenen Hände. Ergeht an Itempas vorbei zu meinem Körper. Meine Leiche ist von allen Seiten mit Blut besudelt, aber er kniet nieder und hebt mich trotzdem hoch. Er drückt mich an sich und schützt meinen Kopf, damit er nicht an meinem schlaffen Nacken nach hinten fällt. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Er schaut mich einfach nur an.

Wenn diese Geste eine Beleidigung sein sollte, so hat sie ihre Wirkung nicht verfehlt. Itempas senkt langsam seine Hände, und sein Lächeln verblasst.

»Allvater.« Dekarta verbeugt sich würdevoll, aber unsicher ohne seinen Stab. »Wir fühlen uns durch Eure Anwesenheit wieder einmal geehrt.« Gemurmel ertönt an den Seiten des Zimmers; Relad und Scimina entbieten ebenfalls ihren Gruß. Sie sind mir egal. Ich verbanne sie aus meiner Wahrnehmung.

Einen Moment lang glaube ich, dass Itempas nicht antworten wird. Dann sagt er, während sein Blick immer noch auf Nahadoths Rücken ruht: »Du trägst immer noch das Siegel, Dekarta. Ruf einen Diener und beende das Ritual.«

»Sofort, Vater. Aber ...«

Itempas sieht Dekarta an. Dieser verstummt unter diesem Blick, der wie die Wüste brennt. Ich kann es ihm nicht verübeln. Aber Dekarta ist ein Arameri; Götter jagen ihm nicht lange Angst ein.

»Viraine«, sagt er. »Du warst ... ein Teil von ihm.«

Itempas lässt ihn in der Stille zappeln und sagt dann: »Seit deine Tochter Elysium verlassen hat.«