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Neue Farben. Neue Gerüche in der Luft. Mir war vorher nie bewusst gewesen, was es bedeutete, in einem Universum zu leben, das ein Drittel von sich verloren hatte. Der Krieg der Götter hatte uns so viel mehr als nur Leben gekostet.

Aber nicht länger, schwor ich.

Um mich herum hatte das Durcheinander aufgehört. Ich wollte nicht reden, nicht denken, aber ein gewisses Verantwortungs- bewusstsein bahnte sich seinen Weg durch meine Tagträume. Schließlich seufzte ich und richtete meine Aufmerksamkeit auf meine Umgebung.

Links von mir standen drei strahlende Kreaturen, deren Gestalt veränderbar war und die stärker waren als der Rest. Ich erkannte in ihnen einen Teil von mir. Sie starrten mich mit weit offenen Mündern an; die Bewegungen ihrer Hände und Klauen mit den Waffen waren eingefroren. Dann formte einer von ihnen sich um, wurde zu einem Kind und trat vor. Seine Augen waren geweitet. »M-Mutter?«

Das war nicht mein Name. Ich hätte mich teilnahmslos abgewendet, wenn mir nicht in den Sinn gekommen wäre, dass ihn das kränken würde. Warum war das von Bedeutung? Ich wusste es nicht, aber es störte mich.

Also sagte ich stattdessen: »Nein.« Einer plötzlichen Eingebung folgend, streckte ich meine Hand aus und streichelte sein Haar. Seine Augen weiteten sich noch mehr, dann liefen Tränen heraus. Er zog sich von mir zurück und bedeckte sein Gesicht. Ich wusste nicht, was ich von dem Benehmen halten sollte, also wandte ich mich an die anderen.

Auf meiner rechten Seite befanden sich noch drei — besser gesagt zwei, denn einer lag im Sterben. Ebenfalls strahlende Kreaturen, obwohl ihr Licht in ihnen verborgen war, auch waren ihre Körper schwächer und primitiver. Und endlich. Der Sterbende erlosch, während ich zusah. Zu viele seiner Organe waren beschädigt worden, sie konnten ihn nicht länger am Leben halten. Ich fühlte, dass ihre Sterblichkeit richtig war, auch wenn ich deswegen trauerte.

»Was soll das?«, wollte eine von ihnen wissen. Die jüngere Frau. Ihr Kleid und ihre Hände waren bedeckt mit dem Blut ihres Bruders.

Der andere Sterbliche, alt und dem Tod ebenfalls nahe, schüttelte nur seinen Kopf und starrte mich an.

Dann standen plötzlich zwei weitere Kreaturen vor mir, und bei ihrem Anblick hielt ich den Atem an. Ich konnte nicht anders. Auch über die Hüllen hinaus, die sie trugen, um mit dieser Ebene Umgang pflegen zu können, waren sie wunderschön. Sie waren ein Teil von mir, Verwandte, und doch so anders. Ich war geboren worden, um mit ihnen zusammen zu sein, um die Kluft zwischen ihnen zu überbrücken und ihren Zweck zu vervollkommnen. Und jetzt neben ihnen stehen zu können ... ich wollte meinen Kopf in den Nacken werfen und vor Freude singen.

Aber etwas stimmte nicht. Der, der sich wie Licht und Ruhe und Stabilität anfühlte, war vollständig und prächtig. Aber in seinem Kern war etwas Ungesundes. Ich sah genauer hin und spürte eine große, schreckliche Einsamkeit in ihm, die an seinem Herzen nagte, wie ein Wurm an einem Apfel. Das ernüchterte mich und machte mich weicher, da ich wusste, wie sich diese Einsamkeit anfühlte.

Derselbe Pesthauch befand sich auch in dem anderen Wesen, dessen Natur nach allem Dunklen und Wilden rief. Aber ihm war noch etwas angetan worden, etwas Schreckliches. Seine Seele war geschunden und zerschlagen, mit scharfkantigen Ketten gefesselt und dann in ein kleines Gefäß gezwungen worden. Ständige Qual. Er war auf ein Knie gefallen und starrte mich aus dumpfen Augen durch sein langes, schweißgetränktes Haar an. Selbst sein Keuchen verursachte ihm Schmerzen.

Es war eine Obszönität. Aber die größere Obszönität war die Tatsache, dass die Ketten — als ich ihnen zu ihrer Quelle folgte — ein Teil von mir waren. Ebenso wie die anderen drei Leinen; eine davon führte zu dem Hals der Kreatur, die mich Mutter genannt hatte.

Angewidert riss ich die Ketten aus meiner Brust und zerschmetterte sie einzig durch meinen Willen.

Die drei Kreaturen zu meiner Linken keuchten und krümmten sich zusammen, als ihre Kraft zu ihnen zurückkehrte. Ihre Reaktion war aber nichts gegen die des dunklen Wesens. Einen Augenblick lang bewegte er sich nicht. Nur seine Augen weiteten sich, als die Ketten sich lösten und abfielen.

Dann warf er seinen Kopf in den Nacken und schrie — und das ganze Universum geriet aus den Fugen. Auf dieser Ebene spiegelte sich das als eine gigantische Erschütterung von Klang und Vibration wider. Jegliche Sicht verschwand aus der Welt und wurde von einer so tiefen Finsternis ersetzt, dass schwache Seelen wahnsinnig werden konnten, wenn sie länger als einen Herzschlag anhielt. Sie verging aber schneller als das und wurde von etwas Neuem ersetzt.

Gleichgewicht: Ich spürte, wie es zurückkehrte, so wie man das Einrasten eines ausgerenkten Kiefers spürt. Das Universum war aus den Drei entstanden. Zum ersten Mal seit einem langen Zeitalter wandelten wieder Drei.

Als alles still war, sah ich, dass mein Dunkler vollständig war. Wo einst ruhelose Schatten hinter ihm herflatterten, war jetzt eine unglaublich negative Ausstrahlung, die so schwarz war wie der Mahlstrom. Hatte ich vorher geglaubt, dass er nur schön sei? Ah, aber jetzt war da kein menschliches Fleisch, um seine kühle Erhabenheit wegzufiltern. In seinen schwarzblauen Augen schienen sich eine Million Geheimnisse zu spiegeln, entsetzlich, aber exquisit. Als er lächelte, erschauerte die ganze Welt, und ich war nicht immun dagegen.

Trotzdem erschütterte mich das auf einer ganz anderen Ebene, da mich plötzlich Erinnerungen durchzuckten. Diese Erinnerungen waren fahl, wie etwas halb Vergessenes — aber sie drängten mich und verlangten Anerkennung, bis ich einen Ton von mir gab, meinen Kopf schüttelte und aufbegehrend in die Luft schlug. Sie waren ein Teil von mir, und obwohl mir klar war, dass Namen Schall und Rauch für unsereins waren, bestanden diese Erinnerungen darauf, der dunklen Kreatur einen Namen zu geben. Nahadoth.

Und der helle war Itempas.

Und ich ...

Ich stutzte verwirrt. Ich hob meine Hände vors Gesicht und starrte sie an, als ob ich sie noch nie gesehen hätte. In mir war das graue Licht, das ich vorher so gehasst hatte und das sich jetzt in all die Farben umgewandelt hatte, die vorher gestohlen worden waren. Durch meine Haut konnte ich diese Farben in meinen Venen und Nerven tanzen sehen. Auch wenn sie versteckt waren, waren sie nicht weniger kräftig. Nicht meine Kraft. Aber es war mein Fleisch, oder nicht? Wer war ich?

»Yeine«, sagte Nahadoth und klang verwundert.

Ein Zittern durchlief mich und dasselbe Gefühl des Gleichgewichts, das ich kurz zuvor schon einmal gehabt hatte. Plötzlich verstand ich. Es war mein Fleisch und auch meine Kraft. Ich war das, was sterbliches Leben aus mir gemacht hatte, was Enefa aus mir gemacht hatte, aber all das lag in der Vergangenheit. Von jetzt an konnte ich sein, wer immer ich wollte.

»Ja«, sagte ich und lächelte ihn an. »So heiße ich.«

Weitere Veränderungen waren nötig.

Nahadoth und ich wandten uns Itempas zu, der uns beobachtete, und seine Augen waren hart wie Topase.

»Nun, Naha«, sagte er, obwohl der Hass in seinen Augen allein mir galt. »Ich muss dir gratulieren, das ist ein feiner Handstreich. Ich dachte, es würde reichen, das Mädchen zu töten. Jetzt sehe ich, dass ich sie wohl besser vollends ausgelöscht hätte.«

»Das würde mehr Macht erfordern, als du besitzt«, sagte ich. Itempas runzelte kurz die Stirn. Es war so einfach, ihn zu lesen, wusste er das nicht? Er dachte immer noch, dass ich eine Sterbliche sei, und Sterbliche waren unbedeutend für ihn.