»Einverstanden«, sagte Msaliti zornbebend.
»Aber wie gedenkt er an das Gold heranzukommen?« fragte ich.
Msaliti blickte mich zornig an.
»Er muß einen Plan haben«, stellte ich fest.
»Ich gehe jetzt«, sagte Msaliti.
»Du willst doch bestimmt deine Verkleidung anlegen«, sagte ich.
»Die brauche ich nicht mehr«, erwiderte er.
»Was hast du vor?« fragte ich.
»Ich muß schnell handeln«, entgegnete er. »Es sind viele Befehle zu erteilen. Shaba muß festgenommen werden.«
»Wie kann ich dir helfen?« fragte ich.
»Ich nehme die Sache ab sofort allein in die Hand«, sagte er. »Du brauchst dir deswegen keine Gedanken mehr zu machen.«
Er warf sich eine bestickte Aba um die Schultern und verließ zornigen Schrittes den Raum.
»Warte!« rief ich hinter ihm her.
Doch er war schon fort.
Zornig folgte ich ihm. Kaum hatte ich den Vorraum durchquert und trat über die Schwelle ins Freie, als ich meine Arme plötzlich festgehalten spürte. Ein Dutzend Männer oder mehr warteten vor dem Haus, links und rechts von der Tür postiert. Sieben oder acht dieser Männer waren Askaris, darunter auch die beiden großgewachsenen Burschen, die ich schon von gestern kannte, schwarzhäutige, in Felle gekleidete Riesen mit Federn und goldenen Armreifen. Fünf oder sechs waren amtliche Schendi-Wächter. Sie wurden von einem Offizier des Kaufmannsrates dieser Stadt kommandiert.
»Ist er das?« fragte der Offizier.
»Ja«, sagte Msaliti und drehte sich um. »Er behauptet, Tarl aus Teletus zu sein, dürfte diese Behauptung aber nicht beweisen können.«
»Was geht hier vor?« brüllte ich. Ich wehrte mich in dem Bemühen, von den vier Männern loszukommen, die mich gepackt hielten. Im nächsten Augenblick spürte ich die nackten Spitzen zweier Dolche auf der Haut.
Ich stellte den Kampf ein. Beide Waffen ließen sich schneller zustoßen, als ich meine Gegner hätte von mir schleudern können.
Man fesselte mir die Hände auf dem Rücken.
»Diese Männer haben auf mich gewartet«, sagte ich zu Msaliti.
»Natürlich«, erwiderte er.
»Wie ich sehe, warst du entschlossen, auf jeden Fall derjenige zu sein, der den Ring unseren Vorgesetzten zurückgibt«, sagte ich.
»Natürlich«, entgegnete er. »Dadurch erhöhe ich das Ansehen, das ich bei ihnen genieße.«
»Aber was ist mit mir?« fragte ich.
Er zuckte die Achseln. »Wer mag schon wissen, was aus dir wird?«
»Du bist Offizier der Stadt Schendi«, sagte ich zu dem Mann, der die Wächter kommandierte. »Ich verlange, freigelassen zu werden.«
»Hier ist das Papier«, sagte Msaliti zu dem Offizier.
Der Offizier ergriff das Blatt und schaute es sich an. Dann wandte er sich zu mir um. »Du bist der Mann, der sich Tarl aus Teletus nennt?« fragte er.
»Ja.«
Der Offizier steckte das Papier ein.
»Es gibt in Schendi einen guten Ort für kriminelle Vagabunden«, stellte er fest.
»Schau doch in meine Brieftasche!« sagte ich. »Dort wirst du feststellen, daß ich kein Herumtreiber bin.«
Der Beutel wurde mir vom Gürtel geschnitten. Der Beamte schüttelte sich einige Gold- und Silbermünzen in die Hand.
»Siehst du?« fragte ich.
»Er traf in Schendi ein«, sagte Msaliti, »und trug das Gewand eines Metallarbeiters. Hier und jetzt steht er im Anzug eines Lederarbeiters vor dir.« Msaliti lächelte. »Welcher Metallarbeiter oder Lederarbeiter trägt schon ein solches Vermögen mit sich herum?«
»Offensichtlich ist er ein Dieb, zweifellos auf der Flucht«, sagte der Offizier.
»Das Arbeiterkontingent, das Schendi zur Verfügung stellen muß, verläßt morgen früh die Stadt«, sagte Msaliti. »Vielleicht kann dieser Bursche die Stelle eines braven Bürgers von Schendi einnehmen.«
»Würdest du das annehmbar finden?« fragte der Offizier.
Msaliti musterte mich. »Ja«, sagte er.
»Ausgezeichnet!« sagte der Offizier. »Legt dem Sleen ein Seil um den Hals!«
Man brachte an meinem Hals eine Leine an.
»Das ist nicht gerecht«, sagte ich.
»Wir haben schlimme Zeiten«, sagte der Offizier. »Und Schendi kämpft ums Überleben.«
Er hob vor Msaliti die Hand und zog sich zurück, seine Wächter nahm er mit.
»Wohin werde ich gebracht?« fragte ich Msaliti.
»Ins Landesinnere«, antwortete er.
»Du hattest die ganze Zeit den Rat von Schendi auf deiner Seite«, sagte ich. »Jemand in hoher Position muß hier seine Befehle gegeben haben.«
»Ja«, sagte Msaliti.
»Wer?« fragte ich.
»Ich.«
Ich musterte ihn verwirrt.
»Du weißt doch sicher, wer ich bin?« fragte er.
»Nein.«
»Ich bin Msaliti«, antwortete er.
»Und wer ist das?« wollte ich wissen.
»Na, ich!«
»Und wer bist du?«
»Ich dachte, das wüßten alle«, sagte er. »Ich bin Bila Hurumas Großwesir.«
16
»Zurück!« brüllte ich und schlug mit der Schaufel zu. Die scharfe Kante des Werkzeugs prallte seitlich gegen die Schnauze. Das Wesen fauchte. Das Geräusch ist unglaublich laut – oder hört sich zumindest so an, wenn man ganz in der Nähe steht. Ich bemerkte die spitze Zunge, die aufgedehnten Kiefer, das Maul gut einen Meter hoch, gefüllt mit vielen Reihen nach hinten geneigter Reißzähne.
Es war mir gelungen, den Fuß auf den Unterkiefer zu stellen und mit der Schaufel das Maul aufzustemmen, wodurch das Wesen gezwungen war, Ayaris blutendes Bein loszulassen, der hastig zurückwich. Ich spürte den Zug seiner Halsfessel an der Kette.
Wieder ließ ich die Schaufel vorzucken, diesmal gegen den Oberkiefer, und versuchte das Geschöpf brüllend zurückzudrängen.
Andere Männer rechts von Ayari und links von mir brüllten ebenfalls los und schlugen mit Schaufeln auf den Angreifer ein.
Mit blitzenden Augen wich er zurück, und die krummen, kurzen Beine mit den stummeligen Klauenfüßen schlugen ins Wasser. Der Riesenschwanz fuhr herum, traf einen Mann und schleuderte ihn ein Dutzend Fuß weit zur Seite. Das Wasser ging mir bis zu den Oberschenkeln. Erneut übte ich mit der Schaufel Druck aus. Die durchsichtigen Augenlider des Ungeheuers öffneten und schlossen sich unter den schuppigen Brauen. Wieder fauchte es, und die Zunge leckte Ayaris Blut auf, das im Maul verblieben war.
»Zurück!« rief der Askari in der Sprache der Binnenländer und stieß dem Ungeheuer seine Fackel ins Maul.
Das Tier brüllte vor Schmerzen auf. Dann wand es sich fauchend, zuckend, schwanzpeitschend durch das flache Wasser rückwärts. Augen und Schnauze und die weit geöffneten Nüstern befanden sich über der Wasseroberfläche.
»Fort! Fort!« brüllte der Askari und schwenkte die Fackel. Neben ihm stand ein zweiter Askari, der seine Lanze mit beiden Händen packte und sich brüllend bereithielt, seinem Kollegen zu helfen.
Interessanterweise störte der Zwischenfall die Arbeit kaum. Ich vermochte Hunderte von Arbeitern und Askaris zu sehen, wie auch zahlreiche Flöße, die zum Teil mit Vorräten, mit Baumstämmen und Werkzeugen beladen waren, zum Teil aber auch mit dem Schlamm, den wir aus dem Sumpfgebiet gegraben hatten, Schlamm und Erde, die dazu dienen sollten, die flankierenden Barrikaden aufzuschütten, um dieses Gebiet zu entwässern. Ziel des Unternehmens war es, dann später hier den Kanal auszuheben.
»Alles in Ordnung?« fragte ich Ayari.
Er fegte sich die Fliegen vom Kopf. »Ich glaube, ich bin krank«, sagte er.
Das Wasser rings um sein Bein färbte sich blutigrot.
»Weitermachen!« sagte der Askari mit der Fackel und watete auf uns zu.
»Da bist du aber knapp mit dem Leben davongekommen«, sagte ich zu Ayari.
Er erbrach sich ins Wasser.
»Kannst du arbeiten?« fragte der Askari.
Ayaris Bein schien die Last nicht mehr tragen zu können. Er schwankte und wäre beinahe ins Wasser gefallen. »Ich kann nicht stehen«, sagte er.
Ich stützte ihn.
»Nur gut, daß ich an der Kette der Gauner hänge«, sagte Ayari grinsend. »Nie zuvor war ich so glücklich über meinen Beruf. Wäre ich nicht angekettet gewesen, hätte mich das Biest bestimmt fortgezerrt.«