Dekarta schaut hinüber zu Kurue. »Du wusstest das?«
Sie neigt majestätisch ihren Kopf. »Nicht sofort. Aber Viraine kam eines Tages zu mir und ließ mich wissen, dass ich nicht auf alle Ewigkeit zu dieser irdischen Hölle verdammt sein muss. Unser Vater könnte uns immer noch vergeben, wenn wir unter Beweis stellen, dass wir ihm treu ergeben sind.« Sie wirft Itempas einen kurzen Blick zu, und auch ihre Würde kann ihre Angst nicht verbergen. Sie weiß, wie flatterhaß seine Gunst sein kann. »Selbst dann war ich nicht sicher; obwohl ich es vermutete. Zu dem Zeitpunkt habe ich meinen Plan gefasst.«
»Aber ... das bedeutet...« Dekarta hält inne, und in schneller Abfolge huschen Begreifen, Zorn und Resignation über sein Gesicht. Ich kann seine Gedanken erraten: Bright Itempas hat den Tod von Kinneth inszeniert.
Mein Großvater schließt seine Augen; vielleicht trauert er dem Verlust seines Glaubens nach. »Warum?«
»Viraines Herz war gebrochen.« Und ist sich der Allvater dessen bewusst, dass seine Augen sich auf Nahadoth richten, als er dies sagt? Weiß er, was dieser Blick enthüllt? »Er wollte Kinneth zurück und hat alles angeboten, wenn ich ihm helfen würde, das Ziel zu erreichen. Ich habe sein Fleisch als Bezahlung akzeptiert.«
»Das war vorhersehbar.« Ich begebe mich zu mir, die in Nahadoths Armen liegt. Nahadoth spricht über mir. »Du hast ihn benutzt.«
»Wenn es mir möglich gewesen wäre, ihm das zugeben, was er wollte, so hätte ich es getan«, antwortet Itempas mit einem sehr menschlich anmutenden Schulterzucken. »Aber Enefa hat diesen Wesen die Macht gegeben, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sogar wir können ihre Meinung nicht ändern, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben. Viraine war ein Narr, darum zu bitten.«
Das Lächeln,- das Nahadoths Lippen umspielt, ist verächtlich. »Nein, Tempa, das meinte ich nicht. Du weißt das.«
Und irgendwie, wahrscheinlich weil ich nicht länger lebe und nicht länger mit einem weltlichen Gehirn denke, verstehe ich. Enefa ist tot. Auch wenn ein Überbleibsel ihrer selbst verweilt — es ist nur ein Schatten dessen, was sie früher einmal wirklich war.
Viraine allerdings hatte die Essenz eines lebendigen Gottes in sich aufgenommen. Ich erschauere, als mir klar wird: In dem Moment, in dem Itempas Gestalt angenommen hat, ist Viraine gestorben. Wusste er, was ihm bevorstand? Zurückblickend wurde so viel klar, was seine seltsame Art anging.
Aber davor konnte Itempas Nahadoth in der Verkleidung von Viraines Geist und Seele wie ein Voyeur beobachten. Er konnte Nahadoth Befehle erteilen und sich an seinem Gehorsam ergötzen. Er konnte vorgeben, Dekartas Willen zu folgen und dabei die Ereignisse so lenken, dass er unterschwellig Druck auf Nahadoth ausübte. Alles ohne Nahadoths Wissen.
Itempas’Ausdruck verändert sich nicht, aber irgendetwas an ihm deutet auf Zorn hin. Vielleicht scheinen seine Augen noch etwas glänzender poliert zu sein. »Immer so melodramatisch, Naha.« Er macht einen Schritt näher heran — nah genug, dass die weiße Aura, die ihn umgibt, mit Nahadoths schwelendem Schatten kollidiert. Wo die beiden Mächte sich berühren, verschwinden sowohl Licht als auch Dunkelheit, und es bleibt nichts übrig.
»Du klammerst dich an das Stück Fleisch, als ob es etwas bedeutete«, sagt Itempas.
»Das tut es.«
»Ja, ja, ein Gefäß, ich weiß — aber ihr Zweck ist jetzt erfüllt. Sie hat eure Freiheit mit ihrem Leben erkauft. Willst du nicht herkommen und deine Belohnung abholen?«
Mit langsamen Bewegungen legt Nahadoth meinen Körper ab. Außer mir scheint niemand zu spüren, wie seine Wut sich aufbaut. Sogar Itempas sieht überrascht aus, als Nahadoth seine Fäuste ballt und auf den Boden hämmert. Mein Blut spritzt in zwei kleinen Fontänen hoch. Der Boden knackt merkwürdig, und einige der Risse ziehen sich die Glaswände hinauf. Glücklicherweise überziehen die Risse die Glaswände nur mit spinnwebartigen Mustern und zerschmettern sie nicht. Wie zum Ausgleich zerbricht stattdessen der Sockel in der Mitte des Zimmers. Dadurch fällt der Stein auf den Boden, und alle werden mit glitzernden weißen Flecken überschüttet.
»Mehr«, schnauft Nahadoth. Seine Haut ist noch weiter aufgeplatzt; er wird kaum noch von dem Fleisch, das sein Gefängnis ist, festgehalten. Als er sich erhebt und umdreht, tropft von seinen Händen etwas, das zu dunkel ist, um Blut zu sein. Der Umhang, der ihn umgibt, peitscht die Luft wie winzige Tornados.
»Sie ... war ... mehr!« Er ist kaum noch zu verstehen. Er hat Unendlichkeiten gelebt, bevor es Sprache gab. Vielleicht ist es sein Instinkt, in Augenblicken, in denen es zum Äußersten kommt, auf Sprache völlig zu verzichten und seinen Zorn nur hinauszubrüllen. »Mehr als nur ein Gefäß. Sie war meine letzte Hoffnung. Und deine.«
Kurue — mein Blick wendet sich ihr gegen meinen Willen zu — macht einen Schritt nach vorne und öffnet ihren Mund, um zu protestieren. Zhakkarn packt sie warnend am Arm. Weise, denke ich, oder immerhin weiser als Kurue. Nahadoth sieht aus, als ob er völlig durchdreht.
Itempas allerdings auch, während er Nahadoths Wüten beobachtet. In seinen Augen steht unverblümte Lust. Neben der Anspannung des Kriegers ist sie unverkennbar. Natürlich: Wie viele Ewigkeiten haben sie damit zugebracht, sich zu bekämpfen — rohe Gewalt, die den Weg freimachte für andere, seltsamere Gelüste? Oder vielleicht ist Itempas einfach so lange ohne Nahadoths Liebe gewesen, dass er alles — sogar Hass — an ihrer statt akzeptieren wird.
»Naha«, sagt er leise. »Schau dich an. All das wegen einer Sterblichen?« Er seufzt und schüttelt seinen Kopf. »Ich hatte gehofft, dass du, wenn du erst einmal unter diesem Gesindel lebst, deine Fehler einsiehst. Jetzt sehe ich, dass du dich nur an die Gefangenschaftgewöhnt hast.«
Er macht einen Schritt nach vorne und tut das, was jeder andere in diesem Zimmer für Selbstmord gehalten hätte: Er berührt Nahadoth. Es ist eine kurze Geste, seine Finger streifen nur leicht über das rissige Porzellan von Nahadoths Gesicht. In dieser Berührung liegt so viel Sehnsucht, dass mir das Herz schmerzt.
Aber macht das noch einen Unterschied? Itempas hat Enefa getötet, er hat seine eigenen Kinder getötet, er hat mich getötet. Er hat ebenfalls etwas in Nahadoth getötet. Kann er das nicht sehen?
Vielleicht sieht er es, denn sein weicher Ausdruck verschwindet, und kurz darauf nimmt er seine Hand fort.
»So sei es«, sagt er und wird kalt. »Das hier ermüdet mich. Enefa war eine Plage, Nahadoth. Sie hat das reine, vollkommene Universum, das du und ich erschaffen hatten, genommen und es beschmutzt. Ich habe den Stein behalten, weil ich sie wirklich mochte, egal, was du denkst ... und weil ich dachte, es würde helfen, deine Meinung zu ändern.«
Er macht eine Pause und schaut hinunter auf meine Leiche. Der Stein ist in mein Blut gefallen, weniger als eine Handbreit von meiner Schulter entfernt. Obwohl Nahadoth vorsichtig war, als er mich ablegte, ist mein Kopf haltlos zur Seite gekippt. Ein Arm ist nach oben gebogen, als ob er versuchen wollte, den Stein zu umarmen und näher zu mir hin zu ziehen. Das Bild ist voller Ironie: eine sterbliche Frau, die bei dem Versuch getötet wurde, sich der Macht einer Göttin zu bemächtigen. Und die Geliebte eines Gottes zu werden.
Ich glaube, Itempas wird mich in eine ganz besonders schreckliche Hölle werfen.
»Ich denke, es ist Zeit, dass unsere Schwester vollends stirbt«, sagt Itempas. Ich kann nicht sagen, ob er den Stein ansieht oder mich. »Lass ihre Plage mit ihr sterben, und dann kann unser Leben wieder so sein, wie es einmal war. Hast du diese Zeiten nicht vermisst?«
Ich bemerke, wie Dekarta sich bei diesen Worten versteift. Er scheint der einzige der drei Sterblichen zu sein, der begreift, was Itempas meint.
»Ich werde dich auch dann nicht weniger hassen, Tempa«, stößt Nahadoth hervor, »wenn wir die letzten Überlebenden in diesem Universum sind.«
Dann wird er zu einem brausenden schwarzen Sturm, der angreift, und Itempas ist ein knisterndes weißes Feuer, das sich wappnet, um ihm zu begegnen. Durch die Erschütterung ihres Aufeinandertreffens zerbricht das Glas des Ritualzimmers. Sterbliche schreien, und ihre Stimmen sind fast nicht zu hören, als kalte, dünne Luft hereinheult, um die Leere zu füllen. Sie fallen zu Boden, während Nahadoth und Itempas in die Höhe schnellen. Aber meine Aufmerksamkeit wird kurz auf Scimina gelenkt. Ihr Blick fällt auf das Messer; das mich getötet hat — Viraines Messer, das nicht weit von ihr entfernt liegt. Relad liegt ausgehreitet und benebelt zwischen Glassplittern und Trümmern des zerbrochenen Sockels. Scimina kneift ihre Augen zusammen.