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»Du bist nicht Enefa«, fuhr er mich an.

»Nein, das bin ich nicht.« Unwillkürlich musste ich lächeln. »Weißt du, warum Enefas Seele all diese Jahre hier verweilte? Das war nicht wegen des Steins.«

Sein Stirnrunzeln vertiefte sich vor Zorn. Was für ein reizbares Wesen er war. Was sah Naha nur in ihm? Nein, das war Eifersucht, die da sprach. Gefährlich. Ich würde nicht die Vergangenheit wiederholen.

»Der Zyklus des Lebens und des Todes fließt aus mir heraus und durch mich hindurch«, sagte ich und berührte meine Brust. Darin schlug etwas — nicht ganz ein Herz — stark und gleichmäßig. »Selbst Enefa hat das nie gänzlich verstanden. Vielleicht war ihr schon immer vorherbestimmt, irgendwann zu sterben, und jetzt bin ich vielleicht die Einzige von uns, die nie absolut unsterblich sein wird. Aber gleichzeitig kann ich auch nie unwiderruflich sterben. Zerstöre mich, und ein Teil wird immer fortbestehen. Meine Seele, mein Fleisch, vielleicht auch nur meine Erinnerungen — aber es wird ausreichen, um mich zurückzuholen.«

»Dann war ich eben nicht gründlich genug«, sagte Itempas, und sein Ton versprach nichts Gutes. »Ich werde das beim nächsten Mal korrigieren.«

Nahadoth trat vor. Seine dunkle Aura, die ihn umgab, machte ein leises, knackendes Geräusch, als er sich bewegte, und weiße Flecken — Feuchtigkeit aus der Luft, die gefror — schwebten hinter ihm zu Boden.

»Es wird kein nächstes Mal geben, Tempa«, sagte er mit beängstigender Sanftheit. »Der Stein ist fort, und ich bin frei. Ich werde dich zerreißen, wie ich es mir in all den langen Nächten in Gefangenschaft ausgemalt habe.«

Itempas’ Aura flackerte wie weiße Flammen auf, und seine Augen glühten wie Zwillingssonnen. »Ich habe dich bereits einmal gebrochen auf die Erde geworfen, Bruder, und ich kann es wieder tun ...«

»Genug«, sagte ich.

Nahadoths Antwort war ein Zischen. Er kauerte sich nieder, und seine Hände wurden plötzlich zu riesigen Klauen. Etwas wischte an seine Seite: Si’eh war wie ein katzenartiger Schatten bei ihm. Kurue bewegte sich, als ob sie sich zu Itempas gesellen wollte, aber Zhakkarns Speer war sofort an ihrer Kehle.

Sie alle beachteten mich nicht. Ich seufzte.

Das Wissen meiner Macht war in mir, so wie man instinktiv weiß, wie man denkt und wie man atmet. Ich schloss meine Augen und suchte danach, dann spürte ich, wie sie sich in mir entfaltete und ausbreitete. Sie war bereit. Begierig.

Das würde. Spaß machen.

Der erste Machtstoß, den ich durch den Palast sandte, war stark genug, um jeden ins Taumeln geraten zu lassen. Sogar meine beiden streitsüchtigen Brüder, die überrascht in Schweigen verfielen. Ich beachtete sie nicht, schloss meine Augen, zapfte die Energie an und formte sie nach meinem Willen. Da war so viel! Wenn ich nicht vorsichtig war, würde ich eher zerstören denn erschaffen. Irgendwo war mir bewusst, dass ich von farbigem Licht umgeben war: das Grau der Wolken, aber auch das Rosa des Sonnenuntergangs und das Weißgrün des Sonnenaufgangs. Mein Haar wehte darin und glänzte. Mein Gewand umwehte meine Knöchel, was mich störte. Ein kurzes Flackern meines Willens und es wurde zur Kleidung eines Darr-Kriegers; eine feingewobene Tunika ohne Ärmel und praktische, wadenlange Hosen. Sie hatten einen unpraktischen, silbernen Glanz, aber ... nun, schließlich war ich eine Göttin.

Wände — rau, braun, Baumrinde — entstanden um uns herum. Sie umschlossen den Raum nicht ganz; hier und da gab es Lücken, aber während ich hinschaute, füllten sie sich mit Zweigen, die wuchsen und sich teilten, und dann sprossen Blätter heraus. Der Himmel über uns war immer noch sichtbar, aber gedämpfter, was wir einem Blätterdach zu verdanken hatten, das sich nun dort ausbreitete. Durch dieses Blätterdach wuchs ein gigantischer Baumstamm, der sich knorrig bis hoch in den Himmel schraubte.

Um genau zu sein, durchstachen die drei obersten Äste den Himmel. Wenn ich von oben auf diese Welt schaute, würde ich weiße Wolken, blaue Ozeane, braunes Festland und einen einzigen, gigantischen Baum sehen, der die glatte Rundung des Planeten unterbricht. Wenn ich dann näher heranfliege, würde ich die Wurzeln wie Berge sehen, die Elysiumstadt zwischen ihren Gabeln einbetten. Ich würde Zweige sehen, die so lang sind wie Flüsse. Ich würde Menschen auf der Erde sehen, die aufgewühlt und entsetzt aus ihren Häusern krabbeln und von den Bürgersteigen aufstehen, um erstaunt den großen Baum anzustarren, der sich um den Palast des Elysiumvaters windet.

Tatsächlich sah ich all diese Dinge, ohne meine Augen jemals zu öffnen. Dann aber öffnete ich sie doch und sah meine Brüder und Kinder, die mich anstarrten.

»Genug«, sagte ich noch einmal. Dieses Mal beachteten sie mich. »Diese Welt kann nicht noch einen Krieg der Götter überstehen. Ich werde das nicht erlauben.«

»Du wirst das nicht erlauben?« Itempas ballte seine Fäuste, und ich fühlte das schwere, Blasen erzeugende Glühen seiner Macht. Einen Moment lang machte es mir Angst, und das aus gutem Grund. Er hatte das Universum seit Anbeginn der Zeit nach seinem Willen geformt — er war mir in Erfahrung und Weisheit weit überlegen. Ich wusste nicht einmal, wie ein Gott zu kämpfen. Er griff nicht an, weil wir zu zweit gegen ihn allein waren, aber das war das Einzige, das ihn zurückhielt.

Es gibt noch Hoffnung, beschloss ich.

Als ob er meine Gedanken lesen könnte, schüttelte Nahadoth den Kopf. »Nein, Yeine.« Seine Augen waren schwarze Löcher in seinem Schädel, bereit, ganze Welten zu verschlingen. Die Gier nach Vergeltung stieg wie Rauch kräuselnd von ihm auf. »Er hat Enefa umgebracht, obwohl er sie liebte. Er wird auch bei dir keine Skrupel haben. Wir müssen ihn vernichten, oder wir werden vernichtet werden.«

Ich war in der Zwickmühle. Ich hegte keinen Groll gegen Itempas — er hatte Enefa ermordet, nicht mich. Aber Nahadoth hatte Jahrtausende voller Schmerzen auszulöschen; er verdiente Gerechtigkeit. Und was noch schlimmer war, er hatte recht. Itempas war verrückt, vergiftet von seiner Eifersucht und Angst. Man erlaubte Verrückten nicht, frei herumzulaufen, weil sie eine Gefahr für sich und andere darstellten.

Allerdings war ihn zu töten unmöglich. Das Universum war aus den Dreien erschaffen worden. Ohne die Drei würde es enden.

»Ich könnte mir eine Lösung vorstellen«, sagte ich leise. Und selbst die war nicht perfekt. Schließlich wusste ich aus Erfahrung, wie viel Schaden sogar ein einziger Sterblicher in der Welt anrichten konnte, wenn man ihm genug Zeit und Macht gab. Wir muss- ten einfach das Beste hoffen.

Nahadoth stutzte, als er meine Absicht erkannte, aber sein Hass wurde weniger. Ja, ich hatte mir gedacht, dass ihn das zufriedenstellen würde. Er nickte einmal zustimmend.

Itempas versteifte sich, als ihm klar wurde, was wir vorhatten. Sprache war seine Erfindung gewesen, wir hatten Worte niemals wirklich benötigt. »Ich werde das nicht hinnehmen.«

»Doch, das wirst du«, sagte ich und vereinigte meine Macht mit der von Nahadoth. Es war eine einfache Zusammenführung — ein weiterer Beweis dafür, dass wir Drei dazu bestimmt waren, zusammenzuarbeiten und nicht gegeneinander. Eines Tages, wenn Itempas Buße getan hatte, könnten wir vielleicht wirklich wieder Drei sein. Welche Wunder wir dann erschaffen könnten! Ich würde mich darauf freuen und hoffen.

»Du wirst dienen«, sagte Nahadoth zu Itempas. Seine Stimme war kalt und beladen mit dem Gewicht des Gesetzes. Ich spürte, wie die Wirklichkeit sich neu formierte. Wir hatten auch nie eine eigene Sprache benötigt, jede Sprache war ausreichend, solange einer von uns die Worte aussprach. »Nicht einer einzigen Familie, sondern der ganzen Welt. Du wirst unerkannt unter den Sterblichen als einer von ihnen wandeln. Dir wird nur der Reichtum und der Respekt zur Verfügung stehen, den du durch deine Taten und Worte verdient hast. Du darfst deine Macht nur im Notfall anrufen und nur benutzen, um den von dir so verachteten Sterblichen zu helfen. Du wirst all das Unrecht, das in deinem Namen verübt wurde, wiedergutmachen.«