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»Das stimmt«, sagte Ayari.

Weiter vorn gab es Geschrei.

Askaris liefen los.

»Heb mich hoch!« sagte Ayari. Er war nicht groß.

Ich setzte ihn mir auf die Schultern.

»Was ist?« fragte der Mann links von mir.

»Nichts«, sagte Ayari. »Eine kleine Gruppe Eingeborene, drei oder vier Mann. Sie haben ihre Speere geworfen und sind geflohen. Die Askaris nehmen die Verfolgung auf.«

Ich setzte Ayari wieder im Wasser ab.

»Ist jemand ums Leben gekommen?« fragte der Mann von links.

»Nein«, antwortete Ayari. »Die Arbeiter haben die Angreifer rechtzeitig gesehen und zogen sich zurück.«

»Gestern nacht«, sagte der Mann, »sind zehn Mann getötet worden.« Er blickte uns an. »Von diesen Opfern war keines angekettet.«

»Es stimmt«, erwiderte Ayari, »daß wir den Eingeborenen hilflos ausgeliefert wären.«

»Ich glaube aber nicht«, warf ich ein, »daß solche Aktionen eine andere Wirkung haben könnten, als die Fertigstellung des Kanals lediglich hinauszuzögern.«

»Ja«, sagte Ayari.

»Könnte man die Arbeitsmannschaften nicht befreien und mit Waffen versehen?« fragte der Mann zu meiner Linken.

»Die Arbeiter bei uns kommen nicht aus den Stämmen, die hier leben«, sagte Ayari. »Du denkst wie ein Mann aus Schendi nicht wie ein Binnenländer.« Ayari deutete auf die Reihen der Männer hinter uns. »Außerdem sind die meisten Männer hier auf ihre Weise getreue Untertanen Bila Hurumas. Wenn ihre Arbeits-Periode beendet ist, kehren sie in ihre Dörfer zurück. Die meisten wären für die nächsten zwei oder drei Jahre vor einer erneuten Arbeitsverpflichtung sicher.«

»Ah!« sagte der Mann links von mir angewidert.

»Es gibt zwei klare Möglichkeiten, Bila Huruma aufzuhalten«, sagte Ayari. »Man müßte ihn im Kampf besiegen. Oder ihn umbringen.«

»Die erste Möglichkeit«, sagte ich, »kommt mir ziemlich unwahrscheinlich vor, wenn ich mir seine Armee und ihren Ausbildungsstand ansehe. In diesem Terrain gibt es nichts, was im offenen Kampf gegen seine Streitmacht eine Chance hätte.«

»Vergiß die Rebellen am Nordufer des Ngao-Sees nicht!« wandte der Mann ein.

»Wieso sind das Rebellen?« fragte ich.

»Bila Huruma beansprucht nach den Entdeckungen Shabas alle Gebiete im Bereich des Ngao-Sees. Wer sich ihm widersetzt, ist folglich ein Rebell.«

»Ah, jetzt verstehe ich!« sagte ich. »Die Feinheiten der Staatskunst sind mir manchmal nicht ganz begreiflich.«

»Im Grunde ist es ganz einfach«, sagte Ayari. »Man legt fest, was man beweisen will, und arrangiert dann die eigenen Prinzipien so, daß die gewünschte Schlußfolgerung sich als demonstrierbare Folge ergibt.«

»Aha«, sagte ich.

»Die Logik ist so neutral wie ein Messer«, bemerkte er.

»Aber was ist mit der Wahrheit?« wollte ich wissen.

»Die Wahrheit macht schon mehr Kummer«, räumte er ein.

»Ich glaube, du gäbst einen ausgezeichneten Diplomaten ab«, sagte ich.

»Ich bin mein ganzes Leben lang ein Betrüger und Scharlatan gewesen«, sagte Ayari. »Da würde es also gar keine Veränderung geben.«

»Vor fünf Tagen«, sagte der Mann links von mir, »sind Hunderte von Askaris in Kanus an uns vorbeigefahren, und zwar nach Osten. Das war, ehe du zu uns an die Kette kamst.«

»Und was hatten sie vor?«

»Sich den Rebellenstreitkräften Kisus zum Kampf zu stellen, des früheren Mfalme der Ukungu-Dörfer.«

»Wenn sie Erfolg haben«, sagte Ayari, »ist es mit dem organisierten Widerstand gegen Bila Huruma vorbei.«

»Sie werden siegen«, sagte der Mann.

»Warum hast du gesagt, ›des früheren Mfalme‹?« wollte ich wissen.

»Bila Huruma«, erklärte er, »das ist allgemein bekannt, hat die Häuptlinge der Ukunga-Region bestochen. Ihr Rat hat Kisu abgesetzt und den eigenen Anführer, einen Mann namens Aibu, an die Macht gebracht. Daraufhin zog sich Kisu mit etwa zweihundert Kriegern, die ihm treu ergeben waren, in die Sümpfe zurück, um seinen Kampf gegen Bila Huruma fortzusetzen.«

»In der Kunst der Politik ist Gold heimtückischer als Stahl«, sagte Ayari selbstgefällig.

»Er wollte in den Wäldern verschwinden und dort weiterkämpfen«, sagte ich.

»Der Krieg im Wald«, sagte Ayari, »bringt nur etwas, wenn es gegen einen schwachen oder fairen Gegner geht. Dem schwachen Feind fehlt die Kraft, die Waldbevölkerung auszulöschen. Der faire Feind wird so etwas nicht tun. Leider dürfte Bila Huruma weder schwach noch fair sein.«

»Aber er muß doch irgendwie aufgehalten werden«, sagte ich.

»Vielleicht kann man ihn umbringen«, meinte Ayari …

»Sicher wird er gut bewacht«, meinte der Mann zu meiner Linken.

»Sicher«, sagte Ayari.

»Unsere einzige Hoffnung ist also ein Sieg von Kisus Armee«, sagte der Mann.

»Vor fünf Tagen«, sagte Ayari, »sind die Askaris in den Osten gefahren, um sich ihm zum Kampf zu stellen.«

»Vielleicht hat die Schlacht inzwischen stattgefunden«, mutmaßte der Mann.

»Nein«, sagte ich. »Dazu ist es bestimmt zu früh.«

»Warum?« wollte Ayari wissen.

»Kisus Streitmacht befindet sich zahlenmäßig erheblich im Nachteil«, sagte ich. »Er würde sich die bestmögliche Position aussuchen müssen. Den Zeitpunkt der Auseinandersetzung müßte er sich sorgfältig überlegen.«

»Es sei denn, der Kampf würde ihm aufgezwungen«, sagte Ayari.

»Wie sollte das geschehen?« fragte ich.

»Du darfst die Tüchtigkeit der Askaris des Bila Huruma nicht unterschätzen«, sagte Ayari.

»Du redest«, sagte ich, »als handelte es sich um Berufssoldaten unter ganz straffer Generalsführung, erfahren im Kundschaften, im Umgehen, im Abschneiden des Rückzugs.«

»Hört doch!« sagte Ayari. Er hob die Hand.

»Ich höre es«, sagte ich. »Weißt du, was das ist?«

»Still!« forderte Ayari. »Ich horche!«

Die Laute waren noch etwa zwei Pasang entfernt und kamen näher. Gleich darauf wurde die Botschaft jedoch hinter uns aufgegriffen, etwa vier Pasang weiter unten an der Baustelle, zum Ushindi-See hin. Von Station zu Station würde die Nachricht dann schnell in den Graspalast Bila Hurumas weiterwandern.

»Die Streitkräfte Kisus sind im Kampf besiegt worden«, sagte Ayari. »So lautet die Trommelbotschaft.«

Ringsum hoben Askaris die Waffen über die Köpfe und schrien ihre Freude hinaus.

Weiter unten am Kanalaushub stimmten andere Männer ein stolzes Geschrei an, und viele schwangen ihre Schaufeln.

»Seht doch!« sagte Ayari.

Schon war das Wasserfahrzeug auszumachen – eine flache entmastete Barke. Sie wurde von vielen Dutzend Männern geschleppt, die, in ihre Seile gestemmt, durch den Sumpf wateten. Sie trugen Sklavenkragen. In Gruppen zu acht oder zehn Mann waren sie am Hals zusammengekettet. Flankiert wurden sie von Askaris, einige zu Fuß, andere in Kanus fahrend. Die Askaris waren in Siegerlaune und boten in ihren Fellen und prächtigen Federn und Hals- und Armreifen einen großartigen Anblick. Sie schwangen die schmalen pelzgesäumten Schilde und kurzen Stoßspeere. Auf dem Vorderdeck der Barke hatte man eine Baumtrommel installiert. Darauf ließ ein Askari mit zwei langen Schlegeln immer wieder die Siegesnachricht erklingen. Zahlreiche weitere Askaris fuhren an Bord der Barke mit, vorwiegend Offiziere, wie man an der Anordnung ihres Gold und Federschmucks erkennen konnte – Rang-Symbole, die ich allerdings nicht im einzelnen zu deuten wußte. Der Barke folgten, teils zu Fuß, teils in Kanus, gut tausend Askaris. Anstelle des Masts der Barke war eine Art T-Gebilde angebracht, daran hatte man einen Mann angekettet. Die Arme lagen über und hinter der Querstrebe des Gebildes, die Hände von einer Kette gesichert, die vor seinem Körper herumführte und ihn festhielt. Seine Füße ruhten auf einer kleineren Querstrebe weiter unten. Die Beine hatte man ihm ebenfalls mit einer Kette umwickelt. Es war ein großer Mann, dessen Haut zahlreiche Tätowierungen aufwies. Anscheinend war er verwundet und offensichtlich auch reichlich geschunden worden. Zuerst hielt ich ihn für tot, doch als die Barke näherkam, sah ich, wie er – anscheinend durch das Geschrei aufmerksam gemacht – den Kopf hob. Sofort richtete er sich auf und gab sich stolz, so gut er es vermochte, den Kopf erhoben, den Blick offen auf uns gerichtet.